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Buchbesprechung: Neualtes vom Opium

Aus CONTRASTE Nr. 274/275 (Sommer 2007)

Neualtes vom Opium

Der Papst ist pop, Jürgen Habermas entdeckt auf seine alten Tage die Religion und das christliche Abendland inszeniert sich im Kampf gegen den islamistischen Terror. Höchste Zeit also für einen Sammelband, der sich mit der Rückkehr religiöser Praktiken und Mentalitäten in den westlichen Ländern auseinandersetzt. Basierend auf Beiträgen, die im November 2005 auf einem Kolloquium des Duisburger Instituts für Sprach- und Sozialforschung (DISS) diskutiert wurden, sind in dem Band "MachtReligion - Politik" 14 Aufsätze aus kulturwissenschaftlicher, laizistischer Perspektive zusammengestellt.

Den ersten thematischen Block bilden Forschungen zur Religionsgeschichte in historischer Perspektive. Moshe Zuckermann bietet in seinem Beitrag "Vernunft und Religion" einen Parforceritt durch die Religionskritik von Kant über Marx bis Freud: Religion als Defizit, als Ideologie, als Illusion und Projektion. Zuckermann analysiert hierbei auch die Verkürzungen, der die linke Religionskritik nicht zuletzt durch Marx' "narkotische Metapher " vom "Opium des Volkes" immer noch erliegt.

Im zweiten Abschnitt "Religion und Politik in Aktion" befassen sich Frank Unger und Manfred Uesseler mit dem christlichen Fundamentalismus der "wiedergeborenen Christen" in den USA, seinem Einfluss auf die Präsidentenwahlen und die aktuelle "Intelligent Design"-Diskussion in der US-Bildungspolitik. Die bisher wenig beachtete Verbindung der Neuen Rechten in Russland mit dem orthodoxen Christentum beleuchtet Andreas Umland. Moshe Zuckermann erläutert in seinem zweiten Beitrag "Religion und Staat in Israel" das komplexe Verhältnis zwischen dem ursprünglich säkularen Zionismus und der religiösen Fundierung des Staates Israel. Der dritte, umfangreichste Themenkomplex behandelt "Politik und Religion in Konflikt". Die vier Beiträge betrachten ausschließlich das "Konfliktfeld Islam". Nach einem handbuchartigen Überblick von Claudia Dantschke über Strömungen und Strategien des Islam und Islamismus in der BRD befasst sich Margarete Jäger mit der immer noch virulenten "Kopftuchdebatte" und konstatiert, dass der Streit zur Verstärkung eines rassistischen und islamfeindlichen Klimas in Deutschland geführt habe. Daran anschließend untersucht Daniela Marx die antiislamischen Argumente, mit denen Alice Schwarzer zur medienkompatiblen "feministischen Islamexpertin" mutiert ist. Ineke van der Valk stellt die sozial- und ausländerpolitischen Folgen des islamistisch motivierten Mordes an dem Filmemacher Theo van Gogh in den Niederlanden dar.

Der abschließende vierte Themenbereich versammelt Aufsätze, die sich mit der theoretischen Begründung des Machtkomplexes "Religion und Politik" auseinandersetzen. Heinz Brüggemann analysiert kritisch Habermas' neues Konzept einer "postsäkularen Gesellschaft", die - so Habermas - durch vorpolitische, letztlich auch religiöse Sinngehalte stabilisiert werden müsse. Interessant sind in diesem Zusammenhang Brüggemanns Ausführungen zur medialen (Selbst)-Inszenierung der katholischen Kirche im Zwei-Päpste-Jahr 2005. Jürgen Link befasst sich in seinem Beitrag mit der weltweiten Zunahme "apokalyptischer Religiosität", z. B. bei den Pfingstkirchen in Lateinamerika, die er mit Globalisierungskrisen und der Suche nach neuer Vergemeinschaftung erklärt.

Der Band versammelt viele interessante Einzelthemen, macht aber auch ein wenig ratlos, weil er Erwartungen weckt, die er nicht einlöst. So verwundert es schon, dass im "Konfliktfeld Politik und Religion" nur die guten alten Bekannten vorkommen: christlicher und islamischer Fundamentalismus. Die gegenwärtigen Ideologiekämpfe zwischen Staat, Kirchen und Gesellschaft in Europa - Stichworte: Ideologie des "christlichen Abendlandes ", Streit um den Gottesbezug in der Präambel der EUVerfassung -, werden in diesem Sammelband leider nicht thematisiert.

Problematisch ist auch die behauptete Rückkehr religiöser Praktiken und Mentalitäten. Zweihundert Jahre Säkularisierung gingen immer wieder mit einer Renaissance des Religiösen einher. Woraus die zurückgekehrten religiösen Mentalitäten und Praktiken - jenseits des Fundamentalismus - überhaupt bestehen sollen, bleibt in diesem Sammelband unklar. Auf dem Klappentext wird immerhin die spannende Frage aufgeworfen, "inwieweit die politischen Grundlagen in Deutschland und Europa durch Religion und Ausnutzung spiritueller Bedürfnisse geprägt sind". Aber auch hier bleibt das Buch leider die Antworten schuldig.

Frauke Klinge (artur)

Margarete Jäger / Jürgen Link (Hg.): Macht - Religion - Politik. Zur Renaissance religiöser Praktiken und Mentalitäten, UNRAST-Verlag, Edition DISS Bd. 11, Münster 2006, 302 S., 24 EUR.


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08.04.08    Frauke Klinge <contraste@t-online.de>
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