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Aus CONTRASTE Nr. 278 (November 2007)
GENTECHNIK-KRITIK II
Die Gründe oder:
Warum eine emanzipatorische Perspektive der Gentechnikkritik notwendig
ist
Glaubt mensch den Umfragen, so sind 70, zeitweise sogar 80 Prozent der
Menschen in Deutschland skeptisch bis ablehnend gegenüber Gentechnik im
Agrar- und Lebensmittelbereich. Einen wesentlichen Anteil an dieser
breiten Mobilisierung von Öffentlichkeit hatten zwar die oft mit
herrschaftskritischen Positionen verbundenen Feldbesetzungen der 90er
Jahre, doch unter der anschließenden Führungsrolle von Umweltverbänden mit
ihren politischen und PR-Interessen verschoben sich die Begründungen.
Jörg Bergstedt, Red. Umweltschutz von Unten - Nun stehen schon seit
längerem gesundheitliche und ökologische Risiken im Mittelpunkt
formulierter Ängste und Kritiken. Die sind oft nachvollziehbar und
wichtig. Aber sie sind ein Ausschnitt - und zwar der, der im gehobenen
BildungsbürgerInnentum und damit in der Zielgruppe der oft sehr
klientelorientierten Umweltverbände im Vordergrund steht. Diese Verkürzung
war und ist gefährlich. Denn in der Folge wandelte sich die
Auseinandersetzungsform. Die in den Risikodebatten auf wissenschaftliche
Sprache trainierten GenpfuscherInnen konnten sich hier gut bewegen und als
"Wissenschaftler" inszenieren, denen es vermeintlich nur um die Sache ging.
Ständig warfen sie mit irgendwelchen Gutachten um sich und schüchterten die
KritikerInnen ein, die nicht so viele Quellen und chemische Formeln
herunterbeten konnten - oder schlicht nicht gewohnt waren, so dreist zu
lügen und irgendwelche sog. wissenschaftlichen Erkenntnisse zu zitieren,
die es zum Teil überhaupt nicht gab. (1)
Es gibt eine weitere Schwäche der Risikodebatte - nämlich die, dass es
eben um Risiken, also nur mögliche Nachteile, geht. So können
GentechnikbefürworterInnen unwidersprochen formulieren, dass zwischen
Vorteilen und Risiken abzuwägen ist. Das aber ist schon tendenziös, denn
es besagt, dass Gentechnik das Positive tatsächlich schafft, das Negative
aber nur entstehen könnte. Oft bleibt es unbemerkt, dass sich die
BefürworterInnen so einen argumentativen Vorteil verschaffen. Daher ist
eine Erweiterung und Zuspitzung der politischen Begründungen auf weitere
gesellschaftliche Fragen notwendig. Denn durch die "Herrschaftsbrille",
d.h. mit herrschaftsdemaskierendem Blick, hat die aktuell entwickelte
Gentechnik bereits deutlich erkennbare Nachteile. Diese lassen sich auch
nicht durch weitere "Sicherheitsforschung" abschaffen - daher kippt auch
das Argument der heute propagandistisch fast immer als
Sicherheitsforschung deklarierten Gentec-Versuche.
Im Folgenden sollen Kritikpunkte gegen Gentechnik benannt werden, die im
System dieser Technik verankert sind und innerhalb der herrschenden
Verhältnisse antiemanzipatorische Tendenzen stärken:
- Bereits häufiger in die Diskussion eingebracht wurde der Hinweis auf
steigende Abhängigkeiten der VerbraucherInnen und der LandwirtInnen. Die
Entwicklung der Gentechnik bei Profit- und Machtorientierung soll die
KundInnen an die Produkte der Firma ketten durch Knebelverträge,
Kombinationen von Saatgut und Spritzmittel sowie Patentierungen.
- Neue Profit- und Machtsphären entstehen durch die Ausdehnung der
Verwertungslogik auf bisher nicht erfasste Lebensbereiche, z.B. die
Patentierung von Tieren und Pflanzen, Gensequenzen usw. Hierdurch werden
die Spielräume für eine selbstbestimmte Entwicklung eingeschränkt, da die
patentierten Organismen und Sequenzen für selbstorganisierte Ökonomien
verloren gehen.
