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Aus CONTRASTE Nr. 278 (November 2007, Schwerpunktthema)
FRAGEN
Eine Basis für solidarische Ökonomie?
Beginnen wir mit ein paar Klärungen: Wenn ich im Folgenden von
Grundeinkommen spreche, dann von einem bedingungslosen Grundeinkommen
(BGE) ohne Bedürftigkeitsprüfung. Unter solidarischer Wirtschaft verstehe
ich eine Wirtschaft, die sich von der Selbstvermehrung des Kapitals löst
und sich am Bedarf und der Entwicklung des Menschen orientiert.
Systemimmanente Regelungen wie Mindestlohn, Teilzeitarbeit und alle
Leistungen, die gesonderter Nachweise bedürfen, lasse ich in dieser
Betrachtung beiseite. Das verdient eine gesonderte Auseinandersetzung.
Von Kai Ehlers - Das genannte Modell des bedingungslosen BGE wirft
bereits genügend Fragen auf:
- Wie hoch soll das BGE sein? Und wie wird es finanziert?
- Wer garantiert? Wird der Mensch mit dem Anrecht auf ein BGE geboren oder
muss das Anrecht auf BGE erst erworben werden? Wodurch wird es begrenzt?
- Wer kommt für die Kosten der Gemeinschaftseinrichtungen, die soziale
Infrastruktur auf, in dem ein vom BGE gesicherter Alltag gelebt wird?
Zur ersten dieser drei Fragen wurde bisher schon heftig gerechnet. Der
Thüringische Ministerpräsident Althaus (CDU) hat sich dabei, was die
Zahlen betrifft, mit dem Modell eines monatlichen "großen" und eines
"kleinen" Grundeinkommens" am weitesten vorgewagt. Das große soll 800 EUR,
das kleine 400 EUR betragen,
von denen 200 EUR in die allgemeine medizinische Versorgung zurückfließen
sollen. Die Empfänger des "großen Grundeinkommens" sollen bei Zuverdienst
50%
Steuern bezahlen; ab 1.500 EUR Zuverdienst soll das "kleine
Grundeinkommen" an dessen Stelle treten, dafür sollen aber nur 25% Steuern
gezahlt werden. Alle anderen Sozial- und Steuertransfers sollen damit
abgegolten sein. Sonderzuwendungen müssten gesondert beantragt werden.
Rechnet man diese Angaben durch, kommt so zutage, dass dieses Modell die
jetzt bestehende Teilung der Gesellschaft in einen Sockel von
Sozialhilfeempfängern und wenig Verdienenden und eine darauf aufgebaute
Pyramide von Mehr- und Großverdienern nicht relativieren, sondern
effektivieren würde. Als radikale Steuerreform, die den wuchernden
Bürokratismus zu lichten imstande wäre, könnten die Althaus-Vorschläge
durchaus durchgehen und wären vermutlich sogar nützlich. In eine vom
Existenzdruck befreite Gesellschaft führen sie nicht.
Anders sieht sie Sache aus, wenn Götz Werner die Kosten für die
Ausschüttung des Grundeinkommens aus einer allgemeinen Verbrauchssteuer
gewinnen will. Hier würde der Gesellschaft in der Tat ein neuer Schub
verpasst, insofern die Finanzierung nicht mehr über das Einkommen, den
Lohn, die Produktion, sondern über den Verbrauch von Produkten geschähe.
Vor dem Hintergrund einer zunehmenden Automation und Effektivität des
Kapitals, durch die immer mehr Menschen von der Lohnarbeit freigesetzt
werden, die aber doch versorgt sein und am gesellschaftlichen leben
teilnehmen wollen, macht dieses Modell einen Sinn. Noch mehr Sinn würde es
machen, wenn in die Steuer auch der Verbrauch von Ressourcen einbezogen
würde, einschließlich des vorhandenen Kapitals. Dann könnte dieses Modell
tendenziell in die Richtung einer, wie ich es nenne, Nutzungsgesellschaft
führen, in der das vorhandene Kapital nicht mehr Privatbesitz sein müsste,
sondern allen Menschen - nach Maßgabe ihrer Fähigkeiten und eingebunden in
soziale Zusammenhänge - zur Nutzung gegen Gebühr, also Steuern oder
Mieten, zu Verfügung
stünde.
Noch sind wir allerdings nicht so weit, denn noch müssen auch die Fragen
zwei und drei beantwortet werden, nämlich wer garantiert das
Grundeinkommen? Reden wir dann nur noch von einer Gemeinschaft der
Konsumenten, in der alle Menschen vor der Ware gleich sind? Könnte also
jeder und jede jederzeit überall ein solches Grundeinkommen in Anspruch
nehmen? Natürlich nicht; es gibt Grenzen, grob gesagt: Wer produziert den
zu verteilenden Reichtum? Und wie? Gleich wo mit der Einführung eines
Grundeinkommens - auf welcher Höhe auch immer und selbst im abgespeckten
Modell des Herrn Althaus - begonnen werden mag, es wird immer eine Grenze
geben, hinter der Menschen leben, die nicht zu der Solidargemeinschaft
gehören, welche die Kosten für das Grundeinkommen aufbringt, es sei denn
es gelänge, den gesamten Globus auf einen Schlag auf diesen Weg zu
bringen. Warum?
