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TV nervt mit plumper Propaganda

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02. April 2008

PR-PLATTFORM
Nato TV nervt mit plumper Propaganda

Von Christian Stöcker

Die Nato hat jetzt eine eigene Web-TV-Plattform. Auf
Natochannel.tv gibt es knallharte Propagandaberichte,
wachsweiche Pseudointerviews mit Funktionären und
Medienkritik von einem Nato-Sprecher. Wozu das Angebot
tatsächlich gut sein soll, bleibt rätselhaft.

"General, wir sind jetzt nur noch zwei Wochen vom
Bukarest-Gipfel entfernt. Könnten Sie uns erklären, was
dabei die Rolle des militärischen Komitees sein wird?",
liest im Off eine unsichere Frauenstimme von einem Zettel
ab. General Henault, der Vorsitzende des Komitees, lächelt
breit in die Kamera und beginnt seine Antwort mit "nun,
vielen Dank. Das ist eine sehr angemessene Frage".

(einschub) Natochannel.tv
Videoblog von Nato-Sprecher James Appathurai:
Eine Netz-Prawda fürs westliche Bündnis?
http://www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,grossbild-1139362-545008,00.html

Es muss einen nicht überraschen, dass das Programm, das die Nordatlantische Verteidigungsgemeinschaft unter
Natochannel.tv ins Netz gestellt hat, mehr Propaganda ist
als Information. Die Plumpheit, mit der das Ganze
aufgezogen ist, dagegen schon.

Natochannel.tv sei "genau, verlässlich und praktisch"
preist ein Sprecher das eigene Produkt in einem Trailer an, der beim Öffnen der Seite startet. "Von wo auch immer die
Nato operiert, wird Natochannel.tv Ihnen die Storys
bringen", droht im gleichen Trailer eine Reporterin. Man
werde Dinge berichten, "die sie sonst nicht zu sehen
bekommen würden", und zwar "nicht nur von der Front".

Bäumchen pflanzen in Afghanistan

Von der Front wird bislang in der Tat fast gar nicht
berichtet - außer von der Propagandafront natürlich. Und
von dort gibt es natürlich vor allem gute Nachrichten. Von
lästigen, pseudo-arabisch klingenden Soundloops unterlegt
erklären Nato-Soldaten, wie sie dem afghanischen Militär
beim Aufbau einer eigenen Luftwaffe helfen. Ein vor lauter
Hoffnung atemloser Reporter berichtet über Bauern in der
Gegend von Masar-i-Sharif, die anlässlich des persischen
Neujahrsfestes Bäumchen pflanzen "um dem Land nach dem
Krieg das Grün zurückzugeben".

Ein weiterer Frontbericht preist die Verdienste der Nato um Bildungschancen für Frauen und Mädchen in dem Land: "Wie
finden sie die Italiener?", fragt der Reporter einen
grauhaarigen Vertreter der einheimischen Bevölkerung. "Wir
sind sehr glücklich, weil sie uns eine Schule gebaut haben. Wir respektieren sie, und sie respektieren uns und unsere
Kultur."

Selbstverständlich tut die Nato begrüßenswerte Dinge in
Afghanistan. Aber sich im eigenen Angebot auf so plumpe
Weise selbst zu loben, beschwört im Zweifel eher Argwohn
als Zustimmung herauf. Informationen über die zivile
Entwicklung in dem Land sind interessant - aber irgendwie
ist die Nato nicht die erste Quelle, an die man dabei
denkt.

"Klingt gut, vielen Dank fürs Kommen"

Bliebe die Berichterstattung über innere Angelegenheiten.
Dafür beschränkt sich Natochannel.tv derzeit auf
"Interviews" mit hochrangigen Vertretern - neben dem
erwähnten General Henault kommt zum Beispiel der für
Verteidigungsausgaben zuständige Peter Flory zu Wort. Er
darf in einem über zwölf Minuten langen "Interview" eine
Lanze für die Pläne für den Raketenabwehrschild brechen,
den sich US-Präsident George W. Bush so sehr wünscht. Was
die Bundeskanzlerin wohl dazu sagen würde?

Nur sehr gelegentlich unterbrochen von handzahmen,
offenkundig abgelesenen Stichworten - "Fragen" wäre nicht
der richtige Ausdruck - gesprochen von der Dame mit der
unsicheren Stimme, beschwört Flory ein "wachsendes
Bewusstsein für die Bedrohung durch ballistische Raketen
innerhalb der Allianz". Am Ende kommt er auch noch auf das
Thema "Cyber-Sicherheit" zu sprechen. Da habe man sehr gute Forschritte gemacht und werde in Bukarest "eine gute
Geschichte zu erzählen haben", schließt er. "Klingt gut,
vielen Dank fürs Kommen", sagt die Stichwortgeberin.

Nato-Sprecher James Appathurai hat innerhalb des Angebotes
ein eigenes Videoblog. In dem erklärt er zum Beispiel,
warum die Presse der westlichen Welt alles ganz falsch
verstanden hatte, als sie schrieb, dass die Nato über die
Aufgabenverteilung in Afghanistan "gespalten" sei. Man
solle sich doch bitte lieber auf "die Fortschritte vor Ort" konzentrieren. Wenn man so weitermacht, wird Natochannel.tv zu einer Art "Prawda" des westlichen Verteidungsbündnisses.

Pressemitteilungen sind unterhaltsamer

Man kann der Nato zugutehalten, dass sie nicht einmal
versucht, die mal dreisten, mal unsäglich drögen, immer
viel zu langen Vorträge hochrangiger Vertreter als
journalistische Formate zu tarnen. Insofern haben die
"Interviews" den geschnittenen Filmbeiträgen mit
Originalaufnahmen zumindest eine gewisse Offenheit voraus.
Die Frage ist, ob es auf diesem Planeten irgendjemanden
gibt, der sich all das auf so mühselige Weise ansehen
möchte. Pressemitteilungen lesen ist aufregender.

Zum schlechten Gesamtbild trägt bei, dass der Ton der
Filmbeiträge oft so leise ist, dass man ihn auch bei voll
aufgedrehter Lautstärke nur schwer versteht, und dass
zahlreiche Beiträge mit wechselnder, entweder irgendwie
moderner oder irgendwie moralstärkender Musik unterlegt
sind. Dazu kommen technische Mängel: Das Angebot
funktioniert in keinem Browser außer dem Internet-Explorer
ohne Probleme, gelegentlich fällt das Bild im
Videofensterchen aus, oder es läuft der Ton eines zuvor
angeklickten Films weiter, während man bereits einen neuen
aufgerufen hat.

Im Endeffekt wird Natochannel.tv, nicht zuletzt aufgrund
der dort veröffentlichten Mitschnitte von Pressekonferenzen und Fragestunden, vor allem Journalisten als gelegentliche
Ressource dienen. Profis werden vermutlich ohnehin die
einzigen sein, die die Geduld aufbringen, sich mit dem
Angebot ernsthaft auseinanderzusetzen - weil sie müssen.

URL: http://www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,545008,00.html

--

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03.04.08    Sabine Ellersick <S.ELLERSICK@NADESHDA.org>
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