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Agrarkraftstoff, eine feine Sache?

Aus CONTRASTE Nr. 279 (Dezember 2007)

HAMBURGER VEREIN KRITISIERT NUTZPFLANZENANBAU AUF REGENWALDFLÄCHEN

Agrarkraftstoff, eine feine Sache?

Agrarkraftstoff ist eine feine Sache, seine Verwendung trägt zur Rettung des Weltklimas bei, löst Energieprobleme und kurbelt nach Meinung von Industriebaronen und Politikern die Wirtschaft von Entwicklungsländern an. Aber er ist auch teuer und treibt die Lebensmittelpreise in den Entwicklungsländern in die Höhe. Die Umweltschutzorganisation »Rettet den Regenwald e.V.« warnt davor, dass Agrarkraftstoffe der Umwelt schaden können.

von Sandra Peters, Red. Göttingen # Zur Zeit sind Agrarkraftstoffe als umweltfreundliche Alternative zu Diesel, Benzin und Heizöl in aller Munde. Die Nutzpflanzen Zuckerrohr, Mais, Getreide und das Fruchtfleisch der Ölpalme (Palmöl) werden vor allem auf abgeholzten Regenwaldflächen angebaut. Auch in der Bundesrepublik werden 15 Prozent (1,75 Millionen Hektar) der landwirtschaftlich genutzten Fläche (12 Millionen Hektar) zum Anbau von Energiepflanzen genutzt. Aus ihnen werden Agrarkraftstoffe wie Pflanzenöl, Ethanol und Biomethan gewonnen. Die Bundesregierung befürwortet die Verwendung von Agrarkraftstoffen.

Der 1986 von Reinhard Behrend gegründete Hamburger Verein »Rettet den Regenwald e.V.« hat sich zum Ziel gesetzt, die Tropenwälder zu schützen, damit die Artenvielfalt der Flora und Fauna erhalten bleibt. Zudem tragen die Wälder durch die Bindung von CO2 zur Verbesserung des Weltklimas bei. Der Verein befasst sich in Kooperation mit den Umweltschutzorganisationen ARA, Pro Regenwald und Greenpeace mit der Frage, ob Agrarkraftstoffe wirklich eine gelungene Alternative zu herkömmlichem Kraftstoff darstellen oder möglicherweise weniger umweltfreundlich sind, als bisher vermutet.

Nach Meinung von Politikern und Industriellen sollen Agrarkraftstoffe durch eine Verringerung der CO2-Emissionen zu einer Verbesserung der Klimabilanz beitragen, Entwicklungsländern wirtschaftlichen Aufschwung bringen und Energieprobleme lösen, die durch Rückgang natürlicher Ressourcen wie Erdöl entstehen. Bis 2020 will die EU zehn Prozent dieser fossilen Kraftstoffe durch Agrarkraftstoffe ersetzen.

Die Idee ist gut. Dabei wird aber übersehen, dass man in Europa 38 Prozent der bisher landwirtschaftlich genutzten Fläche benötigt, um nur zehn Prozent des herkömmlichen Kraftstoffs durch Agrarkraftstoff ersetzen zu können. Um den aktuellen Energiebedarf der Menschheit zu decken, müsste nahezu die gesamte Erdoberfläche mit Energiepflanzen bebaut werden.

Die These, die Verwendung nachwachsender Rohstoffe verringere die CO2-Emissionen, ist differenziert zu betrachten. Agrarlandwirtschaftlich angebaute Biomasse enthält zwar dieselbe Menge der Luft entzogenen Kohlenstoffs, wie sie von Fahrzeugen wieder an die Umwelt abgeben wird, jedoch wird zur Gewinnung von Agrarflächen Regenwald gerodet und auf diese Weise zusätzlich CO2 an die Atmosphäre abgegeben. Diese bei der Abholzung von Regenwald entstehenden Treibhausgase können durch die Nutzpflanzen nicht ausgeglichen werden. »Eine Verminderung des Treibhauseffektes ist damit nicht zu erreichen«, erklärt der Regenwald-Vereinsvorsitzender Behrend. Zudem können auf den Plantagen nicht unbegrenzt Energiepflanzen angebaut werden, da die Humusschicht abnimmt.

Nutzpflanzenanbau verknappt Lebensmittel

Schwedische Wissenschaftler nennen einen weiteren Nachteil bei der Gewinnung von Kraftstoff aus Nutzpflanzen: Die gestiegene Nachfrage nach Mais und Getreide
für die Kraftstoffgewinnung verknappt das Lebensmittelangebot, mit der Folge, dass die Lebensmittel sich verteuern.

Während ein Lebensmittel-Preisanstieg in den Industrienationen nur geringe Auswirkungen hat, kann er in Entwicklungsländern drastische Folgen haben. Die arme Bevölkerung kann sich ihre Grundnahrungsmittel, beispielsweise aus Mais bestehende Tortilla, nicht mehr leisten. Zudem führt die starke Bewässerung der angebauten Energiepflanzen laut Recherchen des Stockholmer International Water Institute möglicherweise zu Wasserknappheit.

Der Regenwald-Schutzverein will durch Lobby- und Informationsarbeit die Öffentlichkeit über die deutsche Beteiligung an der Regenwaldzerstörung aufklären. Er organisiert Prostest- und Unterschriftenaktionen. Kürzlich ging ein Brief an die Bundestagsabgeordneten, mit der Aufforderung, Agrarenergie in keiner Weise zu fördern. In dem Brief kritisieren die Regenwaldschützer, dass Kraftwerksbetreiber, die aus Palmöl Strom und Heizwärme produzieren, Zuschüsse erhalten. Dadurch werden Palmöl-Konzerne geradezu ermuntert, immer neue Regenwaldflächen zu vernichten, um dort Nutzpflanzenplantagen anzulegen.

Der Hamburger Verein, der auf 5.000 Fördermitglieder zählen kann, unterstützt einheimische Umweltschutzorganisationen bei Aktionen vor Ort. In Equador organisiert er den Kauf bedrohter Regenwaldflächen. Für 20 Euro können rund 1.000 Quadratmeter gesichert werden. Eine lokale Umweltschutzgruppe überwacht die Gebiete und schützt sie gegen Abholzung. Die erworbenen Flächen werden an die Dörfer überschrieben und vertraglich zu Gemeindewäldern erklärt. Durch die Förderung von Naturtourismus und organischem Kaffeeanbau hilft der Regenwald-Schutzverein den einheimischen Bauern, ein zusätzliches Einkommen zu erwirtschaften.

Es sei verhältnismäßig leicht, aktive Mitglieder zu finden, da ein großes Interesse bestehe, bei Naturschutzaktionen mitzuhelfen, meint Reinhard Behrend. Spendengelder zu bekommen, gestalte sich schon schwieriger. Viele Privatpersonen spendeten jedoch bereitwillig. Diese Spenden setze der Verein zur Schadensbegrenzung ein.

Wenn es zu einer Verringerung der CO2-Emissionen kommen soll, müssen die Politiker eine andere Strategie verfolgen. Britische Wissenschaftler sind der Meinung, wenn herkömmliche Treibstoffe effizienter genutzt werden, beispielsweise ein vermehrter Einsatz von Fünf-Liter-Autos, kann dieses Ziel erreicht werden. Darüber hinaus trägt der Erhalt bestehender Wälder zu einer Verringerung der CO2-Emissionen bei. Auch die Umwandlung von abgestorbener Biomasse aus Wäldern stellt eine Alternative zur Biokraftstoffgewinnung dar.

Info: www.regenwald.org


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03.05.08    Sandra Peters <contraste@t-online.de>
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