|
Aus CONTRASTE Nr. 279 (Dezember 2007)
DIE UNIVERSITÄTSSTADT GÖTTINGEN HAT ZWEI CARSHARING ANBIETER
Ohne eigenes Auto dennoch mobil
Wenn man auf Göttingens Straßen unterwegs ist, begegnen einem neben den
Stadtbussen, immer häufiger Fahrzeuge vom »Grünen Auto« oder
»Stadt-Teil-Auto«. Wer steckt hinter diesen Fahrzeugen und welche Ziele
verfolgen diese Unternehmen? Das Prinzip, nach dem diese beiden
Autovermieter arbeiten, heißt Carsharing, zu deutsch »sich das Auto
teilen«. Die Idee des Carsharing verbreitete sich rasant in Deutschland.
Im Bundesverband Carsharing e.V. sind 235 Betriebe organisiert, mit
insgesamt rund 100.000 Kunden.
Tabea Nolte und Karen Laubinger, Red. Göttingen - Diese Entwicklung
verwundert nicht. Gerade in Diskussionen zu den Themen Klimawandel oder
CO2-Ausstoß erscheint das Autoteilen als gelungener Beitrag zum
Umweltschutz. Denn viele Menschen benötigen kein eigenes Auto, ihnen
reicht die Möglichkeit, bei Bedarf auf ein gemeinsames Fahrzeug zugreifen
zu können, beispielsweise beim Möbel- oder Wochenendeinkauf oderuman
freien Tagen Freunde in einer anderen Stadt zu besuchen. »Die Nutzung von
Carsharing reduziert die gefahrenen Kilometer«, stellt Niklas Wachholtz,
Mitarbeiter des Stadt-Teil-Auto Göttingen, fest. Für den innerstädtischen
Alltag wählen viele Göttinger ihr Fahrrad oder den Bus.
Existiere das Angebot des Carsharings nicht, würden sich viele Menschen
überlegen, sich ein eigenes Auto zuzulegen, um mobil zu sein. Doch besitzt
man erst einen privaten PKW, entstehen Fixkosten, die man versucht
»abzufahren«. Aus Bequemlichkeit werden oft auch kurze oder unnötige Wege
mit dem eigenen Auto zurücklegt.
Anfänge des Carsharings
1992 gründete sich in Göttingen der Andere Wege Göttingen e.V. als erste
Carsharing-Anlaufstelle. Der Verein vertrat ökologische Grundsätze und
fällte seine Entscheidungen basisdemokratisch auf Mitgliederversammlungen.
Auch Andreas Schmidt und Michael Patscheke, die heutigen Betreiber des
Grünen Autos, gehörten dem Verein an. Sie waren im Vorstand und in der
Abrechnung tätig.
»Da gab es die Puristen, die Autofahren nur als ‘ultima ratio’ gelten
lassen wollten«, erinnert sich Michael Patscheke an Differenzen aus dem
Jahr 1997. Den Ökologen reichte ein schlichtes Fahrzeug, um von A nach B
zu kommen. Es gab aber auch andere Nutzer, die sich etwas Komfort für
längere Fahrten wünschten. Auf einer Mitgliederversammlung prallten diese
unterschiedlichen Sichtweisen aufeinander. »Der Antrag, ein 100 PS
Fahrzeug mit Klimaanlage anzuschaffen, wurde von der Mehrheit der
Vereinsmitglieder abgelehnt,« erzählt Patscheke.
