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Aus CONTRASTE Nr. 276 (September 2007)
ARBEITSLOTSEN EG, LUDWIGSBURG
Utopie oder geniale Geschäftsidee: Arbeitnehmerüberlassung in Form der eG
Eine Marktanalyse zeigt gegenwärtig einen weiteren Anstieg von
Zeitarbeitsfirmen an, die jedoch immer noch nicht den Bedarf der Firmen
(Kunden) mit den passgenauen Anforderungen decken und erfüllen können.
Eine Zeitarbeitsfirma in Form einer Genossenschaft ist bis heute nicht
bekannt und hat sowohl für die eG, vor allem aber für den Kunden den
Vorteil, dass Attribute wie motiviert, treu, stetig und loyal täglich
gelebt werden. Deshalb wird aktuell in Ludwigsburg das Projekt
»arbeitslotsen eG« vorbereitet.
Helmut Röck, Red. Genossenschaften # Ungefähr 930 Niederlassungen von
Zeitarbeitsfirmen bieten in Baden-Württemberg ihre Dienste an. Die Anzahl
der durchschnittlich Beschäftigten im Bereich der Arbeitnehmerüberlassung
betrug 2005 circa 43.000 Mitarbeiter. Aktueller Höchststand waren zum
30.6.2006 rund 51.000 Zeitarbeitnehmer. Bundesweit arbeiten jährlich
durchschnittlich 500.000 Menschen als Zeitarbeitnehmer mit weiterhin
steigender Tendenz. Der gegenwärtige Anteil der Zeitarbeit bei den
Erwerbstätigen beträgt rund 1%. Bis 2010 strebt die Branche einen Anteil
von 2% an.
Zwar hält der Aufwärtstrend in der Wirtschaft an, trotzdem werden bei
Einstellungen weiterhin auch Zeitarbeiter eingestellt. Grundlagen solcher
Wachstumsprognosen sind unter anderem Erkenntnisse aus dem Umfeld der
IHKs. In der IHK-Ausgabe 03/2007 wird das Thema Zeitarbeit als
Erfolgsgeschichte betitelt und mit Schlagworten wie Boombranche und
Jobwunder belegt. Eine Analyse des Bundesministeriums für Arbeit kommt zu
gleichen Ergebnissen. Entsprechend rechnet das Institut für
Wirtschaftsforschung in Halle (IWH) damit, dass die Zeitarbeitsbranche in
den kommenden zehn Jahren am stärksten wachsen wird: Vier bis fünf
Millionen Leiharbeiter erwartet IWH-Arbeitsmarktexperte Herbert Buscher.
Qualifizierte Arbeitslose
Erfahrungen mit der Arbeit als Personal- und Arbeitsvermittler zeigen,
dass viele Arbeitssuchende hochqualifiziert und doch ohne Chance auf
Festanstellung sind. Auch bei Tätigkeiten in Transfergesellschaften und
Bildungseinrichtungen wird dies immer wieder bestätigt. Gründe dafür
liegen zum einen in der hohen Qualifizierung, zum anderen im Alter.
Trotzdem haben diese Menschen die Möglichkeit, über eigene Netzwerke oder
durch Vermittlung Dritter, ein Engagement zu bekommen. Vielen ist es
jedoch nicht möglich, eine selbständige Tätigkeit auszuüben und dem
Unternehmen Rechnungen auszustellen. Und selber verleihen können sie sich
auch nicht! Also soll ihnen die zukünftige »arbeitslotsen eG« eine
Plattform bieten, diese Engagements anzunehmen. Sie werden dort
eingestellt und ihnen bis
auf eine Verwaltungspauschale sämtliche Erträge weitergereicht.
Als Rechtsform soll die eingetragene Genossenschaft gewählt werden, um die
Mitarbeiter ohne großen Aufwand nach 13 Monaten freiwillig am Unternehmen
beteiligen zu können. Ziel ist es, gute Mitarbeiter in Festanstellung zu
gewinnen und dem Markt in gewerblicher Arbeitnehmerüberlassung zur
Verfügung zu stellen. Mit Mitarbeiterdaten / Kontakten / Profilings und
Firmenadressen / Kontakten aus einem bereits seit 2004 bestehenden
Unternehmen bietet sich in der jetzigen wirtschaftlichen Entwicklung in
der Region Ludwigsburg eine Zeitarbeitsfirma in dieser Form an.
Nutzen für den Kunden
Der Markt ist offen für weitere Firmen, die geeignetes Personal anbieten.
Vom Wettbewerb will sich die Genossenschaft abheben, indem die
Verantwortlichen die Mitarbeiter erst sehr intensiv kennen lernen, bevor
sie diese an Kunden verleihen. So lässt sich besser der passende
Mitarbeiter mit der richtigen Qualifikation vermitteln. Auf diese Weise
erhöht sich die Chance auf Folgeaufträge. Die »arbeitslotsen« richten sich
nach den Kundenwünschen. Es werden keine Schwerpunkte nach Berufen gelegt.
