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Aus CONTRASTE Nr. 277 (Oktober 2007)
INFOLADEN WELS: EIN PORTRAIT ZUM FAST 10JÄHRIGEN BESTEHEN
Kein »linker Diskutierzirkel«
Seit 2004 ist der Infoladen Wels Mitglied der KUPF (Kulturplattform
Ober-Österreich) – und hebt sich organisatorisch wie inhaltlich deutlich
von sonstigen Initiativen ab. Infoläden sind seit den frühen 1980ern ein
europaweites Phänomen und im Kern politische Anbieter und Vertriebe für
alternative Medien. Und weil auch die KUPF sich manchmal irrt, hat sie
sich anläßlich des 10-Jahre-Jubiläums des »Laden« mit einem Portrait
desselben beauftragt – obwohl’s ja eigentlich noch ein Jahr dauern wird.
Egal: 9 Jahre sind auch schon viel und Klemens Pilsl, selbst ehemaliger
Infoladi aus Linz, hat trotzdem gerne ein Interview geführt. Das folgende
Interview vom Mai 2007 mit Mäxx vom Welser Infoladen haben wir mit
freundlicher Genehmigung der KUPF-Zeitung 121/2/07 entnommen.
? Also – wer seid ihr? Erzähl doch ein bisschen.
Mäxx: Der Infoladen Wels wurde 1998 gegründet. Damals wie heute war der
Infoladen Treffpunkt für unterschiedlichste politische AktivistInnen.
Schwerpunkte waren zu dieser Zeit die Antifa-Arbeit, Burggartenbesetzungen
und auch Tierrechte – damals waren einige VeganerInnen beim Infoladen
aktiv, die u.a. Demos gegen Zirkusausstellungen organisiert haben. Die
Motivation war seit jeher, einen Treffpunkt abseits von Konsumwahn und
-zwang anzubieten und politische Informationen abseits der
Mainstreammedien in Form von Büchern, Flugblättern und Broschüren
anzubieten.
... Leider verlieren wir immer wieder AktivistInnen, weil sie nach Wien
ziehen, um zu studieren. Im Moment sind rund 10 Personen aktiv, der Laden
dient vor allem
Menschen als Anlaufstelle, die einen gemütlichen Aufenthaltsort in unserer
durchkommerzialisierten Gesellschaft suchen, die etwas gegen Faschismus und
Rassismus machen möchten. Leider sind es nur wenige Menschen, die sich
kritisch mit den herrschenden gesellschaftlichen Verhältnissen
auseinandersetzen möchten. Was die Geschlechterstreuung betrifft, ist es
erfreulicherweise so, dass – im Gegensatz zu vielen anderen linken
Projekten und Gruppen – auch sehr viele Frauen bei uns aktiv sind. Es gibt
sogar eine eigene Frauengruppe innerhalb des Infoladens, die eigene
Veranstaltungen durchführt. Entscheidungen werden grundsätzlich im Plenum
getroffen, d. h. wir versuchen, Konsensentscheidungen zu wichtigen Fragen
zu treffen.
? Eure bekanntesten Aktivitäten sind die »Burggartenbesetzungen« und eure
Antifa-Arbeit, vor allem zum »Bund freier Jugend« (BFJ). Könnt ihr die
beiden Themen und eure Aktivitäten kurz erläutern?
Mäxx: Die Burggartenbesetzungen werden seit 1997 durchgeführt, um gegen
das im Welser Burggarten herrschende Alkohol- und Rasensitzverbot zu
demonstrieren. Seit damals haben wir unzählige symbolische Sit-Ins
durchgeführt. Es geht uns hier aber nicht nur um den Burggarten, sondern
generell um eine Ablehnung der Politik der Verbote. Es ist unserer Meinung
nach zu einfach, missliebige Personen wie alkoholisierte Jugendliche,
Obdachlose usw. durch Verbote aus der Öffentlichkeit zu verdammen. Wir
wollen mit den Besetzungen auch Stellung beziehen gegen miserable
Wohnbedingungen, Videoüberwachung, Law-and-Order-Politik. Wir treten für
menschenwürdige Lebensbedingungen mit natürlich belassenen, frei
verfügbaren Freiräumen sowie für eine sinnvolle Nutzung von vorhandenen
Immobilien ein.