Diplomkaufmann Patscheke und sein Kollege Andreas Schmidt gehörten zu den
Nutzern, die sich für Carsharing-Fahrzeuge einen vergleichbaren Komfort
wünschten, wie für einen eigenen PKW. 1998 gründeten sie mit drei
Fahrzeugen an zwei Stationen ihren eigenen Betrieb: das Grüne Auto
Göttingen. Heute hat der Betrieb 1.400 Kunden und 48 Fahrzeuge an sechs
Stationen. Auf die Frage, ob in Göttingen Raum für zwei
Carsharing-Anbieter sei, antwortet Patscheke: »Wir können gut leben.«
Neben den beiden Gründern arbeiten vier weitere Mitarbeiter für das Grüne
Auto: einer im Büro, einer macht die Buchführung, einer wäscht die
Fahrzeuge und einer wird zum Kaufmann für Bürokommunikation ausgebildet.
Ehrenamt und Wirtschaftlichkeit
Von 1992 bis 2006 kämpfte der »Andere Wege Göttingen e.V.« energisch um
den Erhalt der ursprünglichen ökologischen Vereinsziele.
Mitgliederversammlungen mit hoher Beteiligung sprechen dafür, dass dieses
auch honoriert wurde. Aber Ehrenamt und Wirtschaftlichkeit passen nicht
immer zusammen. Die Überprüfung von Auslastungen an einzelnen Standorten,
Werbestrategien, die Auseinandersetzung mit alternativen Antriebsformen
sind nur einige überlebensnotwendige Arbeiten, die für den dauerhaften
Bestand einer Carsharing Initiative geleistet werden müssen, heißt es in
einer Stellungnahme des Andere Wege Vereins. 2006 fand sich kein Vorstand,
der diese Arbeit – unter dem Druck der neu entstandenen Konkurrenz –
leisten konnte.
Seit dem 1. Juni 2006 liegt die Betreuung der Nutzer, die Wartung des
Fuhrparks, das Rechnungswesen und die allgemeine Verwaltung des
Stadtteil-Autos in Händen einer neu gegründeten Stadt-Teil-Auto Car
Sharing Göttingen GmbH. Diese GmbH gehört wiederum den FreundInnen von puk
minicar e.V. (siehe CONTRASTE Nr. 264). Die Puk Minicar GmbH ist der größte
selbstverwaltete Betrieb Niedersachsens. Puk minicar gehört der
Belegschaft, das sind derzeit rund 90 Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen.
Bei Puk minicar wird seit über 20 Jahren Basisdemokratie in einem
wirtschaftlichen Betrieb gelebt. Auch die neue Stadt-Teil-Auto GmbH sieht
sich in dieser Tradition (siehe CONTRASTE Nr. 266).
Den Göttinger Einwohnern wird es leicht gemacht, sich für Carsharing zu
entscheiden. Ihnen stehen zwei Anbieter zur Verfügung. »Wettbewerb belebt
das Geschäft, « meint Michael Patscheke. Beide Betriebe sehen sich jedoch
nicht als Konkurrenten, sondern ergänzen sich mit ihren unterschiedlichen
Konzepten. Während das Grüne Auto vor allem versucht, Benutzer
anzusprechen, die flexibel sein wollen, setzt das Stadt-Teil-Auto stärker
auf dezentrale Lösungen.
Ein Vergleich der beiden Firmen verdeutlicht, dass sich deren Preise nicht
sonderlich unterscheiden. Eine Stunde in niedrigster Preisklasse kostet
beim Grünen Auto 1,60 Euro, beim Stadtteil Auto 1,80 Euro. Doch die
Leistungen differieren. Während das Grüne Auto sechs Stellplätze mit
jeweils mindestens fünf Fahrzeugen im Stadtgebiet hat, bietet das
Stadtteil-Auto 14 Stellplätze in Göttingen sowie einen in Hannoversch
Münden an, meist jedoch nur mit einem Auto. Die monatliche rundgebühr
beträgt 7,50 Euro beim Grünen- und 4,50 Euro beim Stadtteil-Auto.
Interessant sind vor allem die Kautionen bzw. Darlehen: Beim Grünen Auto
bezahlt jedes neue Mitglied 119 Euro Aufnahmegebühr, muss jedoch
zusätzlich 500 Euro Kaution hinterlegen. Beim Stadtteil-Auto fällt ein
Darlehen mit 400 Euro an. Dies wird mit einem Prozent verzinst. Beide
Betriebe bieten Sonderkonditionen für Studierende.
