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Aus CONTRASTE Nr. 278 (November 2007, Schwerpunktthema)
SOLIDARISCHE ÖKONOMIE
Es ist genug für alle da?
Kaum geht es um das Thema "Bedingungsloses Grundeinkommen" (BGE), können
andere Fragestellungen einpacken. Es scheint nur Pro und Contra zu geben,
und beide Positionen werden von den ProtagonistInnen mit einem hohen Grad
an emotionaler Energie vorgetragen. Ähnlich heftige Debatten habe ich - im
Bereich der alternativen Ökonomie - bisher nur in Diskussionen um
Regionalwährungen erlebt. Was ist das besondere am BGE, und was kann es
für eine Solidarische Ökonomie bedeuten?
Elisabeth Voß, Redaktion Berlin - Ein BGE befreit von Armut und vom Zwang
zur Erwerbsarbeit, damit setzt es kreative Potentiale der
Selbstverwirklichung und eines glücklichen Lebens frei - propagieren die
einen. Mit einem BGE werden die ohnehin schon Benachteiligten endgültig
ins gesellschaftliche Aus manövriert, chancenlos abgespeist mit einem
Geldbetrag, der ihnen gerade noch eine Kümmerexistenz zwischen TV und
Eckkneipe erlaubt - setzen die anderen dagegen.
Mir sind beide Positionen nachvollziehbar. Vielleicht liegt der Grund für
die Heftigkeit der BGE-Diskussionen darin, dass die BefürworterInnen
häufig so reden, als hätten sie nun eine Lösung für alle
gesellschaftlichen Probleme gefunden. Der Auftritt des Chefs der
dm-Drogeriekette Götz Werner vor einem Jahr in Berlin in der
Heilig-Kreuz-Kirche hatte etwas bedrängend-messianisches. Daneben schien
mir sein trockener Gesprächspartner, der bündnisgrüne
Bundestagsfraktionsvorsitzende Fritz Kuhn, plötzlich ungewohnt
sympathisch. Trotzdem halte ich ein BGE immer noch für eine sehr
vernünftige Sache. Aber bitte nicht als Heilslehre, sondern als
bedenkenswertes und präzise zu gestaltendes Instrument gegen Armut und
Ausgrenzung, für menschliche Freiheit und Solidarität.
Es gibt nicht "das" BGE, sondern sehr unterschiedliche Konzepte,
insbesondere hinsichtlich der Fragen, aus welchen Mitteln ein BGE
finanziert werden sollte, wie hoch es sein sollte und welche
gesellschaftlichen Sozialleistungen neben dem BGE erhalten blieben. Bei
der Frage wer ein BGE bekommen soll, fällt die Bedingungslosigkeit unter
den Tisch, sobald es um Bedürftigkeit oder Arbeitsbereitschaft geht.
Bedingungslos wäre es, wenn es "alle" bekämen, aber was heißt das? Ein
BGE nur hier, in einem Land, für wen? Für alle die hier leben? Ab wann
hätten ZuwanderInnen einen Anspruch auf ein BGE? Was wäre mit
nachziehenden Angehörigen, Flüchtlingen, Geduldeten?
Ich gehe hier mal hypothetisch davon aus, es gäbe ein BGE, das wirklich
bedingungslos, nicht rassistisch ausgestaltet und ausreichend hoch wäre,
und das aus einer Besteuerung der Einkommen (nicht des Konsums, wie Herr
Werner es gerne hätte) finanziert würde. Darüber hinaus wäre es
eingebettet in tragfähige soziale Sicherungssysteme für besondere
Lebenslagen wie z.B. Behinderung, Krankheit, Pflegebedürftigkeit. Und es
wäre Vorsorge getroffen, dass das BGE nicht von lohndrückenden Unternehmen
als Kombilohn missbraucht werden könnte, es gäbe also einen durchsetzbaren
Mindestlohn, der auch bei Teilzeitarbeit von zum Beispiel 30 Stunden pro
Woche zum Leben ausreicht. Was würde ein solches BGE für eine Solidarische
Ökonomie bedeuten?
Ein solches BGE würde vor allem von den Hartz IV-Gebeutelten eine große
Last nehmen. Die Entkoppelung von Lohn und Leistung würde bedeuten, dass
die Würde eines jeden Menschen, unabhängig davon ob, wie viel oder was sie
oder er arbeitet, unabdingbar gegeben wäre. Diese Würde müsste nicht mehr
verdient werden, sie wäre einfach selbstverständlich vorhanden.
