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Aus CONTRASTE Nr. 284 (Mai 2008)
MUSIK & SELBSTVERWALTUNG
Musik ist eine kooperative Kunst
»Die Musik ist eine kooperative Kunst, von Grund auf organisch, sozial.
Sie ist bestimmt die edelste Form des Sozialverhaltens, zu der wir fähig
sind. Und ganz sicher eine der edelsten Aufgaben, die ein Einzelner
übernehmen kann. Außerdem ist sie, wie jede Kunst, durch ihr ganzes Wesen
etwas, das geteilt wird. Der Künstler teilt, das ist das Wesen seiner
Darbietung.« (Ursula LeGuin, Planet der Habenichtse)
Von Maurice Schuhmann, Berlin # Das Zitat aus der
anarchistisch-feministischen Science Fiction-Utopie von Ursula K. LeGuin
bringt den Kern von Musik in idealistischer Weise auf den Punkt – »Musik
ist eine kooperative Kunst«. Sie bietet sich daher auch von einem
emanzipatorischen Anspruch her an, in kollektiver Form
(selbst-)organisiert und verwaltet zu werden. Der Bereich »Musik« nimmt in
unserer Gesellschaft einen privilegierten Platz ein – angefangen beim
morgendlichen Radioeinschalten, über die Beschallung im Supermarkt bis hin
zur Planung für die Freizeit – überall scheint sie mit im Spiel zu sein und
unseren Alltag mitzubestimmen. MusikerInnen sind neben Filmstars und
SportlerInnen immer noch die Berufsgruppe mit dem höchsten »Idolstatus«
und »Vorbildfaktor«. Von daher verwundert die Kommerzialisierung und die
wirtschaftliche Bedeutung der »Musikindustrie« wohl kaum.
Gleichzeitig ist sowohl die Pop- und Rockmusik in allen seinen Facetten
als auch der m.E. in einzelnen Spielarten des Jazz immer wieder der
Versuch gewesen, einen Gegenpol gegen die Kommerzialisierung und
Marktförmigkeit der Madjorlabels zu bilden. »Musik« hat vor diesem
Hintergrund auch viel mit Rebellion und Politik zu tun. Der amerikanische
Spaßguerillero Jerry Rubin schrieb in seinem Buch »Do it!«: »Der
Rock’n’Roll ist der Beginn der Revolution!« Ein Motto, was in vielen
Bereichen der Rockmusik – allen voran in der destruktiven Form der
Rebellion des britischen Punks Mitte der 70er Jahre seinen Widerhall
gefunden hat – bevor er auch kommerzialisiert wurde. Darüber ist innerhalb
der Musikbranche und ihren theorielastigen Ablegern der Musikpresse bereits
viel debattiert und nachgedacht worden.
Ein Themenkomplex wie »Musik & Selbstverwaltung«, der für viele kleinere
musikalische Sub- und Gegenkulturen eine wichtige Frage ist, findet sich
meistens nur innerhalb der kleinen Subkulturmedien – meistens Fanzines –
diskutiert. Vor diesem Hintergrund möchte die folgende Schwerpunktausgabe
unterschiedliche Facetten des Komplexen beleuchten und zur breiteren
Diskussionen anregen – auch wenn die Fokussierung aufgrund meiner eigenen
musikalischen Sozialisation stark punk- und berlinlastig ist. Nichts desto
trotz lassen sich dennoch aus den Beiträgen Anregungen auch über die Stadtund
Szenegrenzen hinweg ziehen.
Diese Schwerpunktausgabe fokussiert vor allem die alternative
Infrastruktur für die Musikkultur in Form von Proberäumen (Kommune
Lutter), Clubs (K.v.U.), Labels (Falling Down Records),
DJ/DJane-Kollektiven (Cable Street Beat) und Plattenläden (Real Deal
Records) sowie einen Ausblick auf die Möglichkeiten, die die neuen Medien
für die Selbstverwaltung bieten. Die AutorInnen der Beiträge sind schon
seit vielen Jahren in den jeweiligen Bereichen aktiv und haben die
Veränderungen innerhalb der jeweiligen Szene miterlebt. In einzelnen
Aspekten knüpft die Ausgabe auch an die Februarausgabe der CONTRASTE zum
Thema »Jugend« an – schließlich sind Jugendliche und junge Erwachsene
immer noch die HauptkonsumentInnen von Musik und stellen einen wichtigen
Bestandteil der Infrastruktur.
Sicherlich wären auch Interviews mit Bands, Fanzines oder
VeranstalterInnenkollektiven noch eine Bereicherung gewesen und hätten den
Schwerpunkt abgerundet oder einzelner subkulturellen Strömungen wie dem
Anarchopunk, indem die Forderung nach Selbstverwaltung und -organisation
immanent ist, aber hierfür reichte der vorhandene Platz leider nicht aus.
In diesem Sinne kann diese Ausgabe nur eine Anregung zur Diskussion
bieten. Vielleicht folgt eine Fortsetzung dessen in einer kommenden
Ausgabe der CONTRASTE...
Bis dahin viel Spaß bei der Lektüre.
Schwerpunktthema Seite 7 bis 10
SCHWERPUNKTTHEMA
Burg Lutter
Proben, Aufnehmen, Chillen
Das DJ Kollektiv Cable Street Beat Seite 7
Falling Down Records
Es geht nicht nur um Musik,
es geht um’s Ganze
Real Deal Record Store
Ein eindeutig anarchistischer Laden Seite 8
Kirche von unten
das subkulturelle Wunder Seite 9
Neue Technologien:
Das Aufbrechen der alten Konsumstrukturen Seite 10
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