|
Aus CONTRASTE Nr. 278 (November 2007)
EINE BASIS FÜR SOLIDARISCHE ÖKONOMIE?
Bedingungsloses Grundeinkommen
Solidarische Ökonomie, ökonomische Alternativen zu den Krisen und
Ungerechtigkeiten des Kapitalismus. Kann ein allgemeines Grundeinkommen
hierfür eine
Basis sein, sowohl moralisch akzeptabel als auch ökonomisch verlässlich?
Ein bedingungsloses Grundeinkommen, das ohne Ansehen der Person an alle,
also individuell völlig unverdient ausgezahlt wird, und das aus den
Überschüssen einer erfolgreichen Überflussökonomie finanziert wird?
Von Robert Ulmer - Was wäre anders? Heute haben die Projekte der
solidarischen Ökonomie zunehmend die Aufgabe, die Not zu lindern, sie sind
Solidar- aber auch Schicksalsgemeinschaften. Abgesichert mit einem
Grundeinkommen wären die Akteure nicht mehr zum Zwecke der eigenen
Existenzsicherung zum kurzfristigen Erfolg verdammt. Ökonomische
Experimente wären möglich, die sich erst langfristig, oder auch gar nicht,
"rechnen" müssten. Die Mitwirkenden in solidar- ökonomischen Projekten
müssten sich selber und einander nicht mehr unter derart hohen Druck
setzen. Sehr wohl würden sie einander mit hohen Erwartungen konfrontieren,
aber sie wären nicht mehr aus drohender Not auf einander angewiesen.
Auch der ganz normale Arbeitsmarkt wäre nicht mehr der alte. Die
Vertragspartner können sich auf gleicher Augenhöhe begegnen. Die Anbieter
von Arbeitskraft wären nicht mehr so bedingungslos erpressbar, sie könnten
Bedingungen stellen. Heute ist das Arbeitsleben, gerade in den
expandierenden Niedriglohn-Regionen, zunehmend erzwungene Kooperation.
Anders in einer Grundeinkommensgesellschaft: das ökonomische Interagieren
wäre wesentlich freie Kooperation.
Vieles ist umstritten. Ist ein so kapitalismusfremdes "Modul" wie ein
bedingungsloses Grundeinkommen im Kapitalismus überhaupt möglich? Denn ein
Kapitalismus mit Grundeinkommen wäre ein Kapitalismus ohne Lohnabhängigkeit
bzw. mit entscheidend reduzierter Lohnabhängigkeit. Weiter: wer über den
Kapitalismus hinaus will, verdächtigt das Grundeinkommen, den Kapitalismus
zu stabilisieren.
Denn es gewährleistet eine stabile Konsumnachfrage, es befreit die
Unternehmen davon, einen existenzsichernden Lohn zu zahlen (wenn es denn
nicht mit einem Mindestlohn kombiniert wird), es führt, als Kombilohn, zu
einem immer größeren Niedriglohn-Sektor. Hier ist die Höhe des
Grundeinkommens entscheidend: ist es zu wenig, bleibt ein Zwang zum
Hinzuverdienst, also ein faktischer Arbeitszwang. Das ausreichend hohe
Grundeinkommen dagegen würde die freie Assoziation der Individuen
ermöglichen - Kommunismus mitten im Kapitalismus?
Wenn wir den Übergang von einer kapitalistischen in eine
nichtkapitalistische Welt denken, so lehrt uns das Thema Grundeinkommen,
die individuelle Freiheit im Auge zu behalten. Denn denkbar wäre auch eine
nachkapitalistische Welt, zwar ohne Geld und ohne EigentümerInnen an
Produktionsmitteln, aber mit Mitwirkungspflichten, die den Einzelnen, und
sei es noch so basisdemokratisch, von der Gemeinschaft auferlegt würden.