Der »Bund freier Jugend« ist eine oberösterreichische Neonazibewegung. Wir
haben zusammen mit anderen AntifaschistInnen die Aktivitäten dieser
Gruppierung verfolgt und auch versucht, diese aufzuzeigen und auf die
stillschweigende Toleranz durch Politik, Behörden und Polizei hinzuweisen.
Auch nachdem vor kurzem drei führende Kader verhaftet worden sind, bleibt
die Naziorganisation weiter aktiv.
? Die meisten Läden arbeiten stark szenereferentiell – ihr unterschiedet
euch da stark. Ihr betreibt eure Buchhandlung sehr offensiv, ihr
beschäftigt euch öffentlichkeitswirksam mit Neonazi-Strukturen in OÖ, gebt
Interviews für die Mainstream-Presse usw...
Mäxx: Wir wollen ganz einfach kein »linker Diskutierzirkel« sein, der von
Selbstbeweihräucherung lebt und – abgekapselt und unbeachet von der
restlichen Welt – ein stilles Dasein führt. Wir nutzen die vorhandenen
Medienstrukturen für unsere Zwecke und versuchen, unsere Positionen zu
verbreiten. Vielleicht liegt unser Verständnis auch an der schwierigen
Ausgangsposition in einer Provinzstadt wie Wels. In Großstädten wie Wien
oder Graz gibt es ein linkes Stammpublikum. In Wels ist es schon
schwieriger. Deswegen betreiben wir mit unserem Infoladen und der
Buchhandlung ein sehr offenes Konzept und haben auch keine
Berührungsängste, mit nicht-linksradikalen Gruppen zusammenzuarbeiten,
etwa ATTAC oder der Grünalternativen Jugend. Das Verhältnis zu den anderen
Läden in Ö ist sehr gut, es gibt auch regelmäßige Vernetzungstreffen.
? Infoläden existieren ja seit den beginnenden 80ern, damals war der
Hauptanspruch noch, Informationen abseits der herrschenden Kanäle und
Medien zu vertreiben. Ist das heute, wo jeder Bahnhof-Shop linksradikale
Lektüre verkauft und das Internet alle möglichen und unmöglichen Infos zur
Verfügung stellt, noch zeitgemäß?
Mäxx: Es ist offenbar tatsächlich etwas aus der Mode gekommen, ein Buch
oder ein Flugblatt in die Hand zu nehmen. Wenn ein Buch gekauft wird, dann
häufig über einen Internetanbieter, das merken wir leider auch bei unserem
Buchverkauf. Wir denken nicht, dass sich das Konzept des Anbietens
alternativer Medien überlebt hat. Die Mainstreammedien bewegen sich in
einem Spektrum von linksliberal bis rechtsaußen. Auch das Buchangebot in
üblichen Buchhandlungen ist nicht gerade überwältigend (mal abgesehen von
Büchern von Moore oder Chomsky). Insofern ist es wohl gut, dass es
Infoläden gibt, wo eine Fülle von linker, kapitalismus- und
gesellschaftskritischer Literatur und die entsprechende »kompetente
Beratung« angeboten wird. Auch die Funktion eines Infoladens als »Oase«
abseits der glitzernden, vollklimatisierten Einkaufspassagen an den
Stadträndern ist nicht zu unterschätzen. Wenn das Innenstadtsterben in
Wels so weiter geht, sind wir bald das alteingesessenste Geschäft in der
Innenstadt.
? Eine andere Kritik haben die Dead Kennedys recht charmant in ihrem Song
»Anarchy for sale« umschrieben: ist es möglich, mit dem Verkauf von
popkulturellen Polit-Accessoires (Buttons, Batches, ...) und
fairgehandeltem Kaffee kapitalistische Verwertungslogiken zu sprengen?
