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Aus Wandelsblatt Nr. 1 (Oktober 1984, Seite 1)
Der “historische" Kompromiß:
Die Ökobank kommt!
Nach monatelangem Tauziehen um die Ökobank erwartete das Publikum der
Diskussionsveranstaltung um die Ökobank auf der Projektmesse nun ein
bißchen mehr Klarheit über die verschiedenen Positionen. Denn - wie so
häufig im Vorfeld solcher Projekte - fanden die wichtigsten Diskussionen
im kleinen Kreis statt. Doch was kam, waren zwei friedlich nebeneinander
sitzende Fraktionen, die sich kurz vorher doch noch geeinigt hatten. Wie
schon die wichtigsten Diskussionspunkte in dem Konflikt (der z.B. an
Tarifauseinandersetzungen erinnerte) nicht entschleiert wurden, war nun
auch der Hintergrund für die (scheinbar) plötzliche Einigung nicht
erkennbar. Das unterschwellige Unbehagen in den Zuschauerreihen war dann
auch sehr berechtigt. Um nun mehr Licht in das Dunkel alternativer
Finanzstrategien zu bringen, soll hier kurz die Entwicklung dargestellt
werden.
Wie alles anfing...
Die Diskussion in der Szene um das Geld ist so alt wie die Szene selbst.
Auch ist die Idee von der Alternativen Bank immer mal wieder in die
Diskussion geworfen worden. Konkrete Ansätze, das Geldproblem anzugehen,
entwickelten sich zunächst mal auf der Spendenschiene (Netzwerke,
Ökofonds) und inzwischen gibt es auch schon alternative
Kreditvermittlungen (STATTwerke), über die private Spargelder in
finanzierungsbedürftige Projekte geleitet werden. Als dann im letzten
Herbst, dem Raketenherbst, auch die Geschäftspolitik der Banken wieder
thematisiert wurde, kam auch das Thema “Alternativbank" wieder in die
Schlagzeilen (zumindest in der TAZ) und damit ins Bewußtsein der Szene.
Und gemäß der politischen Entwicklung der letzten Jahre wurde das Kind
“Ökobank" getauft. Es bildete sich eine Initiative (wie der Zufall es
wollte, in der Bankenmetropole Frankfurt), die den Aufbau dieser Bank
betreiben wollte.
Eigentlich wäre zu erwarten gewesen, daß diese Initiative von den anderen
Gruppen (Netzwerke, STATTwerke), die im alternativen
Finanzierungsdschungel arbeiten, euphorisch aufgenommen und unterstützt
wird. Nicht so in unserer konfliktfreudigen Szene. Erstmal war den Netzund
STATTwerkern verdächtig, daß so eine Initiative nicht aus den eigenen
Reihen kommt und dann störte sie die Hau-Ruck-Mentalität einiger
Öko-Bank-Initiatoren.
Der Konflikt bricht auf
Von Anfang an fighteten beide Parteien ziemlich verbissen um die besseren
Finanzstrategien. Zunächst war die Konfliktlinie klar: Die
Ökobank-Initiative wollte eine Bank, und zwar möglichst schnell, während
die Netz- und STATTwerke auf ihren bankähnlichen Konzepten beharrten und
eine Bank aus strukturellen Erwägungen ablehnten.
Trotz sehr harter Auseinandersetzung und wenig Bereitschaft, aufeinander
zuzugehen, blieb man in der Diskussion. Doch die Verhärtung war nur
äußerlich und schließlich wurde auf der einen Seite die strikte
Anti-Bank-Haltung aufgegeben und auf der anderen Seite die Notwendigkeit
der Berücksichtigung bankähnlicher Finanzstrukturen eingesehen. Im
folgenden verschob sich der Streit auf das Problem des “richtigen,
szeneangemessenen" Bankkonzeptes. Und dies war dann auch mehr und mehr ein
Expertenstreit, der nach außen nicht so einfach nachvollziehbar ist.
Was ist Dezentralität?
Inhaltlich lagen die Streitpunkte bei der Organisation der Bank, der Grad
der Dezentralität und der Kontrollmöglichkeiten durch die “Basis".
Das Bankkonzept der Öko-Bank-Initiative sah vor, daß die Träger dieser
Bank (sprich: Genossen) Privatpersonen, Gruppen und Projekte sind.
Aufgrund der hohen Anzahl der Genossen müssen Vertreter bestimmt werden,
die dann in den Generalversammlungen (der Bank) die Politik bestimmen und
den Vorstand bzw. Aufsichtsrat wählen und abwählen. Somit wäre die
demokratische Kontrolle gesichert. Neben der Zentrale (nicht mehr so
zufällig in Frankfurt geplant) sollte es sogenannte “Repräsentanzen" in
den Regionen geben, die die Bankgeschäfte vor Ort erledigen. Diese
Repräsentanzen sollen eng mit den Gruppen und Projekten vor Ort
zusammenarbeiten und von denen kontrolliert werden.
