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Aus CONTRASTE Nr. 278 (November 2007, Schwerpunktthema)
WERTPRODUKTION?
Von der Wirklichkeit zur Utopie
Die Diskussion über Grundeinkommen hält bei Linken und Konservativen seit
Jahren an. Das drückt ein unabweisbares Bedürfnis nach einer gesicherten
menschlichen Existenz aus und zwar in einer Gesellschaft, in der Waren im
Überfluss produziert werden und zugleich viele Menschen durch
Erwerbsarbeit ihre Lebensgrundlage nicht mehr sichern können. Angesichts
des sachlichen Reichtums in der Bundesrepublik etwa ist es skandalös, dass
Menschen durch working poor oder/und per staatliche Alimentierung auf dem
elenden Harz IV Niveau vegetieren und durch erniedrigende Auflagen
schikaniert werden. Könnte ich, würde ich die gönnerhaften Entscheider zum
Selbstversuch zwingen.
Von Uli Weiß - Dass ein Grundeinkommen diese Zumutungen überwinden könnte,
ist zur selbstbetrügerischen Utopie geworden. Wen das verwundert, der oder
die müsste sich u.a. mit folgenden Fragen beschäftigen:
- Gibt es im Kapitalismus eine andere Quelle der Wertproduktion als die
Lohnarbeit?
- Bedeutet Grundeinkommen Übertragung von Wert ohne das Äquivalent
geleisteter (Lohn-)Arbeit durch den Empfänger?
- Ist eine derartige Übertragung von Wert grundsätzlich mit Kapitalismus
vereinbar? Wenn ja, welche Bedingungen ermöglichten bzw. erzwangen einen
solchen (scheinbaren) Verstoß gegen das Wertgesetz?
- Gibt es Entwicklungsstufen der kapitalistischen Warenproduktion, auf
der diese Bedingungen verschwinden und damit eine massenhafte
nichtäquivalente Übertragung von Wert immer unmöglicher?
- Wenn nicht mehr über die Wertform vermittelt, wie könnte unter solchen
Bedingungen materielle Existenz gesichert werden?
In der hier gebotenen Kürze nur soviel: Zum Ersten und Zweiten ist zu
diskutieren, ob das Wertgesetz in der kapitalistischen Produktionsweise
gilt. Doch selbst wer dies verneint, kann nicht ignorieren: Für das
Grundeinkommen sollen Waren erworben werden, Dienstleistungen
eingeschlossen, die andere Menschen in Lohnarbeit schaffen. Die Annahme,
das Grundeinkommen koppele menschliche Existenz von Lohnarbeit ab und habe
ein antikapitalistisches Moment, ignoriert genau dies. Weiter wird oft
behauptet: "Geld ist genug da. Es muss anders verteilt werden" oder "Es
gibt sehr wohl lohnarbeitslose Vermehrung von Wert - Zinsen, Vermehrung
spekulativen Kapitals, nichtäquivalente Austausche (so zwischen Nord und
Süd, unentgeltliche Verausgabung von Arbeit im Bereich menschlicher
Reproduktion)". Richtig ist: Zinsen, Aktiengewinne usw. sind Ansprüche auf
den Gewinn aus gegenwärtiger bzw. zukünftiger Warenproduktion, also
Lohnarbeit. Dass die Bereiche spekulativen Kapitals sich immer weiter von
der Realproduktion entfernen, hebt diesen Zusammenhang nicht auf. Der
bringt sich periodisch wie eine Naturgewalt zur Geltung, so in Immobilienund
Finanzkrisen. Es ist die verbreitete Identifikation von Geld und
tatsächlichem Wert, die zur Illusionen von arbeitsloser Wertvermehrung
führt und auch heute noch zur Annahme, es sei nur eine Frage des
politischen Willens, diesen "Wert" anders zu verteilen.