In der nun möglichen Muße, ohne jeden Zwang zum Verkauf der eigenen
Arbeitskraft, entstünde die Möglichkeit, die Welt ganz neu und anders
anzusehen. In den Freiräumen, die sich Menschen in den Betrieben und
Projekten der alternativen Ökonomien seit den 1970er Jahren erobert
hatten, sollte die Arbeit revolutioniert werden. Die Inhalte der
Tätigkeiten, die Art und Weise wie gearbeitet wurde und die
Entscheidungsprozesse darüber waren selbstbestimmt. Aber die Autonomie
stieß an Grenzen. Da waren zum einen die externen Grenzen des Marktes -
auch alternativ hergestellte Produkte und Leistungen mussten am Markt
verkauft werden und standen damit in der marktwirtschaftlichen Konkurrenz
mit all ihren Zwängen. Zum anderen waren da die internen Grenzen der
Kommunikation - Menschen, die unter hierarchischen Bedingungen
sozialisiert wurden, werden nicht von heute auf morgen zu solidarischen,
nicht-sexistischen ProduzentInnen.
Trotz dieser Grenzen ist in den Jahren der Kollektive vieles entwickelt
worden. Technische Neuerungen (v.a. im Bereich der Ökotechnik) und soziale
Innovationen (z.B. Gestaltung von gleichberechtigten Diskussionen in
Gruppen und Organisation von Entscheidungsprozessen) haben in die
Gesellschaft und in die Wirtschaft ausgestrahlt. Der Umgang mit
Rechtsformen, Verträgen und Geld musste oft schmerzhaft erlernt werden.
Die Gruppen selbst haben sich im Laufe der Zeit verändert,
professionalisiert, hierarchisiert oder aufgelöst. In neuen
Gründungsinitiativen steht immer mehr der Zwang zum Geldverdienen im
Vordergrund.
Ein BGE würde kollektive Arbeitsprozesse vom Zwang der Verwertung befreien
und damit ihre innovativen Potentiale freilegen. Es ginge nicht vorrangig
darum, das Produzierte am Markt zu verkaufen, sondern herauszufinden: Was
möchte ich eigentlich tun? Welche Art der Tätigkeit liegt mir, worin finde
ich meine Bestätigung, mit welchen Menschen möchte ich mich auf welche Art
von Arbeitsprozess einlassen? Und nicht zuletzt: Wo werde ich gebraucht,
was kann ich Sinnvolles tun? Die Selbstentfaltung der Individuen in ihrer
Tätigkeit würde ungeahnte kreative Prozesse in Gang setzen.
Ebenso wie der Produktionsprozess befreit würde, könnten auf Basis eines
BGE auch neue Formen des Austauschs gefunden werden. Wenn nicht mehr für
den Markt produziert werden muss, dann gibt es auch keine zwingende
Notwendigkeit mehr dafür, das unter diesen anderen Bedingungen Produzierte
am Markt zu verwerten. Das Computer-Betriebssystem Linux ist ein Beispiel
dafür, wie die kollektive Kreativität von Menschen ein Produkt schafft und
weiterentwickelt, das dauerhaft der Vermarktung entzogen ist.
An einer Ökonomie des Nutzens statt des Profits könnten auf Basis eines
BGE sehr viel mehr Menschen teilhaben, als es heute möglich ist. Dadurch
könnten nach und nach immer mehr Wirtschaftsbereiche dem Verwertungszwang
entzogen und in solidarische Formen überführt werden. Sicherlich würden
trotzdem viele Produkte und Leistungen noch verkauft werden, schon um das
BGE aufzustocken, aber ohne den drückenden Zwang zur Verwertung. In einer
sich ausdehnenden Praxis solidarischen Wirtschaftens würden wichtige
Erfahrungen gemacht, neue Produkte und Produktionsweisen entwickelt, nicht
nur für heute sondern auch für ein Leben jenseits des Kapitalismus.
Linke GegnerInnen eines BGE befürchten eine Individualisierung und
Aufweichung kollektiver Handlungsmöglichkeiten. Mit der Befreiung vom
Zwang zur Erwerbsarbeit gäbe es auch keine Notwendigkeit mehr zu
gewerkschaftlicher Organisierung. Aber ein BGE löst nicht alle Probleme.