Dem stellten die STATT- und Netzwerker folgendes Konzept entgegen: Die
bereits entwickelten und sich entwickelnden Strukturen im
Finanzierungsbereich werden weiter ausgebaut und es werden regionale
Finanzierungsgesellschaften, sogenannte Finanzkooperativen gegründet, in
denen alle Finanzierungsinstrumente integriert sind. Diese
Finanzkooperativen, deren Träger Projekte, politische Gruppen und
engagierte Einzelpersonen sein sollen, sollen dann für sich Eigenkapital
ansammeln, das dann en bloc als Genossenschaftsantei1 in die Bank
eingebracht wird. Die Bank hat dann 8-15 Genossen (Regionen/
Finanz-Koops), die die Rahmenbedingungen für die Bank bestimmen. Die
Geschäftspolitik und die Bankgeschäfte selbst sind dann den Kooperativen
überlassen, die weitgehend autonom sind und neben der Kreditvermittlung
auch das institutionelle Bankgeschäft betreiben. Formalrechtlich wären
diese Koops dann gleichzeitig Filialen der Ökobank mit einem voll
verantwortlichen (der Ökobank gegenüber) Prokuristen.
Der “historische" Kompromiß
Natürlich gab und gibt es auch innerhalb der Ökobank-Initiative keine
einheitliche Meinung. Jedoch fand sich eine Mehrheit für die
grundsätzliche Akzeptierung des STATT/Netzwerkekonzeptes. Beide Parteien
verständigten sich auf das Modell der Finanzkooperativen unter der
Bedingung, daß dieses Konzept rechtlich machbar und ökonomisch sinnvoll
ist. Anders ausgedrückt: Grundlage für weitere Diskussionen ist das
Finanz-Kooperativen-Modell, von dem bei der Umsetzung nur in dem Maß
abgewichen wird, wie dies rechtliche und ökonomische Bedingungen
(nachvollziehbar) erfordern. Außerdem sollte durch Netz/STATTwerke
sichergestellt werden, daß durch eine solche Regionalisierung der
Gründungsprozeß nicht hinausgezögert und verkompliziert wird.
Diese Regionalisierung wird nun auch in der Struktur der
Ökobank-Initiative, dem Verein der Freunde und Förderer der Ökobank,
vorweggenommen. Zur Zeit werden allerortens regionale Fördervereine
gegründet - als Vorläufer der Finanz-Koops - die dann, sobald sie
rechtsfähig sind, in den Frankfurter Verein eintreten werden und diesen
dann zu ihrem Dachverband umfunktionieren.
...und war hat das mit der Basis zu tun?
Auch das regionale, basisnahe Konzept kann nicht darüber hinweg täuschen,
daß sich hier die zukünftigen Finanzmanager der Szene fetzen - und
aufkommende Macht- und Geldphantasien kann wohl keiner der Beteiligten
leugnen (ob nun im eigenen oder Projektinteresse). Auch STATT- und
Netzwerke können sich damit brüsten, die Interessen der Basis durchgesetzt
zu haben, was allerdings geschaffen wurde, ist eine Situation, die es
interessierten Projekten und Gruppen ermöglicht, sich regional in die
Diskussion um die Ökobank einzuklinken (was sicherlich einfacher ist als
einmal im Monat nach Frankfurt zu fahren). Das Konzept sieht eine starke
Basisanbindung vor. Ob es allerdings mit dem Leben gefüllt wird, wie es
sich seine Protagonisten vorstellen, das liegt am Engagement eben der
betroffenen Projekte und Gruppen.
Was bleibt ist, daß wir weder eine Bank für noch der Bewegung wollen,
sondern eine “bewegte" Bank.
Nachtrag für Schaulustige
Dieser Kompromiß ist kein einhelliger! Es gibt durchaus auch die
(Minderheits-)Meinung, daß vieles an dem Konzept einer notwendigen
Bankseriosität schaden würde und somit viele potente Geldgeber
verschreckt. Und diese Minderheit könnte tatsächlich zu einer
Sperrminorität werden, da die umfangreichen Struktur- und
Satzungsänderungen, die für das neue Konzept notwendig werden, einer
qualifizierten (3/4) Mehrheit bedürfen. Im schlimmsten Fall - d.h. wenn es
eine Auseinandersetzung auf der formaljuristischen Ebene gibt - müßten die
Regionalinitiativen einen neuen Dachverband gründen und es würde zwei
konkurrierende Bankinitiativen geben. Der interessierte Zuschauer darf
also noch ein bißchen gespannt sein.
Michael Makowski
Der Autor ist Mitarbeiter der STATTwerke und als solcher direkt an den
Auseinandersetzungen beteiligt. Die Objektivität der Berichterstattung ist
nur scheinbar. Subjektivistische Tendenzen ließen sich nicht ausschließen.
M.M.
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