Das Verlangen nach Flexibilität erfüllt das Grüne Auto dadurch, dass es
den Nutzern zwei Drittel der Fahrzeuge als sogenannte »Flexi-Autos«
bereitstellt. Diese können ohne vorherige Anmeldung und ohne Angaben über
die Dauer der Nutzung gemietet werden. Das Grüne Auto bietet Wenigfahrern
die Möglichkeit, ohne monatliche Grundgebühr Carsharing zu nutzen.
Diese Angebote gibt es beim Stadtteil-Auto nicht. Hier können jedoch
günstige Wochen- und Wochenendbuchungen genutzt werden. Wie bereits der
Unternehmensname zeigt, liegt dessen Konzept darin, seine Autos in den
Stadtteilen möglichst wohnungsnah anzubieten. Die Nutzer sollen »ihr« Auto
schnell erreichen können. Auch unter der neuen Leitung versucht das
Stadtteil-Auto sein nutzerfreundliches – und laut Niklas Wachholtz
langfristig zukunftsträchtigeres – Konzept beizubehalten.
Nun liegt es bei den Göttinger Kunden, für welchen Anbieter sie sich
entscheiden. Beide Autovermieter bieten Schnupperangebote, mit denen
Interessierte das Autoteilen erst einmal unverbindlich testen können. Es
bleibt abzuwarten, ob die Nutzerzahlen, die zu Gunsten von Carsharing auf
einen eigenen PKW verzichten, weiter steigen. Einen Versuch ist allemal
wert.
CONTRASTE ist die einzige überregionale Monatszeitung
für Selbstorganisation. CONTRASTE dient den Bewegungen als
monatliches Sprachrohr und Diskussionsforum.
Entgegen dem herrschenden Zeitgeist, der sich in allen
Lebensbereichen breit macht, wird hier regelmäßig aus dem
Land der gelebten Utopien berichtet: über Arbeiten ohne
ChefIn für ein selbstbestimmtes Leben, alternatives
Wirtschaften gegen Ausbeutung von Menschen und Natur,
Neugründungen von Projekten, Kultur von "unten" und viele
andere selbstorganisierte und selbstverwaltete
Zusammenhänge.
Des weiteren gibt es einen Projekte- und Stellenmarkt,
nützliche Infos über Seminare, Veranstaltungen und
Neuerscheinungen auf dem Buchmarkt.
CONTRASTE ist so buntgemischt wie die Bewegungen selbst und
ein Spiegel dieser Vielfalt. Die Auswahl der monatlichen
Berichte, Diskussionen und Dokumentationen erfolgt
undogmatisch und unabhängig. Die RedakteurInnen sind selbst
in den unterschiedlichsten Bewegungen aktiv und arbeiten
ehrenamtlich und aus Engagement.
Die Printausgabe der CONTRASTE erscheint 11mal im Jahr und
kostet im Abonnement 45 EUR. Wer CONTRASTE erstmal
kennenlernen will, kann gegen Voreinsendung von 5 EUR in
Briefmarken oder als Schein, ein dreimonatiges Schnupperabo
bestellen. Dieses läuft ohne gesonderte Kündigung
automatisch aus.
Bestellungen an:
CONTRASTE e.V., Postfach 10 45 20, D-69035 Heidelberg, EMail:
CONTRASTE(at)t-online.de
Internet: http://www.contraste.org
Zusätzlich gibt es eine Mailingliste. An-/Abmeldung und
weitere Informationen unter:
http://de.groups.yahoo.com/group/contraste-list
Wenn Sie Ihr Abonnement für diese Gruppe kündigen möchten,
senden
Sie eine E-Mail an:
contraste-list-unsubscribe@yahoogroups.de
|