|
Aus CONTRASTE Nr. 281 (Februar 2008)
Handbuch Direkter Aktionen
Dieser Reader der weltweit agierenden antikapitalistischen Bewegungen hat
es in sich: vielfältig und widersprüchlich wie diese selbst gibt er zu
denken, zu erinnern, zu verstehen und zu hinterfragen. Die Texte und
Bilder kommen von innen - das macht sie authentisch. Sie kommen aus
unterschiedlichen "Ecken" (sowohl geografisch als ideologisch) - das macht
sie je nach Standpunkt der Lesenden interessant, zustimmungsfähig,
wunderlich oder auch schwer verdaulich.
Der kleinste gemeinsame Nenner all der Geschichten aus
Graswurzelbewegungen von 1994 bis 2003 ist der Widerstand gegen
neoliberale Unzumutbarkeiten. Gelegentlich sind aber auch schon gewisse
Alternativen sichtbar, getreu dem Motto: "Wir sagen nein, indem wir unsere
Jas gestalten." Gesammelt wurde dies alles von einem angelsächsischen
Redaktionskollektiv (vier Männern und zwei Frauen), dem Selbstorganisation
viel bedeutet. Gewidmet ist das Buch den AktivistInnen, die überall tätig
sind und nichts für ihre Mühen bekommen "abgesehen von dem süßen Wissen,
dass sie zur richtigen Zeitam richtigen Ort der Geschichte waren und das
Richtige getan haben".
Was das jeweils Richtige ist, wird innerhalb und zwischen den beteiligten
Bewegungen wohl weiterhin umstritten sein. Aber wichtiger als solches
Streiten ist ihnen das Agieren und Agieren-lassen. Die Aktionsbeispiele
reichen von zapatistischen Aufständen in Mexico, die den Ausgangspunkt
bilden, über Street Reclaiming in England, Landlosen-Aktionen in
Brasilien, Global Action Days von Seattle bis Genua und Prag, dem Kapern
der "Nike"-Homepage, Guerilla-Gärtnerei in New York und autonome
Protestdörfer in Thailand ("Der Staat hat hier keinen Zutritt") bis zu
selbstverwalteten Kooperativen in Argentinien und
Nachbarschaftsinitiativen in Südafrika.
Parallel zu den Geschichten und Berichten läuft als Textband eine Chronik
der Ereignisse durch die Seiten. Schade, dass oft unklar bleibt, welche
Konsequenzen die
aufgeführten Aktionen hatten - oder auch nicht. Und mensch verliert leicht
den zeitlichen Überblick, weil die jeweiligen Jahreszahlen zwar irgendwo
genannt sind, doch das Zurückblättern kann sich hinziehen - das
Inhaltsverzeichnis hilft dabei jedenfalls nicht. Doch abgesehen von derlei
zu Bemeckerndem: das Buch ist eine Fundgrube nicht nur an Ideen,
Überlegungen und Praxis-Tipps, es ist auch dank der vielen Fotos eine
spannende Augenweide. Auch jede Menge ansprechende Zitate lassen sich
finden.
Schade ist es, dass die Erfolge der Widerständigen oft nur beiläufig
erwähnt und gleichfalls nicht leicht auffindbar sind. Dabei ist doch so
ein Sieg wie der von Earth First!-AktivistInnen im Januar 1999, als fünf
alte Wälder nach zwölf Jahren Kampagne durch ein 50 Jahre gültiges
Rodungsverbot geschützt wurden, ganz großartig. Die eine oder andere
Siegesmeldung in den Textbeiträgen kommt hingegen ziemlich pathetisch
daher und lässt eher an Pyrrhus denken (der, der den Sieg mit allzu viel
Verlust bezahlte). So wenn es über den Tod des italienischen Aktivisten
Carlo Giuliani in Genua heißt: "Jetzt müssen sie uns umbringen, weil wir
mittlerweile wirklich eine Bedrohung ihrer Macht sind. Carlo wurde
ermordet. Wir alle sind Carlo." Carlo wird in dem eher wie eine triumphale
Schlachtbeschreibung wirkenden Text auch noch als "tapfer und furchtlos"
dargestellt - peinlich, oder? Auch eine gelegentliche Volksseligkeit
irritiert: "Die Völker dieser Erde sind das einzige Mittel die Demokratie
auf der Erde durchzusetzen". Aha!
