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Aus CONTRASTE Nr. 283 (April 2008)
TICKER REPRESSION UND RECHTSFÄLLE
Wilde Attacke – nichts dahinter
Der Einsatz war spektakulär, und die Vorwürfe wogen schwer. Am 26. Juli
2007 stürmten und durchsuchten Beamte eines Sondereinsatzkommandos (SEK)
wegen des Verdachts auf eine »Verabredung zum Mord« in Gießen und Marburg
Wohnungen kurdischer Familien und ein Vereinsheim. Sie gingen dabei
äußerst rabiat vor. Sechs Monate später ist der Verdacht vom Tisch. In der
Zwischenzeit war es zu Solidaritätsaktionen gekommen. Was die Polizei im
Juli ritt und warum sie nun alles fallen ließ, blieb bis heute unklar.
Akteneinsicht wurde bislang verweigert. Ein Rechtsanwalt forderte jetzt
Schadenersatz.
Polizei gesteht Rechtswidrigkeit ein
Das Polizeipräsidium Frankfurt/Oder musste eingestehen, rechtswidrig
gehandelt zu haben, als sie gegen Teilnehmende einer Demonstration einen
Platzverweis aussprach und anschließend einen der Demonstranten in
Gewahrsam nahm. Der Kläger hatte sich zusammen mit mehreren hundert
anderen Menschen am 22. Juli 2007 in Altreetz im brandenburgischen
Oderbruch versammelt. Kurz nachdem der Demonstrationszug die Ortschaft
hinter sich gelassen und einige Teilnehmer die Demoroute in Richtung
Maisfeld verlassen hatten, begann die Polizei, die Demonstrierenden
voranzudrängen und sprach dabei Platzverweise für den Ort aus, auf dem
sich die Demonstration befand. Ein Gentechnikgegner wurde festgenommen.
Das sei rechtswidrig gewesen, räumte die Polizei nun ein, nachdem sie
zunächst behauptete, Platzverweise könnten auch gegenüber DemonstrantInnen
ausgesprochen werden. Mehr unter
www.gendreck-weg.de.
Online-Durchsuchungen möglich,
aber eingeschränkt
Am 27.02.2008 hat das Bundesverfassungsgericht für die heimlichen
Onlinedurchsuchungen hohe Hürden gestellt. So bedarf es einer Gefährdung
eines übergeordneten Rechtsgutes wie etwa Menschenleben oder der Existenz
des Staates, um eine solche Maßnahme zu rechtfertigen. Ob es tatsächlich
hinreichende Belege für eine solche Gefährdung gibt, wird durch
Richtervorbehalt entschieden. Genau darin aber könnte bei den nun zu
erwartenden neuen Gesetzesregelungen der Schwachpunkt liegen. Denn die
Unabhängigkeit von Gerichten ist ein Mythos. Gerade
ErmittlungsrichterInnen entscheiden dank ihrer intensiven Kontakte zu
Staatsanwaltschaften und Polizei immer wieder in deren Interessen.
Aktuelle Berichte in vielen Medien, Hintergrundseite unter
http://de.indymedia.org/2007/11/200830.shtml.
Mehr Kontrolle gefordert!
Wie so oft: Kaum werden die absurdesten Blüten eines durch und durch
menschenverachtenden Wirtschaftssystems names Kapitalismus offenbar,
fordern politische AkteurInnen mehr Kontrolle und Personalaufstockung bei
Repressionsinstanzen (hier: Finanzamt). Während der finanzpolitische
Sprecher von Attac das in etlichen Interviews bekundete, ließen sich
AktivistInnen derselben Organisation mit einem Transparent »Sanktionen
gegen Liechtenstein« auf der Straße sehen. Als wäre ein starker Staat ein
Gegengewicht zum Kapital ...
