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Aus CONTRASTE Nr. 280 (Januar 2008)
JUBILÄUM: »DEN DAMALS FORMULIERTEN IDEEN KOMMEN WIR HEUTE NOCH ZIEMLICH
NAHE«
30 Jahre »Zakk«
Es fing an mit dem Film »Punk in London« und einem Straßenfest für
MigrantInnen-Kinder. Etliche Selbsterfahrungsgruppen, Teestuben, indische
Tanzrunden und Bürgerinitiativen zur Humanisierung der Psychiatrie –
später landet das Düsseldorfer soziokulturelle Zentrum »Zakk« (Zentrum für
Aktion, Kultur und Kommunikation) einstweilen bei Streetart,
Arbeitslosen-Café und »The Damned«. Alles anders oder »same old story«?
Wir dokumentieren ein Interview der Düsseldorfer Stattzeitung »Terz« mit
Zakk-Geschäftsführer Jochen Molck über die Lokalgeschichte der
Soziokultur.
Terz: Kannst Du kurz erzählen, wie alles anfing?
Jochen: Es gab damals eine Gruppe von Künstlern, Studierenden und
politisch Engagierten, die einen Raum suchten, um ihre Aktivitäten
entfalten zu können. Es war eine heterogene Gruppe, da gab es auch
unterschiedliche Vorstellungen. Einige wollten eher in die Richtung
Sozialarbeit oder Bürgerzentrum gehen, einige wollten eher Kleinkunst,
Tanz und Theater machen, andere eher Musik. Die ersten Veranstaltungen
fanden noch in der »Brücke« statt, und dann gab es nebenan das
»Klein-Zakk« – so eine Art Teestube. Aber die ersten Veranstaltungen hier
– das ist ja auch der Grund, warum wir jetzt feiern – waren ein Fest für
Kinder aus Migrantenfamilien auf der Fichtenstraße und ein Film über die
neue Punk-Bewegung in England.
Terz: Wie würdest Du das damalige soziokulturelle Konzept beschreiben?
Jochen: Es ging darum, etwas Selbstbestimmtes und Selbstverwaltetes zu
machen und einen Raum für Kultur zu schaffen. Für Sachen, die anderswo
keinen Platz haben. Dabei wurde Kultur in einem breiteren Sinne gefasst,
immer angekoppelt auch an gesellschaftliche Entwicklungen. Und ich glaube,
den damals formulierten Idealen kommen wir heute auch noch ziemlich nahe,
wenngleich sie andere Formen gefunden haben. Wenn Du heute fragst, was hat
eine 80er-Jahre-Party mit gesellschaftlicher Entwicklung zu tun, dann ist
der Zusammenhang natürlich ein bisschen weiter.
Terz: Aber Du siehst da einen Zusammenhang?
Jochen: Ich würde mal so sagen: Wenn wir heute eine 50plus-Party machen,
dann hat das einen Zusammenhang. Es ist ein Treffpunkt für Menschen, die
nicht, wenn sie die 50 erreicht haben, ins Museum oder die Oper
abgeschoben werden wollen. Die Leute wollen selber etwas machen, und es
ist ja auch aus einer Initiative im Zakk heraus entstanden. Bei den
Konzerten und Lesungen ist der Zusammenhang vielleicht nicht mehr ganz so
direkt. Früher gab es die Liedermacher und direkte politische Kunst. So
etwas gibt es heute nicht mehr, aber die können wir auch nicht einfach so
aus dem Sack zaubern. Aber jetzt unsere neue Ausstellung »Is this the
Future«, das ist so etwas. Die Künstler würden sich vielleicht gar nicht
als politisch verstehen, aber was sie machen, ist politisch. Und dafür
finden sie hier ihren Raum.
Terz: Gab es größere Zäsuren in der Geschichte des Zakks?
Es gab wohl in der frühen Zeit, die ich aber nicht aus eigenem Erleben
kenne, immer mal wieder einen kräftigen Richtungsstreit darüber, ob man
sich nicht spezialisieren sollte, auf Musik, Theater, Tanz oder sonst
irgendwas. Das hat die frühen Jahre geprägt. Und es gab irgendwann einmal
die Verabschiedung von der Jugend- und Sozialarbeit. Das war am Anfang
auch immer noch eine Komponente. Dann haben wir uns sehr früh mit neuen
Medien beschäftigt. Wir hatten das erste Internet-Café in Düsseldorf. Und
wir versuchen momentan das in modernerer Form neu zu beleben, was am
Anfang des Zakks eine Rolle gespielt hat, die Werkstätten: Holzwerkstatt,
Töpferwerkstatt, Theaterwerkstatt.
Wir machen jetzt beispielsweise das Projekt »Textwerkstatt«, wo wir
versuchen, Leute zu qualifizieren. Da gehen wir ein Stück weit zurück in
die Vergangenheit, um Dinge, die eine Zeit lang verschüttet waren, wieder
freizulegen. Aber wir geben dem eine modernere Form, »Holzwerkstatt« – das
interessiert heute keinen mehr. Es verändert sich vieles, und da müssen wir
schon ein Stück modern sein und an Trends dran bleiben, ohne jetzt jeder
Mode hinterher zu rennen.
