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Aus CONTRASTE Nr. 278 (November 2007)
Neue Wege der Sexualität
»Sexualität birgt in sich eine wunderbare Kraft. Sie kann helfen, unser
Leben schöner zu machen. Sexualität kann unser Leben glücklicher machen.
Wir müssen uns aber auch um sie kümmern und sie pflegen. Sexualität ist
eine Möglichkeit, anderen Menschen zu begegnen. Sie kann Menschen
verbinden. Viele Menschen haben Probleme mit Sexualität, so zum Beispiel:
Sie wünschen sich eine Partnerin oder einen Partner, um Sex erleben zu
können, aber sie finden niemanden, oder die Beziehung hält nicht lange –
sie haben noch keine Erfahrung mit Sex und haben Angst, sich zu blamieren.
Sie wissen nicht genau, was sie sich beim Sex wünschen – oder sie trauen
sich nicht, es zu sagen. Sie wollen ganz besonders toll sein beim Sex und
machen sich damit Druck – und dann geht gar nichts mehr. Manche Menschen
glauben, Sexualität mache nur Probleme, besonders für Behinderte, und
gerade so entstehen Probleme.
Im Institut zur Selbst-Bestimmung Behinderter (ISBB) kommen behinderte
Menschen zusammen und wollen ihre eigene Sexualität finden und reicher
machen. Sie können dabei ein Stück ihres Weges mit uns, den
Sexualbegleiterinnen und Sexualbegleitern zusammen gehen. Sie wollen so
wichtige Erfahrungen machen. Diese Erfahrungen helfen ihnen, in ihrem
Alltag mehr Sexualität und vielleicht bessere Partnerschaften zu leben.«
(www.sexualbegleitung.org)
Wie begegne ich dem Büchlein »Hautnah« von Lothar Sandfort,
Diplom-Psychologe, das bei AG SPAK Bücher erschienen ist? Die erweiterte
Neuauflage gibt mir die Gelegenheit. Sexualität ist ja schon beim
Nicht-Behinderten ein schwieriges Thema (siehe oben), was es mir nicht
leicht macht, über das Buch zu schreiben. Doch es nähert sich behutsam dem
Thema Liebe und Sexualität, dem Sex. Der Auszug oben über die
SexualbegleiterInnen zeigt das ja: Der Text könnte sich ja auch an
Nicht-Behinderte richten, doch ist der Sex bei uns Nicht-Behinderten
vielleicht ein Persönlichkeitsproblem, bei Behinderten ist sie neben der
Partnerschaft die Gretchenfrage zu Emanzipation.
»Viele von uns Behinderten leben so, als seien sie ganz normal. Sie
schießen sogar über das Ziel hinaus. Weil alle Welt glaubt, unser Leben
sei voller Probleme, leben sie als Gegenbild die permanente Fröhlichkeit.
Bis sie in die Verlegenheit kommen, die Bettdecke aufschlagen zu müssen.
An Sexualität und Partnerschaft bricht für uns Behinderte jeder
Täuschungsversuch, jede Vertuschungsbemühung, jede Integrationsmär. Wenn
mitten in die schönste Romantik der Satz bricht: »Aber deine Behinderung
macht mir gar nichts aus«, dann sind wir definiert – und das ist gut so.
Endlich kommen unsere Wirklichkeit und die der Konsensrealität zusammen.
Endlich hört der harte Verleugnungskrampf auf und wir können beginnen, uns
zu befreien.« (Hautnah, S. 15) Damit und mit diesem Thema verlässt Sandfort
die altbekannten Wege des Umgangs mit Behinderten, aber auch das noch
vielfach vorkommende Selbstverständnis mancher Behinderten. Sandfort
schafft es, ein selbstverständliches Bild von Behinderten zu zeichnen.
Das Schöne an dem Buch ist, das Lothar Sandfort von sich spricht und das
sehr offen und selbstkritisch tut. Mitleid ist hemmend, normalsein-wollend
ebenfalls, und er erzählt ohne Tabus von der Sexualität Behinderter. Er
berichtet von seiner Sexualberatung, von »Amelos«, Kindern als Assistenz,
von Body-painting, Erotik-Workshops und der Ausbildung zur
Sexualbegleitung. Von Liebe in Einrichtungen und Sexualität im
Dienstverhältnis, von der Liebe und dem Verlust.
Folgerichtig lehnt er Sex auf Krankenschein ab, da in dem Fall die
Sexualität Behinderter eine Krankheit wäre, aber Sexualbegleitung ist
keine Behandlung, Sexualbegleitung verschafft Lust und hilft bei der
Persönlichkeitsentwicklung. Ein Buch aus dem Liebe, Zärtlichkeit und die
Lust am Sex spricht.
Dieter Koschek
Der Autor Lothar Sandfort ist Psychologe, querschnittgelähmt und Leiter
des Institut für Selbst-Bestimmung Behinderter in Trebel. Siehe auch im
Internet: www.peercity.de
Lothar Sandfort: Hautnah – Neue Wege der Sexualität behinderter Menschen.
AG SPAK Bücher, Neu-Ulm, 2. aktualisierte Auflage 2007, ISBN
978-3-930830-30-5, 149 S.
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