Nazis als Vorwand für Demonstrationsrechtseinschränkungen
Bei den Anwohnern Gräfenbergs war zuerst deutliches Durchatmen zu
vernehmen, als bekannt wurde, dass die bayerische Landesregierung eine
Reform des Versammlungsrechts anstrebt, die es ermöglichen soll
rechtsextreme Aufmärsche einzuschränken, falls diese zu bestimmten,
historisch brisanten Tagen gemeldet werden, oder dazu geeignet sind, das
‘öffentliche Leben’ massiv einzuschränken. Nach eingehendem Studium des
Gesetzentwurfs war innerhalb des Bürgerforums
klar, dass die Neustrukturierung des Gesetzes dazu geeignet ist, sämtliche
Demonstrationen auf Verdacht einschränken zu können. Mehr:
http://de.indymedia.org/2008/02/209002.shtml.
Geldstrafe für Demoanmelder?
Am 19. Mai 2007 demonstrierten rund 800 Menschen in Karlsruhe gegen die
mittlerweile vom Bundesgerichtshof als rechtswidrig eingestuften
Ermittlungen und den daraus folgenden Razzien der Bundesanwaltschaft im
Vorfeld des G8-Gipfels. Die Demonstration, welche zur Bundesanwaltschaft
führte, wurde von einem unverhältnismäßigen Polizeiaufgebot begleitet,
bereits im Vorfeld wurden zahlreiche Auflagen erlassen. Mittlerweile hat
der Anmelder der Demonstration einen Strafbefehl von 160 Tagessätzen zu je
30 Euro zugestellt bekommen. Die Staatsanwaltschaft Karlsruhe wirft ihm
vor, gegen das Versammlungsgesetz verstoßen zu haben, weil einzelne
TeilnehmerInnen die Auflagen nicht ausreichend beachtet hätten. Kampagne
gegen diese Anklage unter
http://kampagne19mai.de.
Laden für Produkte »made im Knast«
Am 22. Februar eröffnete in Berlins Mitte in der Rosa-Luxemburg-Strasse 25
ein Laden des Modelabels »Haeftling«. In diesem können unter Zwangsarbeit
in Knästen hergestellte Produkte erworben werden. Die Produktauswahl
reicht von Bekleidung jeglicher Art, zu blau-weiß karierter Bettwäsche,
Metalltellern und Wolldecken bis Bio-Kaffee aus dem Knast in Hünfeld und
Schnäpsen aus der JVA Heilbronn. Momentan werden die Produkte in fünf
deutschen Knästen und einem in Großbritannien hergestellt. Mehr:
http://de.indymedia.org/2008/02/208901.shtml.
Thema »Aussageerpressung«
Immer wieder kommt es in Gerichtsprozessen zu Nebenabsprachen, die in der
Substanz der Erpressung gleichkommen. Widersprüche (z.B. gegen
Strafbefehle oder Bußgelder) sollten zurückgezogen werden, sonst könnten
höhere Verurteilungen erfolgen und zudem Gerichtskosten entstehen.
Geständnisse führen zu Bewährung oder milderen Strafen. Bei näherer
Betrachtung erfüllen solche Handlungen von RichterInnen und
StaatsanwältInnen den Straftatsbestand der Aussageerpressung. Dort heißt
es im Paragraphen 343 StGB: »Wer als Amtsträger, der zur Mitwirkung an
einem Strafverfahren ..., einem Bußgeldverfahren ... berufen ist, einen
anderen körperlich misshandelt, ... ihm Gewalt androht ...,um ihn zu
nötigen, in dem Verfahren etwas auszusagen oder zu erklären oder dies zu
unterlassen, wird mit Freiheitsstrafe von einem Jahr bis zu zehn Jahren
bestraft«. In mehreren Strafprozessen nach den G8-Protesten wurden bereits
auf diese Art Geständnisse zu erpressen versucht, siehe u.a. den Fall
unter
http://de.indymedia.org/2007/12/202970.shtml.
Bestraft wurde er nicht – er gehört ja auch zu den gesellschaftlichen
Eliten. Die K.O.B.R.A.-Antirepressionsplattform sucht Fälle, die es zu
dokumentieren lohnt – und Personen, die Lust haben, in ihrem Fall Anzeige
wegen Aussageerpressung zu erheben, um diese Praxis genauer dokumentieren
zu können. Ein Wiki zum Selbst-Eintragen von Fällen entsteht unter
http://deu.anarchopedia.org/aussageerpressung.
Kontakt: kobra@projektwerkstatt.de
Jörg Bergstedt
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