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Aus CONTRASTE Nr. 278 (November 2007, Schwerpunktthema)
"ARBEITSPLATZ SICHERN" - EINE INIVIDUELL VERSTÄNDLICHE, ABER KATASTROPHALE
DEVISE
Ökologie, Transformation und Emanzipation
Zuerst soll an den Zusammenhang von Ökologie (Beziehung zwischen
Organismus und natürlicher/sozialer Umwelt), Ökumene
(Menschengemeinschaft) und Ökonomie (Haushalt) erinnert werden. Den
Begriffen zugrunde liegt das griechische Wort oikos, das Haus.
Bürgerlich-kapitalistische und patriarchale Wirtschaftslehren (Neoklassik,
Keynesianismus) sind unfähig, die komplexen Beziehungen des ganzen Hauses
zu erfassen.
Von Ronald Blaschke - Solche reduktionistischen Theorien sind Ausdruck der
realen Herauslösung der (Markt-)Wirtschaft und der Arbeit aus ihrem
natürlichen und sozialen Zusammenhang. Dieser Zusammenhang als auch
(Spät-)Folgen vermeintlich produktiv-ökonomischen Tuns werden
ausgeblendet:
Nur das, was sich im geldvermittelten Arbeits- und Kapitalbereich abspielt
und erfassen lässt, wird als sinnvoll erachtet - weil es "ökonomisch" sei,
Arbeitsplätze, Konsumgüter und Dienstleistungen zu schaffen oder Profit zu
machen. Die staatliche Politik wird für diese reduktionistische Ökonomie in
die Pflicht genommen. Der kapitalistische "Beschäftigungsstaat" hat eine
ökologisch und sozial fatale Logik: "'Arbeitsplätze schaffen' - das ist
oft Vorwand, die geschichtliche Entwicklung zurückzudrehen. Es ist der
Vorwand für Bundespolitiker, um die Industrialisierungsgewinne steuerlich
zu entlasten, es ist der Vorwand für Landespolitiker, den Energiekonzernen
zu helfen, veraltete, 'fossile' Energiekonzepte durchzusetzen, und es ist
der Vorwand für Kommunalpolitiker, mit Steuermitteln den Investoren dabei
zu helfen, mit riesigen Einkaufs- und Entertainmentcentern auf der grünen
Wiese der Bevölkerung das wenige noch verbleibende Geld aus der Tasche zu
ziehen." (1)
Der reduktionistischen ökonomischen Denkweise entspricht es auch, dass
beim Airbus-Arbeitsplatzkampf das Flugzeug als Klimakiller Nr. 1 und
Airbus als Rüstungsproduzent keine Themen waren. Vor zwanzig Jahren gab es
bei den IG Metallern noch eine heftige Debatte über ihre
Rüstungs-/Kriegsproduktion. Heute verhindert die pure Existenzangst der
Lohnabhängigen derartige Diskussionen. "Arbeitsplatz sichern" ist die
individuell verständliche, aber katastrophale Devise. Mit der
reduktionistischen ökonomischen Denkweise lässt sich auch der
ungeheuerliche Verschleiß natürlicher und menschlicher Ressourcen
erklären, der durch die "ökonomisch sinnvolle" Verkürzung der Lebens- und
Attraktivitätsdauer von Konsumgütern und Moden entsteht. "Ökonomisch
sinnvoll" ist auch die Entsolidarisierung und Kolonialisierung der
sozialen Lebenswelt - durch die zunehmende Dominanz "ökonomisierter",
nämlich professioneller und bezahlter Dienstleistungs-Arbeit.
Die nun schon über dreißig Jahre währende Kritik an der Zerstörung der
sozialen Ökologie, des solidarischen Zusammenhalts und der sozialen
Integration, ist kaum noch hörbar! Dazu passend findet sich in den
genannten "ökonomischen" Lehren der eigensinnige Oikos des Mikrosozialen
(Familie, Freund- und Nachbarschaft, bürgerschaftliches Engagement) nicht
wieder. Auch nicht die alltäglich geleistete immaterielle Produktion des
Individuums, seines lebendigen Wissens, seiner Fähigkeiten und
Fertigkeiten. Karl Marx z. B. sah in diesem Fähigkeitsreichtum und der
dämmernden Wissensökonomie die transformatorische Vergesellschaftung von
Arbeit, Produktion und Distribution möglich werden. (2) Eine der
Eigenschaft des lebendigen Wissens gemäße Ökonomie ist das Vorbild
Solidarischer Ökonomie - das dem Tauschwert immanente Äquivalenzprinzip
ist aufgehoben. An seine Stelle tritt der Mehrwert für alle, der im
Wissens- und Fähigkeitstausch erzielt wird. Das heißt auch, wenn in
Solidarischer Ökonomie der konkrete Gebrauchswert wesentlich ist, ist die
mit der Produktion verbundene soziale Mehrwertschöpfung ebenso wichtig.
Marx hatte einen Begriff vom Menschen, der die Produktion seines Lebens
bewusst bestimmt und die Welt nach seinen Bestimmungen des Schönen
gestaltet. Eine Abkehr von der reduktionistischen Ökonomie hin zur
Solidarischen Ökonomie hieße zuvörderst gesellschaftlich und individuell
zu reflektieren: Was braucht mensch eigentlich zum guten und schönen
Leben? Was heißt eigentlich "gut und schön leben"? Bewusst, solidarisch
und mit ästhetischem Anspruch die Produktion und das Leben gestalten und
genießen - das ist dem Menschen gemäß! Der Ruf nach "Arbeitsplätzen" und
"Beschäftigung", nach "Massenkaufkraft", "Export- und Binnenkonjunktur"
dagegen ist Ausdruck des Schlafes der menschlichen Vernunft, welcher
viele hässliche und lebensbedrohliche Ungeheuer gebiert. Und wenn im Namen
der Vernunft Arbeitsplätze in ökologisch verantwortbaren
Produktionsbereichen geschaffen werden, löst sich das Problem noch nicht.