Es würde ja nach wie vor ein großer Teil der Bevölkerung unter
ausbeuterischen Bedingungen arbeiten. Die Gestaltung von Löhnen,
Arbeitsbedingungen und betrieblicher Mitbestimmung wären nach wie vor
Aufgabenfelder für gewerkschaftliche Betätigungen, sogar unter
verbesserten Machtverhältnissen. Eine Individualisierung findet ohnehin
statt, sowohl der Erwerbslosen als auch der prekär Beschäftigten. Ein BGE
würde zuallererst die individuell zu ertragende Armut mindern, und damit
auch die Angst, in Armut zu fallen, wenn mensch sich gegen Ausbeutung und
Unterdrückung am Arbeitsplatz wehrt.
Vielleicht hätten dann wieder mehr Menschen den Kopf frei dafür, sich mit
ihren Lebensbedingungen kritisch und aktiv auseinander zu setzen. Denn
auch mit einem BGE wäre noch genug zu tun. So bietet zum Beispiel die
Privatisierung der Daseinsvorsorge ein großes Feld für notwendige
gesellschaftliche Auseinandersetzungen.
Auch hier sind die Gewerkschaften gefragt.
Die Diskussion ums BGE wirft die Frage nach dem Menschenbild auf. Ist der
Mensch in seinem innersten Kern ein soziales Wesen oder doch nur ein
egoistischer Einsiedlerkrebs? Wenn wir vom Menschen als einem sozialen
Wesen ausgehen, dann brauchen wir soziales Handeln nicht erzwingen,
sondern können darauf vertrauen, dass sich in Freiräumen zur Entwicklung
der individuellen Bedürfnisse dieses Soziale noch besser entfalten wird
als bisher. Menschen werden aus einem inneren Bedürfnis heraus gemeinsam
mit anderen die Dinge tun, die sie als notwendig erachten und gerne tun
möchten. Sollte sich wider Erwarten doch die Variante Einsiedlerkrebs
durchsetzen, hätten wir es wenigstens versucht.
Ein anderer Vorbehalt lautet, die AkteurInnen würden nur von sich selbst
ausgehen und nicht an die vielen anderen denken, die nicht gelernt haben,
ihre kreativen Potentiale zu entfalten und selbstorganisiert tätig zu
werden. Das sehe ich teilweise ähnlich. Die Vorstellung, gerade jungen
Menschen, die perspektivlos und allein gelassen in der Welt stehen, ein
paar Kröten in die Hand zu drücken und ihnen dann den Rücken zuzukehren,
finde ich auch nicht besonders hilfreich. Aber wie heute mit ihnen
umgesprungen wird, ist noch schlimmer. Arbeitszwang oder Leistungskürzung
ist kein würdiger Umgang mit denen, die die Zukunft unserer Gesellschaft
darstellen. Da vertraue ich lieber darauf, dass ein BGE genug soziales
Potential und Arbeitsvermögen freisetzen wird, aus dem heraus soziale
Projekte entstehen werden, die Empowermentstrategien und Angebote für
Ausgegrenzte entwickeln. Gerade junge Menschen suchen Herausforderungen,
in deren Bewältigung sie sich bestätigen können, und sie sollten dazu
eingeladen statt gezwungen werden. Das gilt ebenso für alle anderen, von
denen die GegnerInnen eines BGE befürchten, sie würden sich dann vollends
aus dem sozialen Leben verabschieden. Gesellschaftliches und
demokratisches Engagement kann nicht erzwungen werden. Individueller
Rückzug kann viele gute Gründe haben, wer sollte das Recht haben, dies zu
sanktionieren? Viel wichtiger ist es doch, denjenigen die teilhaben
möchten, dies auch zu ermöglichen.