Terz: Die Euphorie und Dynamik, die damals mit »Kultur für alle« verbunden
war, scheint verflogen zu sein. Die Soziokultur will nicht mehr die Oper
stürmen.
Jochen: Ja, aber da müsste man ein wenig weiter ausholen. Es werden heute
viele Verteidigungskämpfe geführt, um bestimmte Errungenschaften zu
bewahren. Ich weiß nicht, in welchen Bereichen man heute wirklich in die
Offensive geht. Das Zakk hat sich ähnlich entwickelt, wie sich die
Szene-Landschaft insgesamt entwickelt hat. Früher gab es einfach mehr
Gruppen. Und da sind wir einfach auch abhängig und können nicht einfach
gegensteuern.
Terz: Einige betrachten die Soziokultur als Auslaufmodell, weil die
gesellschaftlichen Voraussetzungen, welche die Bildungsoffensive und
»Kultur für alle« ermöglicht haben, nicht mehr gegeben sind.
Jochen: Die Soziokultur ist in Bedrängnis geraten, weil der Staat sich aus
bestimmten Bereichen finanziell zurückzieht und weniger öffentlichen
Reichtum schafft.
Terz: Aber nicht auch aus internen Gründen?
Jochen: Nein. Ich finde, dass Soziokultur ein Erfolgsmodell ist und dass
viele Dinge, die wir damals »erfunden« haben, von ganz etablierten
Institutionen übernommen worden sind. Das Schauspielhaus ist heute viel
öffentlicher geworden. Die kümmern sich um Jugendliche, die werden sich
auch um Migranten und Senioren kümmern.
Terz: Für den Kulturpolitiker Jörg Stüdemann sind die soziokulturellen
Zentren inzwischen voll in der neokonservativ verfassten
Bürgergesellschaft angekommen, wobei der Weg von der Expansion mit
gesellschaftsveränderndem Anspruch über die Schaffung einer Enklave bis
zur Bereitstellung eines die etablierte Kultur bloß noch ergänzenden
Programmes ging.
Jochen: Das trifft in Teilen auch auf das Zakk zu. Ich glaube aber, dass
wir, wenn man sich die Landschaft so anguckt, noch eines der politischeren
Zentren sind. Wir machen immer wieder Projekte, die einen
gesellschaftlichen Bezug haben. Natürlich müssen wir für bestimmte
Konzerte heute einen Eintritt nehmen, der sicherlich auch einige Leute
ausschließt. Und es ist auch immer schwerer geworden, Formen zu finden,
wie man diese Leute dann doch noch hier reinbekommt. Aber der Anspruch ist
immer noch da, hier einen Raum zu bieten für Dinge, die in der Stadt sonst
keinen Platz finden. Ich sehe das Zakk nicht als politische Partei,
sondern als den öffentlichen Raum, der Initiativen aus der Stadt
unterstützt und ihnen hier ein Forum bietet.
Terz: Das ist mir ein bisschen zu passiv und unprogrammatisch: Wenn sich
draußen was regt, regt sich das Zakk auch.
Jochen: Das »Linke Zentrum« in der Corneliusstraße kann Veranstaltungen
spontaner durchführen. Bei uns machen das in der Regel bezahlte
Mitarbeiter, und da geht dann ja erstmal ein bestimmter Aufwand rein, wenn
sie 3 bis 4 Stunden eine Diskussion vorbereiten. Und da muss man natürlich
auch ein bisschen gucken, ob sich das auch rentiert, nicht jetzt im
finanziellen Sinne, aber im Sinn von Wirkung.
Terz: Aber gibt es auch ein aktives Moment, so etwas wie eine
lokalpolitische Agenda, dass ihr sagt: Die nächsten drei Monate müssen wir
unbedingt etwas zu diesem oder jenem Thema machen?
Jochen: Zu den letzten Kommunalwahlen haben wir eine Reihe gemacht und zu
»Jugend« und »Mythos Alter«. Im Augenblick ist unser Schwerpunkt
»Interkultur«. Das versuchen wir Künstler aus der Region auf die Bühne zu
holen und gleichzeitig eine Diskussion über Integration zu organisieren.
Terz: Es gabmal eine Zeit, da war das Zakk sehr umstritten...
Jochen: Am Anfang war das Zakk sehr umstritten. Dann haben in den 90er
Jahren Lemmer & Co. gefordert, die Zuschüsse zu kürzen, und die CDU hat
das mitgemacht. Es stand nie auf der Tagesordnung, das Zakk ganz zu
schließen, aber wir mussten Einbußen hinnehmen. Diese Zeit ist vorbei. Wir
kriegen heute auch von der CDU/FDP-Mehrheit im Rat Geld für zusätzliche
Aufgaben wie das Interkultur- Projekt. Nach vielen Diskussionen und
Nachfragen ist es letztendlich im Kulturausschuss bewilligt worden.
