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Buchbesprechung: Wuhlegarten

Aus CONTRASTE Nr. 276 (September 2007)

Wuhlegarten

Krisen haben auch ihre guten Seiten. Klar ist, dass wir in einer neuen Form von Weltwirtschaftkrise stecken, denn was sollen die Leute mit einer boomenden Wirtschaft, wenn immer mehr Menschen davon ausgeschlossen werden? In Berlin dürfen nur noch ein Drittel der Menschen im erwerbsfähigen Alter sozialversichert arbeiten. Daher sollen die ins Land kommenden Kriegsflüchtlinge gar nicht arbeiten. Sie werden – wie Zejna aus dem ersten Interkulturellen Garten in Berlin-Köpenick – bis zu 10 Jahren in ewiger Warteposition gehalten, in der sie weder Geld verdienen, noch ihre Kinder Schulabschlüsse machen dürfen.

In dieser Situation ist die neue Idee des gemeinschaftlichen Gärtnerns, des Einrichtens von »interkulturellen« Gärten von Asylanten und Migranten, so überzeugend, dass sie derzeit geradezu explosionsartig um sich greift. Was in Göttingen als Initiative von zunächst bosnischen Flüchtlingsfrauen auf einem Grundstück einer Kirche begann, konnte bald darauf im südöstlichen Zipfel Berlins auf einem kommunalen, ehemaligen Schrebergartengrundstück fortgesetzt werden. Der Wuhlegarten wurde durch die Initiative des Köpenicker Lokale-Agenda-21-Forums in Zusammenarbeit mit der indischen Solidaritätsaktion ISA ins Leben gerufen. Und da man sich in einer Kleinstadt wie Köpenick kennt, konnte auch das Arbeitsamt zum Mitmachen gebracht werden. Einige der Gärtner und Gärtnerinnen konnten die ersten großen Ackereien in ihrem Garten im Rahmen von ABM-Stellen machen.

So ist 2004 der interkulturelle Garten Berlin-Köpenick entstanden, der Wuhlegarten, am Wanderweg entlang des Flüsschens Wuhle gelegen, auch Spaziergängern und Radwandern zur Freude. Eine junge Künstlerin hat in einer Fotodokumentation mit Tagebuchartigen knappen Texten diesen Garten jetzt porträtiert. Herausgekommen ist ein wunderschöner Bildband, mittels dessen dieser einzigartige Garten durch die Jahreszeiten hindurch vorgestellt wird. Mit einigen der Gärtnerinnen und Gärtner konnte Sophie Weckeßer längere Gespräche führen, was mit anderen, wie den Kasachstan-Deutschen nicht ging, weil sie wenig Sprachkenntnisse haben. Sie erfuhr, dass der Garten Kriegsflüchtlingen wie Zejna hilft, den dauernden Stress abzubauen, unter dem sie steht, weil sie nicht weiß, was in Zukunft werden wird. Das gemeinsame in einem Garten werkeln hilft den älteren Einwanderern aus Russland, über die Enttäuschung hinweg zu kommen, im gelobten Land doch nur in die Erwerbslosigkeiten geschickt worden zu sein. Im interkulturellen Garten ist die gemeinsame Sprache deutsch und auch die Sprachunbegabten trauen sich, zu sprechen und lernen allmählich, sich besser auszudrücken.

Was im Winter wie ein unscheinbares Eckgrundstück aussieht, verwandelt sich im Sommer in eine überbordende Fülle von Grün. Auf den verschiedenen Beeten ziehen auch ehedem reine Städter wie Maria und Carlos aus Buenos Aires eine Unmenge von Zucchini, Bohnen und Kürbissen. Frau Wy aus Vietnam hat soviel Salat, dass sie ihn sogar über den Gartenzaun an vorbei flanierende Spaziergänger verschenkt. Das Verschenken können, sagt Wy, gibt ihr Sicherheit und nimmt ihr ein wenig von der dauernden Angst, die sie seit einem Überfall quält. Ein schöner Bildband mit knapp gehaltenen Informationen, die auf Grund ihrer Kürze die Konflikte innerhalb des Projekts ausblenden. Klar wird jedoch: der Wuhlegarten ist eine spannende und trotz des angedeuteten Streits zwischen der Gruppe der Initiatoren und den Gärtnern gelungene Initiative. Ein Projekt, dem man unzählige Nachahmergärten und viele weitere Würdigungen, Dokumentationen und Untersuchungen wünscht.

Elisabeth Meyer-Renschhausen

Wuhlegarten – Interkultureller Garten Berlin-Köpenick von Sophie Weckeßer, Edition Stiftung Interkultur, München 2007, zu bestellen über www.stiftung-interkultur.de


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01.05.08    Elisabet Meyer-Renschhausen <contraste@t-online.de>
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