Oder dient man nicht vielmehr als Speerspitze für einen »sozialen
Kapitalismus«, bei dem die ehrenamtlichen VerkäuferInnen nicht mal Lohn
erhalten und noch stolz darauf sind?
Mäxx: Wir machen uns da nicht die Illusion, dass wir mit dem Verkauf von
Büchern, T-Shirts, Buttons etc. die kapitalistische Gesellschaft
umkrempeln können. Die Einnahmen aus dem Verkauf dieser Sachen dienen rein
der Finanzierung des laufenden Betriebs, unserer Veranstaltungen und
Aktionen. Die Leute, die bei uns ehrenamtlich hackeln, machen das aus
Überzeugung. Wir denken halt auch, dass es innerhalb des Kapitalismus
(fast) unmöglich ist, sich diesem System zu entziehen.
? Die Grenzen zwischen rinks und lechts verschwinden zunehmend: Faschisten
tragen Pali-Tücher und lesen Karl Marx, gestandene »Linke« fordern die
Auflösung Israels und Nazis tätowieren sich Che-Guevare-Portraits auf den
Unterarm. Sieht sich der Infoladen Wels als »links«?
Mäxx: Wir sehen uns als linksradikal, insofern wir die Gesellschaft von
Grund auf zu einer besseren Welt verändern möchten. Momentan ist es »in«,
sich in der Mitte zu positionieren, wohl um ja nirgends anzuecken. Die
»Mitte«-Politik, wie sie etwa von SPÖ und ÖVP propagiert wird, entpuppt
sich aber nicht selten als ziemlich rechts im Sinne von
immigrationsfeindlich, neoliberal usw.
? Der Infoladen Wels ist seit 2004 bei der KUPF. Wie kommt eine
Politorganisation mit Buchhandlung zur KUPF?
Mäxx: Gegenüber Bündnissen sind wir generell positiv gesinnt, weil wir
denken, dass mensch vereint mit anderen Gruppen und Vereinen mehr
erreichen kann. Auch unser Bekanntheitsgrad wird dadurch gefördert. Zur
KUPF haben wir ein sehr gutes Verhältnis, sie hat uns beispielsweise
(zusammen mit einem Steuerberater) dabei geholfen, ein geniales Konzept
für unser Buchhandelsgewerbe zu entwerfen, das in Österreich wohl einmalig
ist und sehr viele Vorteile für unser politisches Projekt bringt.
? Wie sehen eure Zunkunftspläne aus?
Mäxx: Nachdem unsere »Lieblingsfeinde« vom BFJ nun vermutlich für einige
Zeit auf Eis gelegt werden, haben wir Zeit, uns neben antifaschistischen
Themen auch anderen Dingen zu widmen. Wie bisher wollen wir subkulturelle
Konzerte veranstalten, es wird weiterhin Vorträge geben, die Frauengruppe
plant weitere Vortragsveranstaltungen und Feste. Wir möchten uns mehr mit
der Lokalpolitik in Wels auseinandersetzen. Diese machte ja in letz-ter
Zeit durch eine beispiellose Hetze gegen MigrantInnen auf sich aufmerksam.
Auch der Lebenssituation in der Stadt Wels und der Kritik an untragbaren
Wohnbedingungen oder überhaupt fehlenden Wohnraum wollen wir unsere
Aufmerksamkeit widmen. Der Erfolg des Projektes Infoladen hängt natürlich
von den AktivistInnen ab. Interessierte Leute sind bei uns jederzeit gerne
willkommen!
Danke!
Klemens Pilsl arbeitet in der KAPU/Linz
www.kapu.or.at
Langfassung dieses Interviews:
www.kupf.at/index.php?sid55&icatid7
Website Infoladen Wels:
www.infoladen-wels.at
Information zu Infoläden:
http://de.wikipedia.org/wiki/Infoladen
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