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Aus CONTRASTE Nr. 279 (Dezember 2007)
Werftpleite und kranke Arbeiter
Am 15. August 1997 schließt die Vulkan-Werft in Bremen-Nord ihre Tore
endgültig. Mit dem Konkurs der letzten Großwerft in Bremen werden 2.500
Arbeitsplätze vernichtet. Was ist aus den Menschen geworden, die dort
gearbeitet hatten? Wie geht es ihnen heute, wie fühlen sie sich? Die in
dieser Untersuchung gewonnenen empirischen Erkenntnisse stammen nicht aus
einem "Museum der Arbeit", sie sind der aktuellen Wirklichkeit der
Industriearbeit in Deutschland entnommen. Die ehemaligen Beschäftigten
werden in eine Welt entlassen, in der sie sich nur schlecht zurechtfinden
konnten. Zehn Jahre nach dieser Pleite fragt die Studie nun, wie es um die
Gesundheit und die Perspektiven der ehemaligen Vulkanesen bestellt ist.
Es zeigt sich, dass weiterhin vor allem die Älteren die Leidtragenden des
Strukturwandels der Arbeitsgesellschaft sind. Sie werden allein gelassen
und ein großer Teil wird seelisch und körperlich krank - als (Spät-)Folge
einer auf gesundheitlichem Verschleiß beruhenden Produktionsweise, die von
überlangen Arbeitszeiten und körperlich sehr anstrengenden
Arbeitsbedingungen gekennzeichnet ist. Was tut die Politik? Sie bestraft
die Betroffenen ein zweites Mal, indem sie heute harte Fakten für ältere
Langzeitarbeitslose schafft (Rente mit 67, Hartz IV), ihnen aber keine
realen Chancen gibt und die Kranken einer Entwürdigung durch Institutionen
aussetzt.
Am beeindruckendsten sind die Passagen über die Selbstverhältnisse der
Arbeiter, in denen es vor allem um ihren Körper und ihre (fehlende)
Gesundheit geht, sind doch Rücken- und Atemwegserkrankungen und
Depressionen weit verbreitet. Aber es zeigt sich auch: Wer sich auf dem
Vulkan nicht so stark auf den identitätsstiftenden Lohnarbeitsplatz
konzentrierte, sich also Zeit und Muße für Familie, Ehrenamt oder Hobbies
nahm, überstand die nachfolgende Krise besser. Wer sich dem auch in der
Arbeiterbewegung weithin als positiv beschriebenen patriarchalen Muster
verweigerte, über ruinösen Raubbau an der eigenen Gesundheit Anerkennung
und Selbstwert zu erzielen, oder wer heute keine Krankeitsverleugnung
betreibt, der ist - statistisch gesehen - weit gesünder oder hat ein
höheres Glücksempfinden als der Durchschnitt der Bevölkerung. Das Buch ist
ein lesenswerter Beitrag zur Geschichte der sich stetig verändernden Bremer
Arbeiterbewegung, und einer zur Kritik des von den Gewerkschaften geteilten
Glücksversprechen und Normalitätsdiktates und ebenso eine beeindruckende
Illustration der soziologischen These von Pierre Bourdieu, dass man neben
sozialem Kapital auch kulturelles Kapital braucht, um in einer guten Weise
zu überleben.
Bernd Hüttner
Wolfgang Hien / Rolf Spalek / Ralph Joussen / Gudrun Funk / Renate von
Schilling / Uwe Helmert:
Ein neuer Anfang wars am Ende nicht. Zehn Jahre Vulkan-Pleite: Was ist aus
den Menschen geworden?, VSA Verlag, Hamburg 2007, 104 Seiten, 6,80 EUR
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