Darin sehe ich eine große Aufgabe für eine Solidarische Ökonomie unter den
Bedingungen eines BGE: Niedrigschwellige und ausreichend attraktive
Arbeitsmöglichkeiten anzubieten als Befreiung aus Isolation und
Ausgrenzung für die vielen, die gerne dabei wären. Auch für "Normalos",
die äußerlich, in ihrer Sprache und ihrem Verhalten nicht zur alternativen
oder politischen Szene gehören. Die Erfahrungen aus Beschäftigungsmaßnahmen
und Bürgerarbeit zeigen ja deutlich, wie viele Menschen froh sind, selbst
diese Arbeiten unter den gegebenen Zwangsbedingungen auszuführen, nur um
eine Aufgabe zu haben. Es sollte doch möglich sein, ihnen etwas besseres
anzubieten. Und wer diese Angebote wirklich nicht annehmen möchte, sollte
sie in Würde ablehnen können und dazu nicht noch hungern müssen.
Ein weiteres ernstzunehmendes Argument gegen ein BGE ist, dass es als
"Herdprämie" wirken und Frauen zu Hausfrauen degradieren könnte. Aber
jeder Mensch sollte über die Gestaltung des eigenen Lebens selbst
entscheiden, und die Ergebnisse dieser Entscheidungen haben mit den
Wahlmöglichkeiten zu tun. Die alternative Ökonomie war lange sehr männlich
geprägt. Ein BGE würde viele Frauen aus der Abhängigkeit vom männlichen
Ernährer befreien, wodurch sie überhaupt erst den ökonomischen Freiraum
hätten, sich eigene Arbeitsbereiche zu erschließen und die entstehenden
Projekte und Betriebe so zu prägen, dass sie auch für andere Frauen
attraktiv würden.
Ein BGE ist sowohl ein ökonomisches als auch ein didaktisches Projekt. Das
Denken im Kapitalismus ist so tief in Zwängen verhaftet, dass wir uns heute
kaum vorstellen können, zu welchen Leistungen Menschen beflügelt werden
könnten, wenn sie davon befreit wären. Der Zwang Erwerbsarbeit leisten zu
müssen um essen zu können, sitzt tief. Die Großzügigkeit, anderen auch
ohne diesen Zwang ein gutes Leben zu gönnen, wird sich nur langsam
entwickeln. Vielleicht mit der Erfahrung, dass die Ergebnisse
freiwilliger Arbeit um vieles besser sind als die Ergebnisse unter Zwang.
Ein BGE würde sowohl Freiräume schaffen für solidarisches Wirtschaften,
als auch selbst schon den Ansatz einer Keimform für eine andere,
nichtkapitalistische Welt darstellen. Denn die Grundlage einer
Gesellschaft jenseits kapitalistischer Verwertungszwänge wäre, dass jede
und jeder sich nach ihren und seinen Fähigkeiten einbringt, und erhält,
was sie oder er zum Leben braucht. Dieser Grundlage würde ein BGE sich so
weit annähern, wie es in einer Welt des Geldes möglich ist, und damit
diesen neuen Erfahrungsbereich gedanklich und emotional erschließen.
Ungelöst wäre nach wie vor die Frage des Eigentums an den
Produktionsmittel. Ein BGE deckt den täglichen Bedarf ab und mindert die
bitterste Armut, aber es ändert nichts an der Kluft zwischen Arm und
Reich, und es schafft keine Grundlagen für Investitionen. Ob das Signal
eines BGE: "Es ist genug für alle da" eher befriedend wirkt oder zur
Infragestellung weitergehender Ungerechtigkeiten ermuntert, darüber kann
nur spekuliert werden. Aber es gibt kein Instrument, das allein alle
Probleme lösen könnte, weder das BGE noch irgend etwas anderes. Allein die
Linderung von Armut und die Möglichkeit der Entwicklung solidarischer
Freiräume in der Wirtschaft sind es wert, vehement für die Einführung
eines BGE einzutreten.
LINKS ZUM THEMA
www.archiv-grundeinkommen.de
aktuelles.archiv-grundeinkommen.de
www.attac.de/genug-fuer-alle
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www.pro-buergergeld.de
www.solidarisches-buergergeld.de
www.unternimm-die-zukunft.de
www.zukunft-grundeinkommen.de
KURZINFO
Pro und Contra
Garantiertes Grundeinkommen
Herausgeber:
Bildungswerk Berlin der Heinrich-Böll-Stiftung (HG.), Berlin 2007, 92
Seiten, 5 EUR, oder kostenloser Download unter:
www.bildungswerk-boell.de/download/
Pro-Contra-Grundeinkommen-2Aufl.pdf
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für Selbstorganisation. CONTRASTE dient den Bewegungen als
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