Denn eine Ökonomie des ganzen Hauses verweist darauf, dass massenhaft
ökologisch und sozial unverantwortbare (desaströse) Arbeitsplätze
stillgelegt werden müssen.
Diskutiert werden muss also, was eigentlich von mensch verantwortbar
gewollt und konsumiert werden kann, folglich produziert werden soll.
Verantwortbar meint, dass mögliche Ungewissheiten bezüglich der
(Spät-)Folgen des Tuns sich erst ethisch und demokratisch rechtfertigen.
Sensible demokratische und technische Frühwarnsysteme müssen installiert
werden. Im Zweifelsfalle ist das Unterlassen höchste menschliche
Leistung! Die Anwendung Grüner (Pflanzen) und Roter (Menschen) Gentechnik
ist solch ein Zweifelsfall. Denn deren mögliche Folgen sind
unkontrollierbare Manipulationen des Natürlichen, Sozialen und
Individuellen bis
hin zur totalitären Machtkonzentration.
Nach der Entscheidung über das Ob der Konsumtion und Produktion wäre
nunmehr über das Wie, zu befinden. Dabei auch darüber, in welcher
Organisationsform das als notwendig und sinnvoll Erachtete produziert
werden soll - immakrosozialen, im mikrosozialen oder individuellen
ökonomischen Kontext. Diese hier genannten politisch-diskursiven Prozesse
stellen kapitalistische Herrschaftsverhältnisse radikal in Frage. Sie sind
Essential einer Solidarischen Ökonomie, die es mit o. g. sozialem Mehrwert
und auch mit der Ökologie ernst meint.
Zum Ansatz der Solidarischen Ökonomie gehört auch die Emanzipation des
Individuums vom Zwang zum ökologisch, sozial und ökonomisch
unverantwortbaren Tun. Vonnöten ist die konsequente Abwehr des Zwanges,
weil das ökologische und soziale Gewissen des Einzelnen prinzipiell über
den Bestimmungen der Vielen bzw. der Mehrheit steht - seien diese noch so
demokratisch eingestellt. Das existenzsichernde bedingungslose
Grundeinkommen ist eine Möglichkeit der Abwehr - weil es den
existenziellen oder institutionellen Zwang zum unverantwortbaren Tun
abschafft, die individuelle Freiheit als Voraussetzung von gelebter
Verantwortung und Demokratie materiell absichert. Das bedingungslose
Grundeinkommen ist darüber hinaus die der unbedingten Würde des Menschen
adäquate Form der existenziellen Grundabgesichertheit. Drittens ermöglicht
es erst freie Kooperationen, egal in welcher ökonomischen Sphäre. (3)
Existenziell oder institutionell erzwungene Kooperation dagegen
beschädigen Solidarische Ökonomien nachhaltig. Viertens ermöglicht das
Grundeinkommen allen Menschen ein Mehr an autonomen Tätigkeiten, die im
Gegensatz zur Erwerbsarbeit, der immer ein Maß an Heteronomie innewohnt,
sich als Selbstzweck gelten. Autonome Tätigkeiten realisieren Güter und
Dienstleistungen, die um ihrer selbst geschätzt werden. Diese Tätigkeiten
ermöglichen so eine Kultur der Selbstgenügsamkeit (autarkeia), die einer
Ökologie sehr zuträglich ist. (4)
Neben dem Grundeinkommen ist die höchstmögliche Öffentlichkeit und
Transparenz der Produktion und Konsumtion eine weitere Möglichkeit der
Abwehr ökologisch und sozial unverantwortbaren Produzierens und
Konsumierens. Hier sind die Stichworte ökologischer und sozialer
Produzenten- und Verbraucherschutz. Nur wer weiß, was und wie produziert
wird, kann verantwortungsbewusst Produkte bearbeiten bzw. konsumieren.
Solidarische Ökonomie als Ökonomie des ganzen Hauses ist gebunden an eine
radikale Demokratie und an den Respekt vor der Eigensinnigkeit und der
Eigenständigkeit der äußeren Natur, der sozialen Lebenswelt und des
Individuums. So kann sie eine gesellschaftstransformatorische und
emanzipatorische Funktion entfalten.
Ronald Blaschke ist Begründer des Netzwerkes Grundeinkommen,
www.grundeinkommen.de
- Günther Moewes: Geld oder Leben. Umdenken und unsere Zukunft nachhaltig
sichern. Wien, München 2004. S. 142.
- Siehe Karl Marx: Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie. In
Karl Marx / Friedrich Engels: Werke. Band 42. S. 600ff. Mit diesem
Vergesellschaftungsschub begründete André Gorz das bedingungslose
Grundeinkommen und solidarische Formen der sozialen Infrastruktur und
Produktion, die Transformation der kapitalistischen Gesellschaft generell.
Siehe André Gorz: Arbeit zwischen Misere und Utopie. Frankfurt am Main 2000
und ders.: Wissen, Wert und Kapital. Zur Kritik der Wissensökonomie. Zürich
2004.
- Siehe Christoph Spehr (Hrsg.): Gleicher als andere. Eine Grundlegung
der Freien Kooperation. In: Reihe Texte der Rosa-Luxemburg-Stiftung. Bd.
9. Berlin 2003, S. 77f. und 105.
- Siehe Otto Kallscheuer: Freiheit und Gemeinsinn. In: Hans Leo Krämer /
Claus Leggewie (Hrsg.):Wege ins Reich der Freiheit. André Gorz zum 65.
Geburtstag. Berlin 1989, S. 148.
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