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Aus CONTRASTE Nr. 278 (November 2007, Schwerpunktthema)
BRASILIEN: BANCO PALMAS
Ein erfolgreiches Experiment
Der Hauptunterschied zwischen Europa und Brasilien besteht im Fehlen eines
Systems sozialer Sicherung. Die Armen werden sowohl vom Produktionsprozess
als auch von der Verteilung des Reichtums der Gesellschaft ausgeschlossen.
Das Land hat niemals das Ziel der Vollbeschäftigung erreicht, obwohl das
soziale Sicherungssystem an Beiträge gekoppelt wurde. Dies bedeutet, dass
soziale Rechte an ein Beschäftigungsverhältnis gebunden wurden, eine
andere Absicherung gab es bis zur Verabschiedung der neuen Verfassung im
Jahr 1988 nicht. (1)
Von Clóvis Zimmermann - In der Folge wurden Arbeitslose von jeglicher
Absicherung ausgeschlossen, wodurch sich die sozialen Probleme des Landes
vehement verschärften. Um diese in den Griff zu bekommen, werden sowohl
die Strategie eines neuen Produktionsprozesses (solidarische Ökonomie) als
auch die Verteilung des Reichtums (Grundeinkommen) genannt. In diesem
Artikel wird argumentiert, dass beide Strategien nicht in Widerspruch zu
einander stehen, sondern sich entfalten und ergänzen.
Ein bekanntes Projekt der solidarischen Ökonomie in Brasilien heißt
Palmenbank (Banco Palmas), das in der Favela Conjunto Palmeira der Stadt
Fortaleza (2) entstanden ist. Die Palmenbank (3) wurde in zahlreichen
Medien als "ein erfolgreiches Experiment" (4) der solidarischen Ökonomie
genannt, welches ein Beispiel für Fortaleza sei, weil dadurch
Arbeitsplätze und Einkommen für die armen Menschen geschaffen würden.
Durch die Palmacard gab es einen Anstieg der Ernährungssicherheit im
Viertel, weil die Armen dadurch ihre Grundbedürfnisse besser befriedigen
konnten. Allein im Jahr 2001 konnten 150 besonders bedürftige Familien
ihren Grund- und Notbedarf, insbesondere an Nahrungsmitteln, über die
Benutzung der Palmacard befriedigen. Auf der anderen Seite zeigen neue
Studien, dass das Projekt der solidarischen Ökonomie nicht die
Grundbedürfnisse aller Menschen decken konnte (s. ANDRADE; ZIMMERMANN,
2007).
Außerdem ist das Projekt der solidarischen Ökonomie von einer
unzureichenden Vermarktung der Produkte geprägt. Der Markt ist immer mehr
von der Konkurrenz geprägt, was die Platzierung der Produkte erschwert,
weshalb die Betriebe der solidarischen Ökonomie unter schwierigen
Bedingungen und Konkurrenz arbeiten müssen. Dies trägt dazu bei, dass die
Bedürfnisse der Menschen nicht allein durch eine solidarische Produktion
gedeckt werden können. Deshalb ist es sinnvoll, die solidarische Ökonomie
durch das Grundeinkommen zu ergänzen. Ein Grundeinkommen kann die
Grundbedürfnisse der Menschen im solidarischen Produktionsprozess
garantieren, wodurch der Druck der Vermarktung der Produkte gemildert
werden kann. Zusätzlich kann das Grundeinkommen als Kredit für die
Finanzierung der Aktivitäten der solidarischen Ökonomie dienen.
Brasilien hat im Januar 2004 als erstes Land der Welt ein Gesetz zur
Einführung des Grundeinkommens (Renda Básica de Cidadania) unterzeichnet.
Nach dem Gesetz sollen alle Personen - auch Ausländer, die mehr als fünf
Jahre im Land leben - eine staatliche Förderung erhalten, mit der sie ihre
Grundbedürfnisse wie Lebensmittel, Erziehung und Gesundheit befriedigen
können. Dabei handelt es sich um eine allgemeine finanzielle
Unterstützung, die monatlich bedingungslos und ohne Unterschied an Reiche
und Arme, Jung und Alt, Frauen und Männer gleichermaßen ausbezahlt werden
soll.
Ein Grundeinkommen könnte in Brasilien zum ersten Mal die Menschen von der
Drohung des Hungertods befreien und sie auf diese Weise wirtschaftlich
wahrhaft frei und unabhängig von jeglicher Art unwürdiger Arbeit machen.
Außerdem könnte somit die Wahlfreiheit der Menschen wesentlich erhöht
werden. Niemand müsste sich mehr auf unmenschliche Arbeitsbedingungen
einlassen. So verhält es sich beispielsweise im Extremfall mit der
Sklavenarbeit, die es in Brasilien immer noch gibt, weil die Menschen
keine andere Überlebensmöglichkeit haben und deshalb befürchten, zu
verhungern.
