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Aus CONTRASTE Nr. 277 (Oktober 2007)
Drei Wörter mit P
Pop ist es, so geht das Bonmot, wenn man enttäuscht wird, aber sich dabei
wenigstens gut unterhalten hat. Dieses Buch aus der Hochburg der
bundesdeutschen Intelligenzkultur ist insofern Pop. Es enttäuscht, aber
auf hohem Niveau. Es hat drei andere P-Wörter im Titel: Das schmissige
»Protest«, das unvermeidliche »Politik« und das schon fast vergessene und
an dieser Stelle etwas unpassende »Propaganda«.
Pop taucht nicht auf, obwohl es in der Hälfte der Beiträge darum geht. Der
junge Herausgeber, selbst Lektor beim Suhrkamp Verlag, gibt all den
Studienräten, linken Gewerkschaftsfunktionären und politisch engagierten
Menschen, die nicht die hippen Kunstmagazine und post-autonomen
Theoriemagazine lesen, Nachhilfe, was dort seit Jahr und Tag verhandelt
wird: Post-Marxismus, Medienaktivismus, Prekarisierung.
Zuerst geht es um die drei eher klassischen Akteure Parteien,
Gewerkschaften und Nichtregierungsorganisationen, ihren Zustand und ihre
Zukunftsaussichten. Dem werden dann drei Typen politischen Handelns
außerhalb der klassischen Arena gegenübergestellt: Protest, politischer
Konsum und Medienaktivismus. Klaus Dörre zeigt auf, wie die Gewerkschaften
ihren Ohnmachtszirkel verlassen können, und wie sie sich – Tschüss
Flächentarifvertrag – dem Milieu der »Arbeitnehmer zweiter Klasse« und der
neuen Selbstständigen, das mittlerweile ein Drittel aller Beschäftigten
stelle, widmen können – bzw. bei Strafe des eigenen Untergangs müssen. Die
Gewerkschaften könnten dabei von den Instrumenten, die die neuen sozialen
Bewegungen anwenden, lernen: Sie müssten Konflikte wagen, Kampagnen
entwickeln, offensiv Mitglieder werben und Bündnisse eingehen.
Wie das real geht, zeigt Geiselberger in einem Beitrag zum Social Movement
Unionism in den USA, während Iris Nowak über den EuroMayday in Italien und
Hamburg berichtet. Über den Beitrag zum Stichwort »Protest « von Dieter
Rucht, dem Papst der Bewegungsforschung, soll hier besser der Mantel des
Schweigens gebreitet werden – während die Beiträge zu den konkreten
Beispielen des Internet-Aktivismus empfohlen werden können. Unterbrochen
wird das ganze mit etwas »Name-Dropping« durch Interviews mit Michael
Hardt, dem Mitautor des Großwerkes »Empire«, mit der Postmarxistin Chantal
Mouffe und Ulrich Beck, dem Suhrkamp Stammautor.
Den meisten Beiträgen merkt man an, dass sie von jungen Journalisten
geschrieben wurden, sie sind gut lesbar. Die Veröffentlichung zeigt, dass
die krisenhaften Großorganisationen wie Parteien und Gewerkschaften ruhig
etwas von den vielfältigen Protestformen lernen können. Diese neueren
Formen sind allesamt von Vernetzung, Offenheit, Vielfalt und horizontaler
Kooperation geprägt und eben deswegen erfolgreich geworden. Wie gesagt, es
gibt schlechtere Bücher, und wem die Dinge, die dort erwähnt werden,
bislang unbekannt sind, der hat mit dem Buch einen preiswerten Überblick
über das, was Linke, die nach 1966 geboren sind, heute grundlegend und
wichtig finden.
Bernd Hüttner
Heinrich Geiselberger (Hg.): Und jetzt?: Politik, Protest und Propaganda.
edition suhrkamp, Frankfurt Main 2007, 364 S., 12 EUR;
www.politikundprotest.de
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