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Aus CONTRASTE Nr. 278 (November 2007)
Der Rasen und Vietnam
Bis zur Ermordung von Benno Ohnesorg am 2. Juni 1967 war West-Berlin das
eindeutige Zentrum der deutschen sogenannten "Studentenbewegung". Mit der
Überführung des Sarges am 8. Juni nach Hannover kam dann die
Studentenbewegung auch nach Westdeutschland. Görlich erzählt in seinem
Buch die Geschichte der Berliner Studentenbewegung im Zeitraum von
ungefähr zwei Jahren vor und nach dem 2. Juni 1967 nach. Dies macht er in
der Form angelehnt an die eines Reiseführers. Die Orte werden anhand
einer Karte vorgestellt und in der Regel auch die Vorgeschichte der
einzelnen Gebäude erzählt.
Er referiert die Orte und Adressen in Berlin, die für die Studentenrevolte
wichtig waren, stellt sie und die dazugehörigen Ereignisse vor. Da sind das
Otto-Suhr-Institut für Politikwissenschaft und der Henry-Ford-Bau, beide an
der Freien Universität. Die Deutsche Oper an der Bismarckstraße, die mit
dem Besuch des iranischen Schahs und der in einer Querstraße erfolgten
Erschießung von Benno Ohnesorg verbunden ist. Der Kurfürstendamm als
Aushängeschild des kleinbürgerlichen Berlin - Stichwort: Café Kranzler -
wie auch als Ort der großen Demonstrationen und der gegen sie gerichteten
Polizeieinsätze. Das Kriminalgericht Moabit am Tegeler Weg, das als Ort
der Prozesse gegen einige Protagonisten der Studentenbewegung immer wieder
Ziel und Schauplatz von Aktionen war. In der Nähe des Kriminalgerichts
findet am 4. November 1968 die sogenannte Schlacht am Tegeler Weg statt,
die gleichzeitig der Höhepunkt der Massenmilitanz wie der Endpunkt der
Studentenbewegung ist. Das Haus am Kurfürstendamm 140, in dem der SDS
residierte, und vor dem am 11. April 1968 das Attentat auf den damals
28jährigen Rudi Dutschke geschieht, ist mittlerweile abgerissen, heute
steht dort ein mehrstöckiger Neubau. Das Springerhochhaus an der
Kochstraße in Kreuzberg nimmt Görlich zum Anlass, die BILD-Zeitung, die
"Enteignet Springer"-Kampagne und die gegen Springer gerichteten
Osterunruhen darzustellen. Am Rathaus Schöneberg findet am 21. Februar
1968 die große Demonstration gegen die Studentenbewegung statt, 80.000
Menschen nehmen teil, die Teilnehmerzahlen der Demonstrationen der
Studentenbewegung bewegen sich in der Regel eher im vierstelligen
Bereich.
Einige Personen aus dieser Zeit werden näher vorgestellt, Dutschke, der
Bürgermeister Heinrich Albertz, Horst Mahler. Der SDS löst sich am 21.
März 1970 auf, die letzte ordentliche Delegiertenkonferenz hatte im
September 1968 stattgefunden. Die Studentenbewegung war an dem Umstand,
dass sich viele aus der Bevölkerung über das verbotene Betreten des Rasens
erregten, jedoch nicht über das Verbrennen von Kindern in Vietnam oder den
Nationalsozialismus, gescheitert, wie es Peter Schneider in seiner
berühmten Rede "Wir haben Fehler gemacht" schon am 5. Mai 1967 im
Henry-Ford-Bau feststellte. Ihre Breitenwirkung in Form einer kulturellen
Modernisierung der Gesellschaft sollte sich freilich erst viel später
zeigen - sie reicht heute bis weit in die Lebenswelt wie auch in die
etablierten Parteien hinein.
Eine ausführliche Zeittafel und eine Literaturliste schließen diesen sehr
guten und reich illustrierten Band ab.
Bernd Hüttner
Christoph Görlich: Die 68er in Berlin. Schauplätze und Ereignisse;
Reiseziele einer Region, Band 4; Kai Homilius Verlag 2007, 368 S., 18 EUR
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