Terz: Damals in den 90er Jahren entstand auch die Notwendigkeit, mehr
Eigen-Einnahmen zu erzielen, was das Profil unschärfer gemacht hat. Viele
haben gesagt: Diskos sind doch rein kommerzielle Veranstaltungen, was hat
das im Zakk zu suchen?
Jochen: Diese Ansicht halte ich für falsch. Eine Disko ist per se nicht
erstmal eine rein kommerzielle Veranstaltung. Wenn wir in Düsseldorf fast
als einzige einen Frauenschwoof anbieten, dann hat das eine andere
Ursache als´eine kommerzielle. Das war das Bedürfnis, sich hier zu
treffen. Und als wir die 30plus-Party hier erfunden haben, da gab es auch
erstmal ein Bedürfnis. Ob das jetzt im engsten Sinne ein politisches
Bedürfnis ist, darüber kann man sich sicherlich streiten, aber es ist ein
gesellschaftliches Bedürfnis, dass auch Leute über 30 mal in die Disko
gehen wollen.
Terz: Der alte Kulturkämpfer Peter Alheit hat einmal gesagt, ihm komme es
so vor, als ob die meisten soziokulturellen Zentren heute reine
Veranstaltungsorte geworden sind. Mir geht es manchmal ähnlich, wenn ich
eure Anzeigen im »Biograph« lese. Da finden Konzerte und Dichterlesungen
statt und dann ist da dieses kleine »Surplus«, das Arbeitslosencafé, aber
ich bringe das eine nicht mehr so recht mit dem anderen zusammen.
Jochen: Das funktioniert aber auch nebeneinander. Wir sind eben der Ort
für mehrere Sachen.
Terz: Ihr habt nicht den Anspruch, dass alles mit allem etwas zu tun haben
muss?
Jochen: Nein, das funktioniert auch nicht. Die Leute, die zur Disko gehen
und dann hier unsere Plakate sehen, kommen nicht am nächsten Tag in die
Polit-Veranstaltung. Trotzdem glaube ich, dass man so einen Raum braucht,
wo beides stattfindet. Es muss politische Aktivität geben, es muss aber
auch Genuss geben. Und esmuss auch anregende Kunst geben. Nur so schaffst
Du es, ein lebendiger Ort zu sein.
Terz: Aber ob das im Sinne der Erfinder war, noch einmal innerhalb der
Soziokultur ein Unterhaltungssegment zu schaffen?
Jochen: Aber wo grenzt Du das ab? Ein Jan-Delay-Konzert, ist das ein
reines Unterhaltungsangebot oder hat das emanzipatorischen Charakter? Oder
bei einem Künstler aus Afrika oder Lateinamerika – wo ziehst Du die Grenze?
Die Grenze ist heute schwerer zu bestimmen, nicht zuletzt hängt das auch
davon ab, wie etwas rezipiert wird.
Terz: Geht ihr denn beim Programmmachen auch Risiken ein, wo ihr etwas
unbedingt haben wollt, obwohl es nicht gerade erfolgversprechend ist?
Jochen: Klar machen wir das. Wir subventionieren ja Programm. In der
»Interkultur«-Reihe beispielsweise haben wir mit einer afrikanischen
Künstlergruppe, die jeden Monat etwas machte, schon einen langen Atem
bewiesen. Da haben wir die Veranstaltung nicht gleich abgeschossen, als am
Anfang nur 40 bis 50 Leute gekommen waren statt der erwarteten 150.
Terz: Euer Geburtstagsmotto lautet »Von hier aus weiter«. Kannst Du da
schon einige Wegmarken nennen?
Jochen: Wir müssen uns ein paar Entwicklungen stellen. Zum einen wird die
Gesellschaft nicht jünger, sondern eher älter, und diese Menschen haben ja
auch ein kulturelles Interesse. Zum anderen wird sie mehr und mehr von
Nicht-Deutschen geprägt: Düsseldorf ist in Nordrhein-Westfalen die Stadt
mit dem höchsten Migranten-Anteil. Dann werden wir uns verabschieden von
den großen Disko-Veranstaltungen in der Halle. Du kannst heute nicht mehr
eine Musik spielen, mit der Du 1.000 Leute glücklich machst. Diese
Individualisierung von Lebenstilen hat auch Auswirkungen auf das
Kulturangebot. Du musst heute Club-Angebote machen, kleine
Special-Interest-Sachen. Und wir werden das Verhältnis von Professionellen
und Ehrenamtlichen neu bestimmen müssen: Wir wollen wieder mehr
Ehrenamtlichkeit ins Zentrum holen.
Terz: Danke für das Gespräch.
JAN
Aus terz, Nr. 09/07 www.terz.org
www.zakk.de
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