Drittens: Eine auch massenhafte äquivalenzlose Übertragung von Wert an
Einzelpersonen ist durchaus mit der kapitalistischen Produktionsweise
vereinbar. Lange war dies sogar deren Existenzbedingung. Ein Widerspruch
zum Wertgesetz? Wäre dann die Forderung nach Grundeinkommen nicht auch
heute zwingend? Eine funktionierende Wertproduktion setzt voraus, dass
auch dann jene gesellschaftlichen Bedingungen gesichert werden, wenn diese
durch kapitalistische Unternehmen selbst nicht profitabel zu schaffen sind:
Reproduktion von Menschen, Infrastruktur, Bildung, Kultur, Gesundheitswesen
usw. Diese individuellen bzw. allgemeinen Aufgaben wurden im persönlichen,
familiären Bereich bzw. durch staatliche und Ideologie-Institutionen
geleistet. Während der Unterhalt etwa von Kindern im Lohn der Verdiener in
der Familie enthalten sein musste, wurde letzteres mittels Steuern usw.
finanziert durch Abzug vom durch kapitalistische Lohnarbeit produzierten
Wert.
Das bis in den westlichen Hochfordismus hinein ausgebaute soziale Netz
erhielt etwa arbeitslose oder kranke Lohnabhängige (und ihre Familien)
auch dann in einem ausbeutungsfähigem Zustand, wenn sie vorübergehend
selbst keine Werte schufen - eine Art Grundeinkommen. Die Arbeiterbewegung
hat das oft gegen den betriebswirtschaftlich begründeten Widerstand der
Unternehmer erzwungen. Es beförderte die kapitalistische Entwicklung und
den darin möglichen zivilisatorischen Fortschritt. Es sicherte dem
nationalen Kapital bei aggressiver Expansion zugleich die Gefol- bzw.
Gevolkschaft. Dieser Abzug am produzierten Wert und die wachsende
Produktivität der Lohnarbeit senkte zwar immer schon tendenziell die
Profitrate, doch Konkurrenzvorteile und Ausweitung der kapitalistischen
Produktionsweise in die Weite und Tiefe haben das immer wieder
wettgemacht. Ausdruck dessen war der durch alle Krisen und Kriege hindurch
tendenziell wachsende Bedarf an Arbeitskraft.
Was ist heute so neu, dass die Grundeinkommensforderung falsch wird? Die
Senkung der gesellschaftlich notwendigen Arbeitszeit für die Produktion
der jeweiligen Waren, also die Produktivitätssteigerung hat eine solche
Dynamik erreicht, dass ein immer größerer Teil der Menschen für die
Wertproduktion unnötig wird oder nur noch zu frühkapitalistischen
Bedingungen im Niedriglohnsektor arbeiten kann. Diese Entwicklung
reduziert die Quelle des produzierten Wertes derartig, dass alle
ökonomischen Gegentendenzen wett gemacht werden. Der Wert der
freigesetzten Arbeitskräfte tendiert gegen Null, damit deren
Zahlungsfähigkeit, ihre Möglichkeit der Teilhabe an zivilisatorischen
Errungenschaften, an Beweglichkeit, Bildung, Gesundheit usw.
Kann vernünftige Politik helfen? Einer auf Wert gegründeten
Produktionsweise bindet auch die Politik unvermeidbar an die Verteilung
zuvor produzierten Wertes. Solange der sachliche Reichtum in der Wertform
produziert wird, kann sie nichts daran ändern. Auch die stärkste
Linksregierung könnte auf der Basis der Warenproduktion nicht dauerhaft
gegen die ökonomischen Grundlagen handeln. Der Abbau der sozialen Netze,
der Rückfall hinter erreichte zivilisatorische Standards ist nicht primär
Ergebnis einer korrigierbaren Politik, sondern Ausdruck der Tatsache, dass
die Wertproduktion selbst zur miserablen Grundlage der Zivilisation wird.
Damit wird die Forderung nach Grundeinkommen unrealistisch und
demagogisch. Sie vernebelt außerdem noch die Suche nach einem wirklichen
Ausweg aus dem Dilemma: Auf der Basis heutiger Produktivität wird nämlich
eine solche Produktion von Reichtum möglich, die nicht mehr über den Wert
vermittelt ist. Heute verlangt nachhaltiges Ringen um die Existenz nicht
unrealistisch gewordene Hoffnungen auf ein Grundeinkommen zu befördern,
sondern theoretisch und praktisch nach einer solchen neuen Produktions-,
Lebens- und Denkweise zu suchen.
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