Die Antwort auf diese Frage ergibt sich aus einer genaueren Betrachtung
der oben gestellten dritten Frage, nämlich, wer für die Kosten der
Gemeinschaftseinrichtungen, für die ökonomische, die soziale und die
kulturelle Infrastruktur der Gemeinschaft aufkommt, aus der das
Grundeinkommen aufgebracht und verteilt wird. Ohne Grundorganisation, die
Produzenten und Konsumenten miteinander verbindet - und sei sie noch so
klein, wird es nicht gehen. Sagen wir es so: was nützt mir ein
Grundeinkommen von 800, 1.000, gar 2.000 oder mehr Euro, wenn die Kosten
für die allgemeine Infrastruktur so hoch sind, dass das Grundeinkommen
dafür nicht reicht und ich als Einzelner keinen Einfluss auf die Höhe und
die Gestaltung dieser Grundkosten habe?
Unter allgemeinen gemeinschaftlichen Grundkosten verstehe ich alle
sozialen Einrichtungen von Geburtsstätten, in denen die Kinder zur Welt
kommen dürfen, über Verkehrswege, Kommunikationswege etc. bis hin zur
Versorgung der Sterbenden und der Toten. Diese gemeinschaftlichen
Grundkosten relativieren jede der bisher genannten absoluten Zahlen. Kommt
hinzu, dass auch keiner der bisherigen Vorschläge davon ausgeht, die
Selbstverwertung des Kapitals außer Kraft setzen zu wollen. Weder bei
Althaus, noch bei dem Vorschlag der Konsum besteuerten
Grundeinkommensgesellschaft wird erklärt, durch welche sozialen
Mechanismen und durch wen der Geldwert so stabil gehalten werden soll,
dass die Kaufkraft von 1.000 EUR auch morgen noch 1.000 EUR wert ist.
Kurz: Es muss einen Kern geben, wie klein auch immer, eine
Solidargemeinschaft, einen Wirtschafts- und Lebenszusammenhang, aus dem
heraus ein Grundeinkommen samt dazugehöriger allgemeiner Grundversorgung
aufgebracht, getragen und sozial gestaltet werden kann. Damit sind wir
endlich beim oben angekündigten Thema: Grundeinkommen bezieht, das wäre
die Schlussfolgerung, wer einer Solidargemeinschaft angehört - und sei es
als Gast (Selbst im Falle einer weltweiten Regelung blieben ja immer noch
die Aliens...!).
Im Ernst: Unter Solidargemeinschaft verstehe ich jede Gruppe, jeder Art
von Gemeinschaft, das betone ich, um Missverständnisse zu vermeiden, die
ihre Arbeit so organisiert, dass sie davon Grundeinkommen auszahlen und
die allgemeine Grundversorgung tragen kann. Andererseits, das sei jetzt
auch noch gesagt, wäre die Einführung eines bedingungslosen
Grundeinkommens, wie rudimentär auch immer, im Gegensatz zur jetzigen
individualisierenden Hartz IV Regelung, in der Lebensgemeinschaften als
Grund betrachtet werden, Zuwendungen zu minimieren oder gar zu streichen,
selbstverständlich gemeinschaftsfördernd, auch wenn sein Bezug nicht an
die Mitgliedschaft in einer Gemeinschaft gebunden wäre. Förderlich wäre
sie einfach deshalb, weil mehrere Personen, die sich zu einer, zudem
vielleicht noch ökologisch orientierten Gemeinschaft, einem Betrieb, einer
Kommune, gar einem Dorf zusammenfinden, durch ein Grundeinkommen ungleich
mehr Power hätten als ein einzelner, der einsam auf seinem Lohn, selbst
Lohn plus Grundeinkommen sitzt. Eine Gesellschaft, die sich zum
Grundeinkommen entschließen
würde damit - ausgehend von lokalen und regionalen Einheiten - weitaus
effektiver produzieren und zugleich Initiative und Kreativität freisetzen.
Im Ergebnis könnte auch der Einzelne in von ihm oder ihr selbst gewählten
Zusammenhängen umso freier dem nachgehen, was er oder sie, wie Bergmann
meint, "wirklich, wirklich will." Grundeinkommen, Bildung solcher
produktiven Solidargemeinschaften und Eigenarbeit greifen wie drei Ringe
ineinander. Was so entstehen könnte, nenne ich eine integrierte
Gesellschaft.
Siehe dazu:
Kai Ehlers, Grundeinkommen als Sprung in eine integrierte Gesellschaft.
Pforte, 2007
Das Buch zeigt anhand bestehender Projekte und historischer Erfahrungen,
wie neue Formen der Selbstversorgung und Gemeinschaftsbildung sich mit der
Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens und der kreativer
Eigentätigkeit in einem integrierten Prozess zur Herausbildung einer
gesellschaftlichen Alternative verbinden können.
www.kai-ehlers.de
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