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Buchbesprechung: Kontroversen über den Zustand der Welt

Aus CONTRASTE Nr. 277 (Oktober 2007)

Kontroversen über den Zustand der Welt

Es gab einmal eine Zeit, da bekamen linke WissenschaftlerInnen zu ihrer Emeritierung oder zu persönlichen Anlässen keine Festschrift, wie ihre konservativen oder sozialdemokratischen KollegInnen. Dies galt als unschicklich, denn in diesen Festschriften wurden oft Beiträge nur zweitveröffentlicht oder ihre Zusammenstellung war so unklar, dass man davon sprach, eine Festschrift werde inhaltlich nur durch die Leimbindung zusammengehalten. Nun, das ist lange vorbei und die Welle der Emeritierungen der durch »1968« und die Folgen an die Universitäten gekommenen Wissenschaftler führt in den letzten Jahren schon fast zu einer Flut von als Sammelbänden erscheinenden Festschriften.

Karl Heinz Roth, anlässlich dessen 65. Geburtstag Ende Mai der hier anzuzeigende Band erschien, war dagegen nie an einer Universität angestellt. Er wirkte als niedergelassener Arzt in Hamburg und als Historiker im Rahmen der von ihm Mitte der 1980er Jahre mit gegründeten und bis heute geprägten Stiftung für Sozialgeschichte. Die 1998 nach Bremen umgezogene Stiftung gibt seit 1986 die Zeitschrift
sozial.geschichte (früher: 1999) heraus.

Thema des Bandes sind aber nicht die vielen Publikationen von Roth zur Arbeiter- oder zur Wissenschaftsgeschichte oder seine umfangreichen Forschungen zum Nationalsozialismus und zur Nachkriegszeit. In ihm stehen die politischen Interventionen und gesellschaftlichen Analysen im Mittelpunkt. Roth hatte 2004 mit dem Text »Der Zustand der Welt«, der dann 2005 in Buchform erschien, versucht eine weltumspannende Analyse vorzulegen, die die globalen Umbrüche mit der Neuzusammensetzung der lebendigen Arbeit im globalen Norden zusammendenkt. Schon 1993/94 hatte er mit dem Text »Die Wiederkehr der Proletarität« eine klassensolidarische Positionierung und Perspektive eingefordert und eine erstaunliche Prognosefähigkeit bewiesen – vor allem bezüglich der Prozesse, die heute als Abbau sozialer Rechte und Prekarisierung beschrieben werden. Seine Texte waren auch immer von einer kritischen Perspektive auf vergangene und aktuelle sozialistische Transformationsansätze gekennzeichnet.

Die AutorInnen kommen alle fast aus der Generation von Roth, nur einer ist mit 43 unter 50 Jahre alt. Georg Fülberth wendet sich gegen die beliebte These vom Zerfall der europäischen Sozialdemokratien, während Winfried Wolf Globalisierung, Privatisierung und das immense Wachstum der Transportleistungen untersucht.

Hervorzuheben sind drei Beiträge. Angelika Ebbinghaus fragt nach, was aus dem Operaismus, der Tradition, von der Roth vor allem geprägt wurde, noch bleibt und
gibt damit einen Überblick darüber, was sie selbst heute an dieser in Italien entstandenen Theorie interessant findet – und das ist einiges. Sergio Bologna, der italienische Soziologe und langjährige politische Weggefährte Roths, schreibt zur Lage der Mittelschichten in Westeuropa und wendet damit das analytische Instrument der Untersuchung der Klassenzusammensetzung an. Bologna weist auch immer wieder darauf hin, dass sich im Postfordismus die arbeitsrechtlichen Bedingungen ändern. Hier wird zusehends davon ausgegangen, dass sich, erst recht bei den neuen Selbständigen, auf dem Arbeitsmarkt zwei Rechtssubjekte begegnen, die beide als »Unternehmer« fungieren, und nicht mehr ein Arbeitgeber und ein Arbeitnehmer. In Italien gibt es zwei Millionen »Ein-PersonenUnternehmen « und 800.000 Kleinstunternehmen mit bis zu neun Beschäftigten, in denen weitere fünf Millionen arbeiten. Diese Mikro-Unternehmen sind der einzige Sektor, in dem noch neue Arbeitsplätze entstehen. Bologna fragt sich, was das für die CGIL als größter italienischer Gewerkschaft bedeutet, wenn heute gleichzeitig RentnerInnen die Mehrheit der CGIL-Mitglieder darstellen.

Der Beitrag von Christoph Jünke ist einer der wenigen, der sich ausdrücklich mit den Aussagen von Roth befasst. Er diskutiert diese vor dem Hintergrund der ja 2005 zeitgleich sich herausbildenden WASG. Jünke spart, wie Roth, nicht mit Kritik am damaligen Verhalten der Linkspartei. PDS, kritisiert an Roth aber gut begründet dessen Unterschätzung des Stellenwertes der Nationalstaaten für linke Politik, seine vorrangige Orientierung auf die Marginalisierten und seine Ablehnung von Organisationsbildung.

www.stiftung-sozialgeschichte.de

Bernd Hüttner

Marcel van der Linden/Christoph Lieber (Hrsg.): Kontroversen über den Zustand der Welt; 254 S., 17,80 EUR, VSA-Verlag, Hamburg 2007


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01.05.08    Bernd Hüttner <contraste@t-online.de>
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