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Historisches - Wandelsblatt Nr. 1 (1984): Projektemesse 1984 - Debatte Teil 1

Aus Wandelsblatt Nr. 1 (Oktober 1984)

Psycho, Psycho und kein Ende?

Es werde - war eine massiv vorgebrachte Kritik bei der Projektmesse '84 - ”nur über Kohle geredet"; die ?alltägliche Wirklichkeit der Projekte" hingegen, das also, was uns im Alltagsfrust Tag für Tag beschäftigt und oft genug fertigmacht, falle hinten runter, sei kein Thema, werde totgeschwiegen.

Ich verstehe diesen Vorwurf nicht.

Beteiligung an der Projektmesse hat für mich persönlich bedeutet, zu versuchen, die Themen und Inhalte, die mich derzeit am stärksten beschäftigen, so gut wie möglich zum Gegenstand allgemeiner Diskussionen zu machen. Dies in der Erwartung, daß „meine" Themen so privat nicht sind, daß es landauf, landab in den Gruppen eine Menge Leute gibt, die sich an denselben Punkten Kopfschmerzen machen. Ich hatte erwartet, daß dies von allen anderen auch so gehandhabt würde und war sicher, daß darüber das breite Spektrum der glücklicherweise unterschiedlichen Interessen und Themen bei der Projektmesse repräsentiert sein würde.

Die Vorbereitungsgruppe im Hessen-Verband hat sich - wie ich weiß - in genau dieser Art und Weise an die Arbeit gemacht, d.h. nicht eigenständige Überlegungen zu Programm und Ablauf der Messe angestellt, sondern sich darauf beschränkt, die von außen angebotenen Themen zu ordnen und in einen überschaubaren Zusammenhang zu bringen. Ich denke, sie hat sich damit genau an die ihr gestellte Aufgabe gehalten und kann damit nicht der Adressat der oben beschriebenen Kritik sein.

Die wendet sich m. E. gegen die Kritiker selbst: der „Dauerbrenner" Konflikte in den Gruppen war nur deshalb kein Thema bei der diesjährigen Projektmesse, weil sich niemand die Mühe gemacht hat, dieses Thema vorzubereiten. Und an diesem Punkt deckt sich das Erlebnis PM '84 dann auch wieder mit den üblichen Erfahrungen aus dem Gruppenalltag. Lamento und Wehgeschrei ist auch dort immer wieder auffällig verbunden mit Passivität und Konsumhaltung. Jammern tun nicht die, die sich Aufgaben stellen und diesen Aufgaben gerecht zu werden versuchen (und das heißt bei der bekannten allgemeinen Belastung in den Gruppen oft bis an den Rand der Erschöpfung) - jammern tun die, denen das alles „zu heavy" ist, die schon bei dem Gedanken an den Verlust von abendlicher Freizeit durch das Plenum Bauchschmerzen kriegen, die zwar „alternativ" arbeiten wollen, dies aber nur auf der Grundlage des funktionierenden Familienlebens können und mit möglichst allseitig abgesicherter Existenz.

Ich habe in 10 Jahren selbstverwalteter Praxis noch nicht erlebt, daß von der Jammerfraktion (die es zu allen Zeiten in allen Gruppen gab und geben wird) einmal
konstruktive Vorschläge auf den Plenums-Tisch gelegt worden wären. Ansätze zur Lösung der kritisierten Problematik werden nicht gebracht, sie werden erwartet; und ausgerechnet von denen erwartet, die eh schon bis zum Hals in Arbeit stecken. Idealtypisch darf es solche Diskrepanzen in unseren Betrieben und Projekten überhaupt nicht geben. In der idealisierten Vorstellung bestehen Alternativprojekte ausschließlich aus Menschen mit dem gleichen Engagement, gleicher Erfahrung, gleichem Informations- und Wissensstand; alles wird gemeinsam beraten, es gibt kein Oben und kein Unten, die Arbeit ist kreativ und frei gewählt und erfüllt deshalb, statt zu belasten; die Produktion von Waren ist ersetzt durch den unmittelbaren Kontakt zwischen Produzenten und Konsumenten und das Thema Geld - igitt! - ist ein für allemal erledigt.

Der Arbeitsalltag ist ein Meer von Freude, hauptsächlich dazu da, zum Lachen und zum Träumen anzuregen; und wem das dann noch zu öde sein sollte - für den gibt's als weitere angenehme Anregung die politischen Kämpfe, zum Lachen und Träumen natürlich.

Ich weiß nicht, Hans, ich krieg' das einfach nicht auf die Reihe. Die Realität ist doch ganz anders. Real ist unsere Arbeit alles andere als kreativ. Sie ist Erwerbsarbeit, ist Warenproduktion zur Existenzsicherung und von daher auch keineswegs frei gewählt, sondern ausgerichtet auf die Erfordernisse und Möglichkeiten am “Markt".