Im brasilianischen Kontext ist die solidarische Ökonomie nur dann
sinnvoll, wenn sie durch das Grundeinkommen ergänzt wird. Dieses kann die
Grundbedürfnisse der Menschen im solidarischen Produktionsprozess
garantieren, womit der Druck der Vermarktung von Produkten reduziert
werden kann. Außerdem kann das Grundeinkommen als Kredit für die
Finanzierung der Aktivitäten der solidarischen Ökonomie dienen, wodurch
die Wahlfreiheit und Unabhängigkeit der Menschen von Banken und
Kreditgebern wesentlich erhöht werden kann.
Clóvis Zimmermann ist Doktor der Soziologie an der Universität Heidelberg
und Dozent für Sozialpolitik an der Universidade Estadual de Montes
Claros, Brasilien
Literatur
ANDRADE, Dorinha, ZIMMERMANN, Clóvis Roberto (2007) Solidarisches Handeln
und die solidarische Ökonomie: Die Erfahrung der Palmenbank in Fortaleza,
Brasilien. In: Sepp Fiedler; Andreas Eickelkamp (Hg.). Die
Lifestyle-Falle: Der Klimawandel als Chance für ein neues Lebensgefühl.
Berlin Rhombos-Verlag, S. 113-126.
FROMM, Erich. (1984). Über den Ungehorsam und andere Essays. Zürich: Ex
Libris.
ZIMMERMANN, Clóvis Roberto (2007). Die Einführung des Grundeinkommens im
Kontext der brasilianischen Sozialpolitik. In: Andreas Exner; Werner Rätz;
Birgit Zenker (Hg.). Grundeinkommen: Soziale Sicherheit ohne Arbeit. Wien:
Deuticke, S. 211-221.
- Anmerkungen
-
- In den 90er Jahren haben sich die Debatten und Kampagnen um die
Einführung von Mindesteinkommensprogrammen zur Bekämpfung der Armut
intensiviert. Auf kommunaler Ebene knüpfen diese Programme an dem im Jahr
1991 vorgeschlagenen Gesetzentwurf des Senators Eduardo Suplicy (PT) an.
Dieses Projekt hat intensive Debatten in den Medien, vor allem in
angesehenen Zeitungen und Zeitschriften, entfacht. In deren Folge wurden
durchaus neue Wege bei der Armutsbekämpfung auf lokaler Ebene beschritten.
Von 1995 an haben zahlreiche Kommunen Brasiliens, zunächst Campinas,
Ribeirão Preto und der Bundesdistrikt rasília, Mindesteinkommenprogramme
zur Armutsbekämpfung eingeführt. Ab dem Jahr 2000 wurden Mindesteinkommen
von der Regierung Fernando Henrique Cardosos auch auf Bundesebene
eingeführt. Auf diese Weise entstanden folgende
Einkommenstransferprogramme: die Schulbeihilfe für arme Familien, die ihre
Kinder in die Schule schicken, die Ernährungsbeihilfe (Programm zur
Ernährung der Mütter) und die Gasbeihilfe, eine kleine, zweimonatlich
ausbezahlte Summe, um Gas für die Küche zu kaufen. Bereits Ende Oktober
2003 hat die Regierung Lula dann die unterschiedlichen
Einkommenstransferprogramme in einem Familienstipendium (Portugiesisch
Bolsa Família) zusammengeführt. Jede in extremer Armut lebende Familie
bekommt monatlich einen Betrag von 50 bis 95 Real, je nach Anzahl der
Kinder. Der Grundbetrag liegt bei 50 Real, bis pro drei Kinder werden 15
Real hinzu bezahlt. Der Durchschnittswert des Familienstipendiums lag im
Jahr 2006 monatlich schätzungsweise bei etwa 70 Real, etwa 25 Euro pro
Familie.
- Fortaleza ist mit 2.141 Millionen Einwohnern (Stand Jahr 2000) die
Hauptstadt des Bundesstaates Ceará im Nordosten Brasiliens.
- Die Einwohnervereinigung des Conjunto Palmeiras hat am 20. Januar 1998
die Palmenbank ins Leben gerufen. Ziel der Palmenbank ist es, Kleinkredite
für die lokale Produktion und Konsumtion über niedrige Zinsen zu gewähren,
ohne Einkommensnachweis, Bürge oder sonstige Bedarfsprüfungen. Die
Nachbarn geben Hinweise über die Vertrauenswürdigkeit des Kreditnehmers.
Damit soll gezeigt werden, dass die Palmenbank ein Netz der Solidarität
zwischen Produzenten und Konsumenten sei.
- Zeitung O Povo von 28.08.2000.
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