Durch Kontakte der bereits bestehenden “movebo Personal-und
Arbeitsvermittlung” in Ludwigsburg ist der Zugang zu potenziellen Kunden
(teilweise auch deren Bedarf) gegeben. Daraus bestehende Kontakte werden
kontinuierlich gepflegt, weitere Kontakte aufgebaut und ergänzend
Adressdateien angekauft. Zwei freie Mitarbeiter stehen bei Bedarf sofort
für die Akquisition zur Verfügung. Erste Formen der Öffentlichkeitsarbeit
fanden bereits statt. Vom 20.-22.3.07 nahmen die Initiatoren an der
Ludwigsburger Regionalmesse in Kooperation mit movebo teil. Aufgrund der
besonderen Einbindung der Mitarbeiter wird damit gerechnet, dass die
lokale- und die Kreispresse bereit ist, zum Thema Artikel zu
veröffentlichen.
Hochgesteckte Erwartungen
Zu Beginn wird der Standort des Unternehmens in Ludwigsburg sein. Je nach
Entwicklung werden Niederlassungen in weiteren Kreisstädten in
Baden-Württemberg eröffnet, so dass in der zweiten Phase der
Wirtschaftsraum »Mittlerer Neckar« und »Heilbronn / Franken« abgedeckt
wird. Eine Franchise/Lizenz-Weitergabe, deutschlandweit, ist Zielsetzung,
wenn sich das Ganze wie geplant entwickelt. In den ersten Jahren nach der
Gründung soll der Personalbestand kontinuierlich wachsen. Sofort nach der
Gründung ist eine Einstellung von vier Mitarbeitern vorgesehen. Ziel ist
bis 31.12.2007, einen Anstieg bis 20 Mitarbeitern zu erreichen. In 2008
soll eine weitere Steigerung auf rund 50 Mitarbeitern erfolgen.
Die Risiken, die in der Gründung einer
Arbeitnehmerüberlassungsgenossenschaft stecken, werden von den Initiatoren
als relativ niedrig angesehen. Das Fehlen von mittel- und hochwertigen
Verleihkräften ist sowohl Risiko als auch Chance für das Wachstum. Da
bereits ausreichend Kontakte zu zukünftigen Mitarbeitern und Kunden
bestehen, wird die Anlaufphase relativ kurz angesetzt. Dazu trägt auch
bei, so die Einschätzung, dass die Branche momentan boomt, somit ein
weiterer Zuwachs voraussehbar ist. Hauptrisiken bestehen momentan, wie in
fast in allen Branchen, in der wirtschaftlichen Gesamtentwicklung.
Vorteile für den Mitarbeiter
Die »arbeitslotsen« verstehen sich als vermittlungsorientierte Zeitarbeit:
Ziel ist die Festanstellung beim Kunden. Dem Arbeitsvertrag ist mit einem
transparenten Abrechnungssystem verbunden. Dem einzelnen wird offen legt,
wie die Kalkulation und Abrechnung seine Arbeit erfolgt. Der Mitarbeiter
hat über seinen Bruttolohn hinaus ein Konto von 75% dieses Bruttolohnes,
von dem sämtliche Lohnnebenkosten gedeckt werden. Schöpft er dieses Konto
nicht aus, erhält er die Differenz als Bonuszahlung. Dies ist ein »echter
Investivlohn«, weil sich die Mitglieder der Genossenschaft aktiv an der
Geschäftspolitik beteiligen
können.
Aufgrund der besonderen Form der Unternehmensführung und
Mitarbeiterbeteiligung bestehen gute Chancen, sich am Markt durchzusetzen.
Dies ergibt sich allein schon daraus, dass die Mitarbeiter im EIGENEN
UNTERNEHMEN mitarbeiten. Da die Mitarbeiter nach 13 Monaten an der
Genossenschaft beteiligt werden können, kann von einer
überdurchschnittlichen Leistungsbereitschaft ausgegangen werden. In dieser
Zeit ist es möglich, dass sich die Mitarbeiter einen Bonus erarbeiten. Den
können sie sich entweder auszahlen lassen oder in Form von
Genossenschaftsanteilen »ihrer« Firma zur Verfügung stellen.
Die Branche verändern
Auf diese Weise, so die Überzeugung der Initiatoren, wird sich ihre
Denkweise, gefördert durch Schulungen, in die eines Unternehmers
weiterentwickeln. Diese neue Denkweise und daraus resultierenden Folgen
und Attribute, machen ein wichtiges Alleinstellungsmerkmal der
genossenschaftlichen Arbeitnehmerüberlassungsfirma aus. Trotz dieser
Besonderheit werden sich die Preise nach den geltenden Marktpreisen
richten. Innerhalb weniger Monate, so die Hoffnung, lässt sich die
Genossenschaft zu einer erfolgreichen Zeitarbeitsfirma ausbauen. Trifft
dies tatsächlich zu, könnte dies zu Umstrukturierungen in der Branche
führen, da die genossenschaftliche Rechtsform vielfältige Vorteile für
Verleiharbeiter bietet.
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