Real ist das Thema Geld der ungeliebte Dauerbrenner unserer Diskussionen, deswegen ungeliebt, weil jede Phantasie zu ihrer Realisierung an die leidige Kohle geknüpft ist und weil die vorhandene Kohle in der Regel noch nicht mal zur Sicherung der schlichten selbstverwalteten Existenz reicht. Real gibt es in den Gruppen ausgeprägte Unterschiede im Informations- und Wissensstand, im eingebrachten Engagement und in der mitgebrachten Erfahrung. Real gibt es daher auch ein Oben und Unten, informelle Hierarchien und die Konflikte, die sich daraus ergeben. Real sind wir doch alle keine besseren Menschen geworden, nur deswegen, weil wir kollektiv leben und/oder arbeiten.

20 Jahre und mehr Erziehung im Kapitalismus, ausgerichtet auf den Verwendungszweck und ausgestattet mit genau den Charaktereigenschaften, die für die optimale Verwendung nötig sind - das ist doch nicht wegzuwischen einfach dadurch, daß wir unser Leben ein bißchen umorganisieren. Erstmal bleiben wir alle die konkurrenten, egoistischen, bornierten und laschen Einzelmenschen, zu denen wir gemacht worden sind. Gruppenbildung ist ein Prozeß, dessen Fortschritt dann besteht, Konkurrenzen durch Toleranz zu ersetzen. Ich finde, daß oft genug gerade die überzogenen, idealtypischen Vorstellungen diesen Prozeß behindern. Aus diesen Vorstellungen leiten sich ebenso überzogene gegenseitige Erwartungen und Ansprüche ab. Sie liefern die Begründung für die allgemeinen Frust-Gefühle, mit denen man sich so herrlich gegenseitig runterziehen kann. Und sie sind immer wieder im Einsatz bei den gegenseitigen Konkurrenztrips und Fraktionierungen.

Unter Toleranz verstehe ich allerdings etwas anderes als christliche Nächstenliebe. Toleranz ist eine unbedingt gegenseitige Angelegenheit. Sie bedingt gegenseitigen Respekt. Sie fordert von mir, daß ich den Neuen in der Gruppe tatsächlich “dort abhole, wo er steht" und nicht gefrustet bin, wenn er in drei Monaten noch nicht das nachgeholt hat an persönlichen Entwicklungsprozessen in der Gruppe, wofür ich zehn Jahre gebraucht habe. Sie fordert umgekehrt von jenem Neuen, daß er mich nicht “antiautoritär" in weiterer eigener Entwicklung behindert, um aufholen zu können. Ich denke, die unterentwickelte Toleranz ist einer der Knackpunkte in unseren Gruppen (und natürlich auch in den Beziehungen zwischen uns bei Projektmessen und anderen Treffen von Gruppen).

Ich glaube nicht mehr daran, daß sich solche Probleme auf der Psychoebene lösen lassen. So nach dem Motto: jetzt setzen wir uns mal alle in einen Kreis und erzählen uns, was wir gegenseitig für Probleme haben. Dieser Ansatz ist - denke ich - in der Tat Ursache für “die zunehmende Beschäftigung vieler Leute mit Mystischem". Das dreht sich im Kreis und führt zu Resignation und Verzweiflung. Ich denke vielmehr nach allen Erfahrungen, daß die Lösung in der Praxis liegt, im
gegenseitigen Sich-Erleben. Und daß das eigentliche Problem darin besteht, daß wir viel zu wenig tun, innerhalb und außerhalb unserer Gruppen solche Möglichkeiten zu entwickeln, sich zu erleben. Das geht in zwei Richtungen. Einmal ist es das gemeinsame Ziel, über das man sich auseinandersetzen und kennenlernen kann. Dieses “gemeinsame Ziel" steht aber oft genug so vage im Raum, daß jeder Ansatz auf gemeinsame Diskussion oder gemeinsame Aktion verbaut bleibt. Zum anderen ist das Feld der Arbeitsmöglichkeiten bei allen Gruppen stark begrenzt. Je umfassender aber die Arbeitsfelder, die sich eine Gruppe “reinzieht", um so mehr Möglichkeiten für den Einzelnen, seine speziellen Fähigkeiten und Begabungen zu entwickeln und sich damit “erlebbar" zu machen.Das ist einer der wichtigsten Gründe dafür, warum wir hier ständig “expandieren". Expansion ist nicht nur schlicht Wachstum (Wachstum wozu?), sondern heißt Erweiterung der Möglichkeit zu andersartigen Arbeiten und Tätigkeiten, heißt erweiterte Möglichkeit zur Entwicklung der eigenen Persönlichkeit und des gegenseitigen Kennenlernens.

Und was “das Ziel" angeht: es ist nach wie vor (und heute allemal deutlicher als noch vor 10 Jahren) eine Illusion zu glauben, inmitten des Kapitalismus ließen sich kleine, unbehelligte Inseln des gelebten utopischen Sozialismus errichten. Und wenn heute die Grenzen deutlicher werden und uns in ganz anderer Weise zwingen, uns auch noch um das Thema Geld zu kümmern, dann ist das nur logisch und vorhersehbar gewesen; es macht meiner Meinung nach deutlich mehr Sinn, sich dieser neuen Herausforderung zu stellen, als einfach nur die Augen zuzumachen und (weiter) zu jammern.

Karl Bergmann


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20.04.08    Karl Bergmann <contraste@t-online.de>
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