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[X1000] Neuer Castor-Skandal

Liebe Freundinnen und Freunde

Unversehens kommt das Thema Castor zurück auf die politische Tagesordnung. Heute liegt die Süddeutsche Zeitung mit der Seite 1-Schlagzeile "Bund stoppt Castor-Transport" und ausführlichen weiteren Hintergrundartikeln auf Seite 2 an den Kiosken.

Hier eine Darstellung des Sachstandes, eine Bewertung und am Schluss eine Aufforderung an Euch LeserInnen dieser Mail. Wem das Ganze zu lang ist, lese bitte wenigstens die Punkte 1, 3 und 5. Danke!.

  1. Worum geht es? Kurzfassung

Das Wichtigste zuerst: Abgesagt wurde der Transport für 2009. Aber im Herbst 2008 soll ein Zug mit elf Castor-Behältern aus La Hague nach Gorleben rollen. Grund der Absage 2009 ist im Wesentlichen, dass die Herstellerfirma der Castor-Behälter Rechenmodelle zum Nachweis der Behältersicherheit manipuliert hat.

2. Worum geht es? Langfassung

Warum wurde der Transport 2009 abgesagt? Dazu die wesentlichen Fakten:

  • Eine deutsch-französische Regierungskommission hat empfohlen, den Transport auszusetzen.
  • Grund sind Verzögerungen bei der Genehmigung des neuen Castor-Typs HAW 28 M, der von der Gesellschaft für Nuklearservice (GNS), einer Tochter der vier großen Stromkonzerne, hergestellt wird.
  • Nötig ist der neue Behälter, weil die Brennelemente inzwischen länger in den AKW eingesetzt sind und dadurch der Atommüll noch heißer und strahlender wird als vorher schon.
  • Dieser Castor war für den Transport 09 fest bestellt und wird bereits angefertigt.
  • Der neue Behälter wird derzeit von der Bundesanstalt für Materialprüfung (BAM) auf Zuverlässigkeit überprüft. Die Prüfung ist frühestens im September beendet.
  • Es gibt "erhebliche Unstimmigkeiten" im Zulassungsverfahren.
  • In einem Brief der BAM vom Dezember 2007 an die GNS ist von "zahlreichen Unzulänglichkeiten" die Rede. Und weiter: "In mehreren Fachgesprächen () haben sich die Defizite des Antragstellers bei grundlegenden Fragestellungen () offenbart." Diese Defizite seien "eine der wesentlichen Ursachen für die zeitlichen Verzögerungen". Die GNS solle doch bitte künftig "auf eine sachlich richtige Darstellung achten und das Hauptaugenmerk auf die Qualität der von ihr zu erbringenden Nachweise richten."
  • Weiter heißt es, und das ist der eigentliche Skandal: Rechenmodelle sind so verändert worden, dass sie bestimmte Ergebnisse bringen: "Zum Erreichen einer besseren Übereinstimmung zwischen Berechnungs- und Versuchsergebnissen" seien von der GNS "frei gewählte Parameter" eingeführt worden.
  • Diese komplizierten Berechnungen sollen das Verhalten des Materials bei Unfällen simulieren, weil nicht mit den realen Behältern getestet wird, sondern nur mit verkleinerten Modellen.
  • Neben der BAM, die dem atomfreundlichen Bundeswirtschaftsministerium unterstellt ist (und in der Vergangenheit auch entsprechend handelte), muss auch das dem Umweltministerium zugeordnete Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) den neuen Castor genehmigen. Der Antrag liegt beim BfS vor, wird aber noch geprüft.
  • Weil das Zulassungsverfahren für den neuen Behälter noch mindestens bis September dauert, in der WAA La Hague aber zwischen November 2008 und April 2009 wegen Bauarbeiten keine Beladung der Behälter stattfinden kann, diese Beladung aber mehr als ein halbes Jahr in Anspruch nimmt, ist der Transporttermin November 2009 nicht haltbar. 3. Nun noch mal zum geplanten Transport 2008:

Auch dieser beinhaltet schon den heißeren Müll und soll deshalb mit dem ebenfalls neuen französischen Behälter TN 85 durchgeführt werden. Dieser Behälter ist bereits genehmigt. Die Genehmigung für den Transport selbst, die das BfS aussprechen muss, ist allerdings noch nicht erteilt. Zitat BfS in der Süddeutschen: "Eine Entscheidung darüber wird demnächst fallen."