Kein Zweifel: Solidarität ist wichtig. Aber muss sie so identitär
daherkommen wie in einigen Texten des Readers? Das vielfach beschworene
Wir-Gefühl macht skeptisch, ob es auf längere Sicht den sehr
unterschiedlichen und oft vagen Erwartungen ("...dass dort etwas Besseres
sein muss" oder eine "anständigere Welt" zum Beispiel und natürlich immer
wieder die "andere Welt", die möglich ist) standhalten kann. Der
resümierende Text der "Notes of Nowhere" benennt solche Gefahren und
reflektiert sie - etwa in der Warnung, dass wir aufpassen müssen, nicht
dem zu gleichen, was wir bekämpfen.
Unterschiede zeigen sich vor allem auch in den Beiträgen aus der "ersten"
und der "dritten" Welt. Letztere sind häufig konkreter und auf
lebenspraktische Alternativen ausgerichtet wie Bauerninitiativen in Indien
und Nachbarschaftsgruppen in Südafrika, über die Ashwin Desai sagt:
"Politische Ideologien abzulegen ist eine große Sache, doch ein Teil aus
seiner Identität herauszuschneiden, der von der Mitgliedschaft in einer
bestimmten Clique oder einem Glaubensbekenntnis abhängig ist, ist
noch schlimmer. In dieser neuen Bewegung gibt es das Bedürfnis, sich davon
und von Wahlpolitik zu lösen."
Ariane Dettloff
Notes from Nowhere: "wir sind überall. weltweit. unwiderstehlich.
antikapitalistisch" Edition Nautilus, Verlag Lutz Schulenburg, Hamburg
2007, 550 Seiten, 19,90 EUR
CONTRASTE ist die einzige überregionale Monatszeitung
für Selbstorganisation. CONTRASTE dient den Bewegungen als
monatliches Sprachrohr und Diskussionsforum.
Entgegen dem herrschenden Zeitgeist, der sich in allen
Lebensbereichen breit macht, wird hier regelmäßig aus dem
Land der gelebten Utopien berichtet: über Arbeiten ohne
ChefIn für ein selbstbestimmtes Leben, alternatives
Wirtschaften gegen Ausbeutung von Menschen und Natur,
Neugründungen von Projekten, Kultur von "unten" und viele
andere selbstorganisierte und selbstverwaltete
Zusammenhänge.
Des weiteren gibt es einen Projekte- und Stellenmarkt,
nützliche Infos über Seminare, Veranstaltungen und
Neuerscheinungen auf dem Buchmarkt.
CONTRASTE ist so buntgemischt wie die Bewegungen selbst und
ein Spiegel dieser Vielfalt. Die Auswahl der monatlichen
Berichte, Diskussionen und Dokumentationen erfolgt
undogmatisch und unabhängig. Die RedakteurInnen sind selbst
in den unterschiedlichsten Bewegungen aktiv und arbeiten
ehrenamtlich und aus Engagement.
Die Printausgabe der CONTRASTE erscheint 11mal im Jahr und
kostet im Abonnement 45 EUR. Wer CONTRASTE erstmal
kennenlernen will, kann gegen Voreinsendung von 5 EUR in
Briefmarken oder als Schein, ein dreimonatiges Schnupperabo
bestellen. Dieses läuft ohne gesonderte Kündigung
automatisch aus.
Bestellungen an:
CONTRASTE e.V., Postfach 10 45 20, D-69035 Heidelberg, EMail:
CONTRASTE(at)t-online.de
Internet: http://www.contraste.org
Zusätzlich gibt es eine Mailingliste. An-/Abmeldung und
weitere Informationen unter:
http://de.groups.yahoo.com/group/contraste-list
Wenn Sie Ihr Abonnement für diese Gruppe kündigen möchten,
senden
Sie eine E-Mail an:
contraste-list-unsubscribe@yahoogroups.de
|