Wissen und Möglichkeiten der Nahrungsmittelversorgung, der Bekämpfung von
Krankheiten und Verletzungen oder anderer lebenswichtiger Technologien
sind nicht für alle Menschen gleich verfügbar, sondern werden von
profitorientierten Unternehmen gehortet. Da Konzerne aufgrund der Regel
der ständigen Verwertung und des Marktes immer alle Möglichkeiten
ausnutzen, sich Profit, Monopol und Macht zu sichern, ist das Patent auf
Leben keine Spitze des Eisberges, sondern ein Grundmuster, dass unter
Herrschaftsverhältnissen zur Gentechnik dazugehören wird.
- Gentechnik ist vom Ansatz her ein Reparieren an Natur und Mensch - zumal
mit technischen Mitteln, d.h. es lenkt den Blick vom Sozialen auf das
Technische. Die Ziele der Gentechnik aber sind fast ausnahmslos soziale:
Gesundheit, Lebensmittelverteilung (nicht deren vermehrte Erzeugung, denn
die Menge ist nicht das Problem!), Überwachung, Eugenik bis Euthanasie.
Somit fördert die Gentechnik prinzipiell die Ausdehnung des
Ingenieursdenkens auf soziale Fragen. Die Gesellschaft und die in ihr
lebenden Menschen werden immer stärker zu einem Gegenstand des Sezierens
in Laboren und Fabriken.
- Selbst in den Fällen, wo offensichtlich die Ausdehnung von Elend,
Ausbeutung, Armut und Hunger dem Zweck der Profitmaximierung dient, ist
die Forschung und Entwicklung sofort dabei. Dass Firmen und
EntwicklerInnen dann bewusst den Weg über Leichen wählen, ist wieder kein
Zufall oder eine Entartung kapitalistischer Wirtschaft, sondern folgt
schlicht deren Grundlogiken.
Das berühmteste Beispiel war und ist die Terminatortechnologie. Mittels
spezifischer Gensequenzen soll verhindert werden, dass die geernteten
Samen als Saatgut weiterverwendet werden können. So wird Selbstversorgung
unmöglich gemacht und die LandwirtInnen werden in dauerhafte Abhängigkeit
getrieben. Wer sich den Bedingungen der Konzerne nicht unterwirft und
nicht zahlungskräftig ist, scheidet aus. Da in weiten Teilen der Welt die
Grundversorgung der Bevölkerung von der Selbstorganisierungsfähigkeit der
BäuerInnen abhängt, kann solche Gentechnik den Hunger eher verschärfen als
ihn zu bekämpfen. Das ist kein Risiko, sondern ein bereits realisierter und
wachsender Nachteil - zumindest zeigt es an, welches Gedankengut in den
Laboren der Gentechnikentwicklung vorherrscht.
- Aus Profit- und Machtinteressen kombinieren die Konzerne und
Institutionen der Gentechnik ihre gentechnischen Veränderungen mit
Kontroll- und Steuerungsmechanismen. Damit verfolgen sie nicht Ziele des
Umweltschutzes, der sicheren Nahrungsmittelversorgung oder der Hilfe für
LandwirtInnen, wie sie in ihrer Werbung stets als Grund für Gentechnik
angeben. Sondern sie wollen die Weiterverwendung des Saatgutes, ja selbst
die Verbesserung des Saatgutes durch Weiterzüchtung unterbinden, wenn sie
ihnen keinen Profit bringt, und vereinfachte Nachweismöglichkeiten für
(z.B. aus der puren Not heraus entstandene) Weiterverwendungen haben.
Zudem wollen sie den Einsatz und die Wirkungen besser steuern können. So
entwickeln Konzerne zur Zeit gentechnische Schaltersequenzen, die
bestimmte Wirkungen der Pflanze bei Kontakt mit bestimmten chemischen
Substanzen auslösen. Dadurch ist nicht nur der Kombinationsverkauf z.B.
mit Pestiziden garantiert, sondern es lassen sich auch ganz andere
Anwendungsfälle vorstellen, deren von Machtinteressen angetriebene
Erforschung längst läuft: Beispielsweise die Möglichkeit, in
Konfliktfällen durch das Besprühen ganzer Landschaften gezielt Hungersnöte
auszulösen.
Zusammenfassend lässt sich sagen: Unter den bestehenden gesellschaftlichen
Bedingungen dienen Forschung und Anwendung der Gentechnik prinzipiell
Profit- und Machtinteressen. Das gilt auch für andere Forschungsund
Technikbereiche. Daher ist mit der Kritik an der Gentechnik auch die
Kritik an den Herrschaftsstrukturen in der Gesellschaft zu benennen. Die
anderen, zur Zeit im Vordergrund stehenden, gesundheitlichen und
ökologischen Argumente gegen die Agro-Gentechnik bestehen darüber hinaus
weiter.
Blick in eine bessere Zukunft?