Dass für 2009 nicht einfach auch auf die französischen Behälter zurückgegriffen werden kann, liegt möglicherweise daran, dass dafür eben schon die deutschen Modelle der GNS bestellt sind.

Der 2009 ausfallende Transport soll im Jahr 2011 nachgeholt werden. Damit sieht der Castor-Fahrplan für Gorleben derzeit so aus: Die noch drei geplanten Transporte mit insgesamt 33 Behältern aus La Hague sollen in den Jahren 2008, 2010 und 2011 rollen. Irgendwann danach werden dann die Transporte von Sellafield nach Gorleben beginnen. Es ist also falsch, was heute in vielen Meldungen zu lesen ist, dass 2011 der letzte Atommüll aus dem Ausland nach Deutschland rollt. Auch aus La Hague sind bis 2021 noch zahlreiche Transporte mit mittelaktivem Müll geplant.

4. Eine Bewertung in Form einer Presseerklärung, die heute morgen raus ging:

  • Atomindustrie schönt Sicherheits-Berechnungen von Castor-Behältern
  • Atomkraftgegner fordern Absage aller Transporte und ein Ende der Zusammenarbeit mit der Skandal-Firma GNS

Zu den heute von der "Süddeutschen Zeitung" (Seite 1-2) aufgedeckten Problemen bei der Genehmigung von Castor-Behältern erklärt Jochen Stay, Sprecher der Anti-Atom-Organisation X-tausendmal quer:

"Obwohl wir als Atomkraftgegner die Sicherheitsbeteuerungen der Atomindustrie von je her skeptisch betrachten, stehen wir den tatsächlichen Verhältnissen doch immer wieder fassungslos gegenüber.

Die Gesellschaft für Nuklearservice (GNS) als Tochtergesellschaft der vier großen Stromkonzerne Eon, RWE, EnBW und Vattenfall hat die Sicherheit der Castor-Behältern schöngerechnet, indem sie einfach frei gewählte Parameter in Rechenmodelle eingefügt hat. Sie wollen also auf Kosten der Sicherheit ihre Behälter verkaufen, auch wenn diese nicht nachweislich sicher sind.

Es ist doch eigentlich unvorstellbar, dass die Sicherheit von Behältern, in denen die gefährlichsten Stoffe, die wir Menschen kennen, quer durch die großen Ballungsräume von Frankreich und Deutschland rollen, durch Zahlenjonglage nachgewiesen werden soll.

Damit bestätigt sich unsere leidvolle Erfahrung mit Vattenfall, RWE und Co: Im Zeitalter von Shareholder Value gehen Rekordgewinne im Zweifelsfall vor Sicherheit. Dass dabei jetzt sogar versucht wird, die Behörden auszutricksen, setzt dieser Entwicklung die Krone auf.

Wir wollen von den zuständigen Behörden wissen: Wurden die für den 2008 ja weiterhin geplanten Castor-Transport nach Gorleben vorgesehenen französischen Behälter real getestet, oder wurden da nur kleinere Modelle und Rechen-Exempel benutzt, um Sicherheit vorzutäuschen? Ist dies der Fall, so fordern wir das Bundesamt für Strahlenschutz auf, dem Transport die Genehmigung zu verweigern und zuerst Tests mit den Original-Behältern vorzunehmen. Denn die Zeit der Rechenmodelle bei der Sicherheitsüberprüfung von Castor-Behältern muss mit dem heutigen Tag beendet werden.