Das wäre dann nicht die Art von solidarischer Ökonomie, die die
BefürworterInnen des bedingungslosen Grundeinkommens anstreben. Ihnen geht
es um die Stärkung der individuellen Freiheit aller. Die formale
Vertragsfreiheit reicht nicht aus, denn sie nützt denen nichts, die vor
der Wahl stehen, einen miesen Job zu akzeptieren oder zu verarmen. Mit
Grundeinkommen können sie den miesen Job ablehnen; das Grundeinkommen
verschafft ihnen eine Option mehr, es stärkt ihre "wirkliche Freiheit"
(Van Parijs). Was Feministinnen bereits seit jeher wissen: die
Möglichkeit, Nein zu sagen, steht im Zentrum der Freiheit.
Akzeptieren die ProtagonistInnen solidarischer Ökonomien diesen realen
Freiheitszuwachs aller, oder bereitet er ihnen "moralische
Bauchschmerzen"? Der egoistische Einsiedlerkrebs, den Elisabeth Voß
benennt (Seite 7), ist vielleicht das geringere Problem. Mit ihm oder mit
einsamen couch potatoes haben wir eher Mitleid. Der größere Skandal ist
der berühmte Surfer am Strand von Malibu, der zwar nicht faul sondern
sportlich ist, aber gar nicht daran denkt, jemals etwas (für andere)
Sinnvolles zu tun. Auch keine Reproduktionsarbeit, denn abends, wenn er,
angenehm müde vom Surfen, nach Hause kommt, lässt er sich von seiner
Freundin verwöhnen.
Nun wären die wenigen vom Grundeinkommen lebenden "Surfer" die lebenden
Beweise dafür, dass auch die anderen sich nicht mehr alles gefallen lassen
müssen. Insofern wären sie wichtige Verbündete der dann nicht mehr so
erpressbaren Beschäftigten. Wären sie dies auch in einer Welt der
solidarischen Ökonomien?
Schwerpunktthema Seite 7 bis 10
CONTRASTE ist die einzige überregionale Monatszeitung
für Selbstorganisation. CONTRASTE dient den Bewegungen als
monatliches Sprachrohr und Diskussionsforum.
Entgegen dem herrschenden Zeitgeist, der sich in allen
Lebensbereichen breit macht, wird hier regelmäßig aus dem
Land der gelebten Utopien berichtet: über Arbeiten ohne
ChefIn für ein selbstbestimmtes Leben, alternatives
Wirtschaften gegen Ausbeutung von Menschen und Natur,
Neugründungen von Projekten, Kultur von "unten" und viele
andere selbstorganisierte und selbstverwaltete
Zusammenhänge.
Des weiteren gibt es einen Projekte- und Stellenmarkt,
nützliche Infos über Seminare, Veranstaltungen und
Neuerscheinungen auf dem Buchmarkt.
CONTRASTE ist so buntgemischt wie die Bewegungen selbst und
ein Spiegel dieser Vielfalt. Die Auswahl der monatlichen
Berichte, Diskussionen und Dokumentationen erfolgt
undogmatisch und unabhängig. Die RedakteurInnen sind selbst
in den unterschiedlichsten Bewegungen aktiv und arbeiten
ehrenamtlich und aus Engagement.
Die Printausgabe der CONTRASTE erscheint 11mal im Jahr und
kostet im Abonnement 45 EUR. Wer CONTRASTE erstmal
kennenlernen will, kann gegen Voreinsendung von 5 EUR in
Briefmarken oder als Schein, ein dreimonatiges Schnupperabo
bestellen. Dieses läuft ohne gesonderte Kündigung
automatisch aus.
Bestellungen an:
CONTRASTE e.V., Postfach 10 45 20, D-69035 Heidelberg, Tel.
(0 62 21) 16 24 67, EMail: CONTRASTE@t-online.de
Internet: http://www.contraste.org
Zusätzlich gibt es eine Mailingliste. An-/Abmeldung und
weitere Informationen unter:
http://de.groups.yahoo.com/group/contraste-list
Wenn Sie Ihr Abonnement für diese Gruppe kündigen möchten,
senden
Sie eine E-Mail an:
contraste-list-unsubscribe@yahoogroups.de
|