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Aus CONTRASTE Nr. 276 (september 2007)
Siegen oder Draufgehen: 1975, die Entführung Lorenz' und Stockholm
Das Jahr 1975 war innenpolitisch - neben dem, dass es das erste UNO-Jahr
der Frau war, stark von zwei Ereignissen geprägt, die heute im Zuge der
neuerlich aufgeflammten RAF-Debatte wieder in Erinnerung gerufen werden.
In beiden Fällen, schreibt Michael März in seiner nun als Buch
erschienenen Magisterarbeit, hätten Angehörige bewaffnet agierender
Gruppen aus der Linken "den Rechtsstaat herausgefordert" und "die
Machtfrage gestellt".
Die ersten Aktionen sind die Entführung des Berliner CDU-Vorsitzenden
Peter Lorenz mitten im Wahlkampf im Februar und die in einem Fiasko
endende Besetzung der deutschen Botschaft in Stockholm zwei Monate später.
Peter Lorenz wurde von der "Bewegung 2. Juni" entführt, einer eher
sozialrevolutionären militanten Gruppe, die sich nach dem Todestag von
Benno Ohnesorg im Jahr 1967 benannt hatte.
Seine Entführung war, schreibt März, die erste eines Politikers in der
bundesdeutschen Geschichte, durch sie sollten politische Gefangene
freigepresst werden. Innerhalb des ohne gesetzliche Grundlagen gebildeten
Krisenstabes war man uneins, schließlich wurde einem Austausch zugestimmt,
der dann auch erfolgte. Fünf Gefangene wurden in Begleitung des ehemaligen
Bürgermeisters von Berlin, Heinrich Albertz, in den Südjemen ausgeflogen -
die an den eigenen Zielen gemessen erfolgreichste Aktion des
bundesdeutschen bewaffneten Kampfes.
Ein ganz anderes Ergebnis hatte der Überfall in Stockholm. Er dauerte nur
zwölf Stunden, in denen zwei der Botschaftsangehörigen und zwei Angehörige
des "RAFKommandos Holger Meins" starben. Seit Mai 1972 saß die erste
Generation der Roten Armee Fraktion nahezu komplett im Gefängnis, der
Überfall in Stockholm wurde von einer Zwischengeneration verübt, bevor
dann die sogenannte "zweite Generation" mit dem "Deutschen Herbst" 1977
das bis heute gültige Bild von der Roten Armee Fraktion prägte.1980 löste
sich dann die Bewegung 2. Juni selbst auf und einige ihrer Mitglieder
schlossen sich der RAF an.
Es ist beklemmend, zu lesen, wie jung die Beteiligten damals waren. Karl
Heinz Dellwo, der sich bis heute öffentlich mit seiner Geschichte
auseinandersetzt, war erst 22, als er an der Aktion in Stockholm teilnahm.
Dass der Staat sich ihnen nicht beugen würde, hatten sie nicht vorgesehen
und brachte sie aus dem Konzept. Das Kommando hatte keinen Alternativplan,
sondern ging mit der Haltung "wir erreichen unsere Ziele oder wir gehen
drauf" an die Sache heran. März schildert detailliert die Vorgänge auf
staatlicher Seite, die vor allem aus der Lorenz-Entführung den Schluss
zog, dass nicht nachgegeben werden dürfe.
Die mediale Darstellung, die Untersuchung der internen Dynamik unter den
Militanten oder die Einordnung der Ereignisse in die allgemeine politische
Entwicklung fallen demgegenüber weit geringer aus. Der 1981 geborene März
hat die relevante Literatur bearbeitet und sich sehr stark auf
archivalische Quellen gestützt. Die politischen Wertungen, zu denen März
kommt, sind stellenweise etwas überzogen - was allerdings weniger ins
Gewicht fällt, wenn man bedenkt, dass hier erstmals eine eigenständige
Publikation zu einem bisher in dieser Form nicht behandelten Thema
vorliegt.
Bernd Hüttner
Michael März: Die Machtprobe 1975. Wie RAF und Bewegung 2. Juni den Staat
erpressten; Forum Verlag, Leipzig 2007, 216 S., 16,80 EUR
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