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Aus CONTRASTE Nr. 277 (Oktober 2007)
"Ein recht direktes Völkchen"?
Im Frühsommer 1992 versammeln sich EinwohnerInnen des Mannheimer
Stadtteils Schönau über zwei Wochen lang vor der kurz zuvor eröffneten
Landessamelunterkunft für Flüchtlinge. Sie bedrohen die Flüchtlinge, die
Polizei schützt das Gebäude, geht auch gegen die SchönauerInnen, aber noch
mehr gegen die sich solidarisierenden AntirassistInnen vor.
Möller untersucht wie dieses Ereignis, wenige Wochen vor den rassistischen
Ausschreitungen in Rostock-Lichtenhagen, gedeutet und bearbeitet wurde.
Welche Tatsachen werden zum "Ereignis" oder Anlass zum Handeln, welche
Ursachen werden kommuniziert, wie beschreiben sich die einzelnen
Akteursgruppen gegenseitig - von der Polizei über die Kommunalpolitik bis
zur autonomen Szene.
Möller gibt zuerst einen Überblick über die Rahmenbedingungen. Schönau
gilt in der SPD-Hochburg Mannheim als Problemstadtteil mit eigenen
Ritualen und starker Zusammengehörigkeit, der Stimmenanteil der
Republikaner ist bei der Landtagswahl im April 1992 mit 16 Prozent fast so
hoch wie der Anteil der BewohnerInnen
mit Migrationshintergrund. Seit Bekanntwerden der Planungen für die
Sammelunterkunft 1991 gibt es in Schönau breiten Widerstand, der aber von
den Landesbehörden ignoriert wird. Am 26. Mai finden sich 150 Personen vor
dem Heim ein, bedrohen seine BewohnerInnen. Die Polizei schreitet ein.
Möller gibt einen detaillierten chronologischen Überblick der
allabendlichen Versammlungen, der bis zu den beiden antirassistischen
Demonstrationen am 6. und 13. Juni reicht. Die Demonstration des 6. Juni
wird verboten, 138 Linke festgenommen, davon sind 114 nicht aus Mannheim.
Der Topos der "Auswärtigen" ist, neben der Frage, welche Eigenschaften
"den Schönauern" zugeschrieben werden, der zentrale für die
unterschiedlichen Deutungen. Die Lokalpresse kommuniziert die Drohungen
gegen die Flüchtlinge als Saufgelage, Gewalt sei erst durch die
auswärtigen AntifaschistInnen entstanden und in die Stadt getragen worden.
Die Polizei knüppelt gegen die Solidaritätsdemonstrationen, lässt aber nie
Zweifel aufkommen, dass sie in Schönau das Sagen hat und die Flüchtlinge
schützt. Sie kommuniziert die Vorfälle in Schönau als alkoholgeschwängerte
unpolitische Randale, und verharmlost sie dadurch wie die Lokalpresse. Die
Kommunalpolitik sieht sich auf Seiten des Stadtteils, nicht der
Flüchtlinge. Sie übt keine Kritik an Rassismus, von Gewalt spricht sie nur
im Zusammenhang mit dem Phantom der auswärtigen "reisenden Gewalttäter".
Viele Linke sehen berechtigten Protest, der sich aber an den falschen
Adressaten richte. Weiter geht die linke Sichtweise, die einen "völkischen
Mob" am Werk sieht, der innerhalb eines rassistischen Konsens agiere. Mit
Schönau sei eine neue Stufe in der Eskalation erreicht, da sich nun die
"normale Bevölkerung" an rassistischen Ausschreitungen beteilige.
Möller arbeitet zum Schluss, auch im Rückgriff auf die historische
Protestforschung, drei Interpretationsmuster der Ereignisse heraus: Die
unpolitische Randale, vertreten durch Polizei und Lokalpresse, den
sozialen Protest, vertreten durch die SchönauerInnen selbst und einige
Linke, sowie die durch die radikale Linke vertretene Interpretation als
Pogrom.
Als Schlussfolgerung kann gelten: Polizei, Stadtverwaltung und Lokalpresse
waren damit erfolgreich, die Vorkommnisse als überbewertet und unpolitisch
darzustellen Wenn von Rassismus die Rede ist, kommt Mannheim-Schönau im
kollektiven Gedächtnis nicht vor. Dazu trug bei, dass in diesem Jahr noch
die weit gravierenderen Vorfälle von Hoyerswerda und Rostock stattfanden.
Möller hat eine detaillierte Fallstudie zu einem lokalen Konflikt
vorgelegt, die gut herausarbeitet, wie dessen Wahrnehmung und Deutung von
schon vorher feststehenden Annahmen rassistischer oder auch lokalistischer
Art beeinflusst wird. Nicht zuletzt ist sein Buch ein kleines Stück
Bewegungsgeschichte Baden-Württembergs und des Rhein-Main-Gebietes: 1991
und 1992 war die Debatte innerhalb der Linken darüber, wie mit dem neu zu
Tage getretenen "Rassismus von unten" umzugehen sei, in vollem Gange.
Bernd Hüttner
Matthias Möller: "ein recht direktes Völkchen"? Mannheim-Schönau und die
Darstellung kollektiver Gewalt gegen Flüchtlinge; 168 S., 16 EUR, Trotzdem
Verlagsgenossenschaft, Frankfurt/Main 2007
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