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Buchbesprechung: Kopenhagen - Neugeburt der Besetzerbewegung

Aus CONTRASTE Nr. 283 (April 2008)

Kopenhagen: Neugeburt der Besetzerbewegung

Ein neues Buch erzählt vom Kampf um das Ungdomshuset und von den Parallelen zwischen der Umstrukturierung Kopenhagens und anderer europäischer Städte. Am 1. März beteiligten sich abermals einige tausend Menschen an Demonstrationen für ein neues Ungdomshuset in Kopenhagen. Genau ein Jahr war es her, dass in der dänischen Hauptstadt das Jugendund Kulturzentrum geräumt und fünf Tage später abgerissen wurde. In der Folge kam es zu den größten Auseinandersetzungen zwischen meist jungen SympathisantInnen und der Polizei in der dänischen Geschichte. Es entstand eine Solidaritätsbewegung, die weit über Dänemark hinaus Widerhall fand und, wie die AutorInnen des Buches »Besetze Deine Stadt! BZ din By!« beschreiben, zu einer Neuzusammensetzung der radikalen Linken in Kopenhagen und neuen Verbindungen zu anderen gesellschaftlichen Gruppen führte.

Neben der ausführlichen Darstellung der Geschichte des Hauses und der Situation in Kopenhagen vor und nach der Räumung wird in dem gut 200 Seiten dicken Buch viel Wert auf persönliche Betrachtungen und Einschätzungen gelegt. In Form von Interviews kommen AktivistInnen aus dem Haus, aus der Stadt aber auch Menschen aus Deutschland, die bei der Räumung dabei waren, zu Wort. In einem extra Kapitel wird auf die besetzte Stadt Christiania eingegangen.

Das am Jagdvej 69 im mittlerweile hippen Stadtteil Nørrebro gelegene Ungdomshuset hatte schon im 19. Jahrhundert eine ereignisreiche Geschichte als politischer Versammlungsort der Linken. 1897 wurde es von der dänischen sozialistischen Bewegung als offenes Haus der ArbeiterInnen aufgebaut. Lenin und auch Rosa Luxemburg besuchten es, Anfang März 1910 erklärte hier Clara Zetkin auf einer Internationalen Frauenkonferenz den 8. März zum Frauenkampftag. 1982 wurde das Haus, mittlerweile städtisch, von einer Anfang der 80er Jahre neu konstituierten BesetzerInnenbewegung, die sich einfach BZer nannte, erkämpft. Die Stadt stellte es ihr schließlich offiziell zur Verfügung.

Neben einer Zusammenfassung der BZ-Bewegung widmet sich das Buch den Rahmenbedingungen, die zu einem Verkauf des Hauses und schließlich zur Räumung führten. Der Stadtteil Nørrebro und seine alternative Kultur wurde in den 90er Jahren von KünstlerInnen, ArchitektInnen, GrafikdesignerInnen und anderen Kreativen auf der Suche nach Inspiration entdeckt. Viele von ihnen sympathisierten zwar mit der Stimmung im Bezirk und auch dem Kulturzentrum Ungdomshuset, sorgten aber faktisch für steigende Mieten und die Vertreibung ansässiger Bevölkerungsgruppen.

Der Autor und Herausgeber Peter Birke beschreibt die 90er Jahre folglich als »defensive Phase« der BZer. Durch massive Sanierungen standen in diesen Jahren einerseits nicht mehr genügend leere Häuser zur Verfügung, zum anderen lernte die Polizei, mit den militanten Aktionen besser umzugehen. Obwohl sie schon bei früheren Besetzungen rigoros einschritt, waren viele Kopenhagener überrascht vom brutalen Vorgehen der Polizei bei der Räumung des Jugendhauses.

Doch das Buch ist kein pessimistisches Werk. Die Herausgeber sehen durchaus produktives Potenzial in der Räumung. So hätten die Aktionen zum Erhalt des Hauses, die harten Polizeieinsätze und die anschließenden Barrikaden für eine Neustrukturierung der Bewegung gesorgt. Mehrere AutorInnen berichten von ergreifenden Momenten der Solidarität in der Bevölkerung und von einer deutlichen Verbreiterung der Bewegung.

Leider fehlt dem Buch weitgehend die Auseinandersetzung mit Konflikten innerhalb der Bewegung bzw. die Konfliktlinien sind oft nur zwischen den Zeilen zu erahnen. Dass es auch möglich ist, über die Widersprüche zwischen »hehren politischen Zielen und (...) den Niederungen des Projektalltags« zu schreiben, beweist Andreas Blechschmidt in seinem Abschlusstext zu der Situation der Roten Flora im Hamburger Schanzenviertel. Gerade die Parallelen zwischen Kopenhagen und den Entwicklungen in anderen europäischen Städten verblüffen und lassen nach einer europäischen Analyse der städtischen Umstrukturierung und schließlich einer europaweiten neuen BesetzerInnenbewegung rufen.

Tim Zülch

von Peter Birke und Chris Holmsted Larsen (Hrsg.): Besetze Deine Stadt! BZ din By! Häuserkämpfe und Stadtentwicklung in Kopenhagen, Berlin 2007, 14,80 EUR

Entnommen aus Neues Deutschland vom 7. März 2008


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19.04.08    Tim Zülch <contraste@t-online.de>
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