Solange die Gesellschaft durch die in ihr durchgesetzten Regeln auf
Sicherung und Ausbau von Macht und Profit ausgerichtet ist, werden alle
technischen Entwicklungen ebenso wie das praktische Handeln in Politik und
Wirtschaft auch diesen Zielen dienen. Umgekehrt heißt das: In einer
herrschaftsfreien Welt fallen die Motive des Herrschaftsausbaus (zu diesem
Zweck entwickelte Kontroll- und Durchsetzungsmittel, Waffen usw.) weg. Es
würde "nur" noch geforscht nach dem, was aus der Sicht der Menschen selbst
von Vorteil ist. Und das ist vieles, wovon so einiges zur Zeit kaum
verfolgt wird, weil es eben keinen Profit und keine Machtausdehnung
bringt. Kleine, hocheffiziente Windräder für jedes Hausdach oder
Mini-Blockheizkraftwerke mit automatischer Faulschlammgärung aus
Vakuumtoiletten der umgebenden Wohnungen zum Beispiel: Die würden den
Strommarkt überflüssig machen und damit den Ort, wo der Profit realisiert
werden kann.
Die Ausweitung der Gentechnikkritik durch die Herrschaftsbrille und das
offensive Formulieren einer Zukunft, in der nicht die Zunahme von
Kontrolle, Macht und Reglementierung, sondern deren Verschwinden die
menschliche Produktivkraft für ein bessere Leben nutzbar macht, hat noch
einen kleinen, aber in der politischen Praxis wertvollen Nebenaspekt. Es
entsteht eine deutliche Abgrenzung gegenüber antiemanzipatorischen
Blickwinkeln. Solange nämlich nur Gesundheit und Umweltschutz die Kritik
ausmachen, können sich Rechtsextreme, AnbeterInnen fremder Mächte (von
kosmischer Energie bis zu irgendwelchen Göttern, deren Willen zu befolgen
sei oder deren Werke mit der Gentechnik besudelt würden) oder FreundInnen
entfesselter Regulierungswut durch immer neue Gesetze und Ordnungstruppen
(Kameras an allen Feldern?) problemlos einreihen. Die Unterschiede würden
nicht auffallen. Sie wären im Kern ja auch gar nicht vorhanden. Wo aber
eine emanzipatorische Orientierung sichtbar wird, entspannt sich die Lage.
Wer sich um die Machtfülle von Staaten oder Göttern, die Reinheit von
Völkern oder die Unversehrtheit von Heimat sorgt, steht dann im
Widerspruch dazu. Ausgrenzungen sind gar nicht mehr nötig, weil der
Unterschied sichtbar ist.
Widerstand und Vision
Die emanzipatorische Kritik der Gentechnik ersetzt weder andere Argumente
noch die Propaganda der Tat. Erstrebenswert wäre eine Kombination, d.h.
die Vision einer herrschaftsfreien Welt und die konkrete Kritik der
Gentechnik entfalten ihre größte Wirkung, wenn sie den Erregungskorridor
füllen, der durch die praktische Tat entsteht - sei es die Feldbefreiung
oder -besetzung, die subversive Aktion gegen die Propaganda der Konzerne,
eine symbolische Aktion an den Zentren der Macht oder die Blockade bzw.
Sabotage des laufenden Betriebs.
www.herrschaftsfrei.de.vu
- Probieren Sie doch mal, in einer Debatte ein nie existentes Gutachten
zu zitieren - mit Namen, Quelle, am besten noch den Hinweis, dass es nur
englischsprachig vorliegt. Das macht Eindruck. Dafür ist es überhaupt
nicht notwendig, dass es existiert
Kasten 1:
Emanzipatorisch heißt, die Befreiung und Selbstentfaltung des Menschen
(als Individuum und als Gruppe, die aber aus freier Selbstbestimmung
gewählt wird - also nicht Kategorien wie Nation, Volk, Frau, Mann,
Minderjährig, Behindert ...) in den Mittelpunkt zu stellen und immer vom
Menschen her zu denken und nicht in vermeintlich über ihm stehenden
Zielen. Wer die Heimat, die Schöpfung, das Volk u.ä. beschützen will,
denkt nicht vom Menschen, sondern von über dem Menschen eingeordneten
Einheiten her.
Kasten 2:
Exkurs zur Frage von Herrschaft und Technik
Technikentwicklung und Projektrealisierung finden auch in
herrschaftsfreien Zeiten statt. Sie nehmen aber eine andere Richtung, weil
sie auf anderen Logiken basieren. Realisiert wird, an was Menschen
interessiert sind - und zwar von sich aus, nicht aus dem Zwang zur
Verwertung oder dem Willen zur Beherrschung heraus.
