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Aus CONTRASTE Nr. 278 (November 2007)
In Bewegung bleiben
Dieses Buch wird ein Standardwerk werden, dies ist schon zu seinem
Erscheinen absehbar. Denn wo sonst fänden sich so viele lebendige und
vielfältige Artikel zur Geschichte von Lesben und lesbischer Politik und
Kultur in einem Band. Noch dazu informativ, historisch und bunt,
analytisch und streitbar geschrieben. Das Buch ist aus der Sicht von
Aktiven aus den Jahrgängen 1931 bis 1981 geschrieben und versammelt über
100 Beiträge zu Bewegung, Alltag und Kultur lesbischer Frauen im 20.
Jahrhundert: politische Kämpfe, Widerstand und Rückschläge, Kontroversen
und Streit, Spaß und Lust. Sehr sympathisch ist, dass darin linksradikale
und militante Formen lesbischer Politik ebenso ausdrücklich ihren Platz
haben, wie Tabuthemen, wie etwa Armut von Lesben oder Gewalt in lesbischen
Beziehungen.
Sechs große Kapitel bilden die Struktur dieses schwergewichtigen Bandes.
Nach einem ersten mit zwei Beiträgen zu lesbischem Leben im Kaiserreich,
Weimarer Republik und der frühen Bundesrepublik folgt die Beschreibung des
politischen Aufbruches der 1970er Jahre in der BRD. Danach platzieren die
HerausgeberInnen im dritten Kapitel sieben Beiträge über lesbisches Leben
in der DDR. Das vierte Kapitel versucht die politischen Kämpfe der 1980er
einzufangen: Kämpfe gegen Imperialismus, Gentechnologie, und die schon
beginnende Debatte um "Schwarz-sein" und Rassismus und Klassenhierarchien
in der Frauen- und Lesbenbewegung.
Das darauf folgende Kapitel beschreibt die politische und Szenekultur der
1970er und 1980er Jahre in Westdeutschland: Hier werden Debatten
nachgezeichnet, einzelne Projekte, wie selbstverwaltete Lesbenkneipen,
Frauentagungshäuser oder lesbisch/feministische Medienprojekte
vorgestellt. Ein eigener Abschnitt sind die überregionalen Orte des
Zusammentreffens und der Auseinandersetzung unter Lesben, wie das
alljährliche Lesbenfrühlingstreffen oder Lesbenwochen in größeren Städten.
In den 1990er Jahren wurde es im Feminismus und auch in der Lesbenbewegung
unübersichtlich und diffiziler, dies schlägt sich im Buch nieder. Das
letzte Kapitel nimmt fast die Hälfte seines Umfangs ein, da hier das
allermeiste dessen zumindest angesprochen wird, was nicht nur unter den
Schlagworten queer und "Antirassismus" in diesem Zeitraum wichtig war. Da
ist z.B. die Debatte um Transgender, um das Verhältnis der weißen
"deutschen" Lesben zu lesbischen Migrantinnen oder people of color und die
Institutionalisierung von Lesbenpolitik, etwa in Form der "Homo-Ehe", die
in der Lesbenbewegung sehr unterschiedlich aufgenommen wird.
Über 300 Fotos, Plakate und Titelbilder aus Bewegungsaktionen und -alltag
illustrieren den Band, der - sehr vorbildlich - auch ein detailliertes
Schlagwortregister und ein ungemein hilfreiches Literaturverzeichnis samt
"grauer" Literatur und Internetadressen enthält.
Dieses Buch ist ein ebenso gutes wie gelungenes Beispiel dafür, wie eine
Zeitgeschichtsschreibung der (neuen) sozialen Bewegungen aussehen kann. Es
ist parteiisch, aber trotzdem vielfältig, die Autorinnen nicht allzu
akademisch, die Beiträge sind in der Regel kurz und von verschiedenen
politischen oder biographischen Standpunkten aus geschrieben, und nicht
zuletzt ist das Buch zwar relativ konventionell, aber trotzdem ganz nett
illustriert. Es so zu machen, wie es nun geworden ist, liegt sicher auch
an der vergleichsweise kleinen Lesbenszene und ihrem - so sieht es
zumindest von "außen" aus - großen inneren Zusammenhalt.
(Geschichts-)Bücher dieses Zuschnittes sollten auch noch für andere
soziale Bewegungen produziert werden, auch wenn dies eine große Aufgabe
sein mag.
Bernd Hüttner
Gabriele Dennert, Christiane Leidinger und Franziska Rauchut. Unter
Mitarbeit von Stefanie Soine (Hrsg): In Bewegung bleiben. 100 Jahre
Politik, Kultur und Geschichte von Lesben; Querverlag Berlin 2007, 456
Seiten, 24,90 EUR
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