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Medien Denk Fabrik eG, Hamburg

Aus CONTRASTE Nr. 276 (September 2007)

MEDIEN DENK FABRIK EG, HAMBURG

Rettung oder Sündenfall: Genossenschaften als Personaldienstleister

Zeitarbeit? Personaldienstleistungen? In keiner anderen Branche wird so oft das Bild vom schwarzen Schaf gebraucht wie hier. Arbeitsverleih ist eine Drei-Ecks-Beziehung zwischen dem Betrieb, der Arbeiter braucht, der Verleihfirma, die mit allen nur Verträge schließt und dem Arbeitstier, das die Sache mitmacht, weil es Geld braucht. Es ist die Beziehung zwischen Freier, Zuhälterin und dem Schaf. Gesetzlich erlaubt, staatlich kontrolliert. Soll man sich da als Genossenschaft die Finger schmutzig machen?

Christian Sternberg, Red. Genossenschaften # Die medien denk fabrik, eine eingetragene Genossenschaft mit Sitz in Hamburg, ist in das Thema Arbeitnehmerüberlassung eingestiegen, obwohl niemand sie dazu gezwungen hat, und das kam so: Einem freien Mitarbeiter eines großen
öffentlich-rechtlichen Betriebs wurde die Pistole auf die Brust gesetzt: »Entweder Du bekommst von uns weniger Aufträge oder Du musst über Leiharbeit kommen. « Die meisten Leute wollen ihre Arbeit machen, so sagte auch dieser Kollege: »Her mit dem Angebot!« Der Zuhälter ist eine private Tochter des öffentlich-rechtlichen Betriebs. Das Einkommen des Arbeiters sollte auf diesem Weg halbiert werden. So weit so schlecht. Einer von vielen hundert Arbeitern lässt dies nicht mit sich machen und ist Mitglied der Genossenschaft medien denk fabrik. Und das ist der Grund, warum diese das Thema Arbeitnehmerüberlassung angehen musste: Sich in die Schmuddelbranche begeben.

Aufwendige Vorbedingungen

Zuerst ist ein Behördenlauf zu absolvieren und es müssen mindestens 10.000 Euro auf dem Konto des betreffenden Unternehmens nachgewiesen werden. Bei dem Behördenlauf kann weitgehend auf die zuständigen Stellen der Arbeitsagentur vertraut werden: Dort wird korrekt gearbeitet. Es gilt das gesprochene Wort. Die Aufgabe der Agentur ist es, zu kontrollieren, ob sich die Schmuddelbranche an die Regeln hält. Also steht die Agentur auf der Seite der Genossenschaft. Das Geld auf dem Konto soll sicherstellen, dass die Zuhälterin wenigstens das Gehalt für einen Monat vorschießen kann, falls der Freier nicht zahlt. Denn anders als auf der Straße üblich, zahlt der Freier an die Zuhälterin und nicht an das Objekt der Gier.

Dann muss ein Tarifvertrag vorgewiesen werden, das heißt konkret: Im Arbeitsvertrag ist ein Tarifvertrag zu Grunde zu legen. Laut Gesetz gilt es nur einen auszuwählen und gut ist’s. In der Praxis reicht das aber den Großbetrieben nicht. Verlangt wird, dass der betreffende Betrieb einen eigenen Tarifvertrag aufweist oder in einem Arbeitgeberverband ist. Auch diese Hürde hat die Genossenschaft genommen. Die Branchenverbände sind teuer und bestanden den Leistungstest seitens der medien denk fabrik nicht: Deren Anfragen als JournalistInnen verschwanden im Papierkorb. Also wurde die Gewerkschaft ver.di gefragt, ob sie mit der Genossenschaft spricht. Auch dort wollten manche nicht einmal mit der medien denk fabrik reden, absolute Dialogverweigerung. Aber der Fachbereich 13 hat mit den prekär Beschäftigten zu tun, denen es wirklich dreckig geht. Dort hat frau das Anliegen sofort verstanden und arbeitete mit der Genossenschaft einen Haustarif aus. Der Haustarif enthält den von ver.di geforderten Mindestlohn.

Dienstleister für das Personal

Warum der ganze Aufriss? Was lässt sich als Genossenschaft anders machen? Dazu müssen Details erläutert werden. In vielen Arbeitszusammenhängen ist der einzelne stark eingebunden, obwohl er nur ein Viertel seines Gehalts daraus bezieht. Beispielsweise hat jemand einen Gastvertrag am Theater und müsste noch drei
Jobs nebenbei machen, um von der Arbeit leben zu können. Er ist aber am Ort des Theaters voll eingebunden. Hier kann ein echter Dienstleister für das Personal etwas tun, nämlich organisieren. Natürlich kann sich eine Schauspielerin mit Gastvertrag sieben Coaches engagieren und einen Agenten leisten, aber bezahlen kann sie die Leute nicht. Eine echte Personaldienstleisterin könnte das abfangen: ein Arbeitsvertrag, vier Aufträge für eine Kultur-Arbeiterin. Als Genossenschaft ist es also möglich, ganz anders an die Sache ranzugehen.

Aber auch kleine und mittelständische Betriebe haben oft schlechte Erfahrungen mit Verleihern. Die Zuhälterin verspricht dem Betrieb das Blaue vom Himmel nach dem Motto »nie wieder Personalsorgen«. Die Ergebnisse sind oft flau, die Zuhälterin interessiert nur die Marge. Gerade wenn genossenschaftliche Betriebe Zeitarbeit brauchen, sollten sie auf faire Personaldienste achten. Bei der medien denk fabrik könnte jeder jede andere Arbeit annehmen, egal ob als Freiberufler oder angestellt.

Kontroverse Positionen austragen

Angetreten als Genossenschaft, um alles besser zu machen als die Zuhälterinnen der Branche, müsste dafür eigentlich ein gutes Presseecho zu erzielen sein. Aber weit
gefehlt: Die öffentlich-rechtlichen Informationsmedien unterhalten selbst Zuhältereien und verweigern ihren Freien faire Lösungen. Tagesaktuelle Printmedien leben von Anzeigen. Wichtig sind Stellenanzeigen, und Zuhältereien sind auf diesem Markt die wichtigsten Kundinnen. Bleiben noch die honorigen Nachrichtenmagazine. In diesem Sinne bedanken wir uns und wünschen uns eine kontroverse Debatte darüber, ob es gut ist, Personaldienste als Genossenschaft anzubieten. Hier oder in dem weblog: www.mediendenkfabrik.de/weblog


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28.04.08    Christian Sternberg <contraste@t-online.de>
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