Weil sie ihr Wissen nicht von anderen abschotten können, ist jede
Erfindung oder Entwicklung potentiell für alle gut. Und weil das
unmittelbar einleuchtend ist, wird auch das Interesse steigen, dass Wissen
sich austauscht und verbreitet - was wiederum fördert, dass horizontale
Kommunikationssysteme entstehen. Denn: Nur unter Profit- und
Machtgesichtspunkten ist es vorteilhaft, wenn Wissen gehortet, patentiert
oder geheimgehalten wird. Das steigert den Preis oder Herrschaftsnutzen.
Wo aber die Verwertungslogik fehlt, kann einE ErfinderIn nur alles für
sich behalten, Konstruktionspläne verbrennen oder was auch immer. Davon
hat sie/er nichts. Ist das Wissen aber frei, wird jedeR ErfinderIn schnell
Verbesserungsvorschläge erfahren und wiederum bei anderen abgucken können.
Es ist besser für jede Person, wenn sich jede andere Person auch voll
entfalten und maximal viele gute eigene Gedanken entwickeln kann.
Was herauskommt, wäre ein grandioser Schub an Technikentwicklung für ein
besseres Leben. Und das schnelle Ende der Entwicklung von Technik für mehr
Profite. Statt großen, zentralen Kraftwerken oder Windparks, die ja wegen
des dann erzwungenen Stromvertriebs über den Markt vor allem aus
Profitinteressen entstehen, wird es viele kleine, oft technisch sehr
fortschrittliche Lösungen geben, deren Ziel es ist, dass die Menschen es
gut haben: Warm in den Räumen, schlaue Geräte am Stromnetz,
arbeitssparende und hoch-effiziente Entsorgung von Fäkalien und Abfällen
usw. Um Totalausfälle zu vermeiden, lohnt sich ein Verbund zwischen den
verschiedenen Organisationseinheiten, deren Grenzen ohnehin nicht scharf
gezogen sind - warum sollte daran jemand Interesse haben?
Alles basiert in einer herrschaftsfreien Welt auf Interessen der Menschen
selbst. Sie werden eine Mobilität entwickeln, die ihren Wünschen
entspricht: Reisen zu können (viele Menschen haben Lust auf Mobilität,
daher werden Methoden des Vorankommens entstehen), ohne Lebensqualität zu
verlieren (viele Menschen werden Lust auf lärm- und gestankarmes Leben
haben, Kinder und Erwachsene wollen vor der Haustür spielen, daher wird
die heutige Form der mit Zwang durchgesetzten Auto-Mobilität keine Chance
haben).
Was wird entstehen? Schwebebahnen? Das ist schwer vorherzusagen. Wir sind
von dieser Welt weit entfernt. Nur eines dürfte klar sein: Eine
herrschaftsfreie Welt ist keine anti-technische Welt. Ganz im Gegenteil:
Die Produktivkraft wird extrem steigen, wenn die Menschen für ein besseres
Leben tätig werden. Auch wenn sie (was zu erwarten ist) viel mehr das
bessere Leben auch genießen werden - sie werden viel produktiver,
einfallsreicher und kommunikativer agieren. Weil es ihnen hilft! Der
Egoismus in Form des Willens zu einem besseren Leben, treibt die
Produktivität und den Erfindungsreichtum der Einzelnen an, führt aber
ebenso zu viel Kooperation und zum Wunsch, dass sich andere auch
entfalten, weil ich das von ihnen Erschaffene nutzen, kopieren oder
weiterentwickeln kann.
CONTRASTE ist die einzige überregionale Monatszeitung
für Selbstorganisation. CONTRASTE dient den Bewegungen als
monatliches Sprachrohr und Diskussionsforum.
Entgegen dem herrschenden Zeitgeist, der sich in allen
Lebensbereichen breit macht, wird hier regelmäßig aus dem
Land der gelebten Utopien berichtet: über Arbeiten ohne
ChefIn für ein selbstbestimmtes Leben, alternatives
Wirtschaften gegen Ausbeutung von Menschen und Natur,
Neugründungen von Projekten, Kultur von "unten" und viele
andere selbstorganisierte und selbstverwaltete
Zusammenhänge.
Des weiteren gibt es einen Projekte- und Stellenmarkt,
nützliche Infos über Seminare, Veranstaltungen und
Neuerscheinungen auf dem Buchmarkt.
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