Darüber hinaus fordern wir, der GNS und ihrer Tochtergesellschaft BLG (Brennelementlagergesellschaft Gorleben) die Genehmigung für Transporte und Lagerung von Castor-Behältern insgesamt zu entziehen, weil die im Atomgesetz als Bedingung genannte Zuverlässigkeit nicht mehr vorliegt.

Der neueste Skandal um Castor-Behälter zeigt, dass ein
verantwortungsvoller Umgang mit hochradioaktivem Atommüll nicht möglich ist. Alles, was schief gehen kann, geht eines Tages auch schief. Man muss sich nur einmal vorstellen, wenn statt eines ICE wie jetzt bei Fulda ein Castor-Zug in einem Tunnel entgleisen würde. Selbst wenn der Behälter intakt bliebe, würde in diesem Fall die Kühlung und damit früher oder später auch die Deckeldichtung versagen. Die Freisetzung von hochradioaktiven Stoffen wäre vorprogrammiert.

Unser Fazit: Ob Störfälle in Krümmel und Brunsbüttel, ob immer neue Skandale rund um die Castor-Transporte; es zeigt sich immer wieder: Atomenergie ist zu gefährlich, um sie als Lösung für Energieversorgung der Zukunft zu nutzen. Der lang versprochene Atomausstieg muss endlich stattfinden.

Und: Sollte der Transport für 2008 nicht ebenfalls abgesagt werden, werden wir am ,Tag X' mit unseren Aktionen deutlich machen, was wir von einer verantwortungslosen Atompolitik halten. Wer der Bevölkerung weiterhin Sicherheit vorgaukelt, wo es keine gibt, muss mit Widerstand rechnen."

5. Was tun?

Wir finden, dass mit der aktuellen Debatte um die Behälter-Sicherheit genau rechtzeitig das Thema Castor zurück auf die Tagesordnung kommt. Schließlich war in Gorleben ein Jahr Castor-Pause und so ist die Auseinandersetzung um Atommüll und Atomkraft für manche etwas in den Hintergrund getreten. Eigentlich können wir uns das nicht leisten, macht die Atomlobby doch derzeit mächtig Druck in Sachen Laufzeitverlängerung. Deshalb schön, dass es heute diesen Weckruf gibt: In einem halben Jahr rollt der nächste Castor und das ist eine gute Gelegenheit, Sand im Getriebe der Atomkonzerne zu sein.

Was wir uns von Dir wünschen:

  • Markiere in deinem Kalender die erste November-Hälfte dick und halte Dir die Zeit frei. Den genauen Zeitpunkt kennen wir noch nicht.
  • Beginne rechtzeitig, Dich damit auseinanderzusetzen, ob und wie Du Dich in diesem Jahr an den Aktionen beteiligen willst.
  • Suche Dir MitstreiterInnen aus Deinem persönlichen und/oder politischen Umfeld.
  • Überlege, ob Du in den nächsten Monaten etwas zur Mobilisierung für den Tag X im Herbst beitragen kannst, sei es durch Verteilen der Flyer von X-tausendmal quer, sei es durch die Organisation einer Infoveranstaltung, was auch immer.
  • Unterstütze unsere Arbeit mit einer Spende auf das Aktionskonto von X-tausendmal quer, Nr. 24 422 803, BLZ 258 619 90, Volksbank Clenze

Viele, die hier mitlesen, waren vielleicht schon einige Jahre nicht mehr im Wendland dabei. Wir denken, dass es angesichts der Offensive der Atomlobby, die im nächsten Jahr die Begrenzung der AKW-Laufzeiten kippen will, keinen besseren Zeitpunkt gibt, wieder aktiv zu werden, als den November 2008 (früher ist natürlich auch erlaubt).

Wenn Du Dich konkret an den Vorbereitungen beteiligen willst, schreibe eine Mail an mitmachen ät X-tausendmalquer.de

Dort kannst Du Flyer vorbestellen (die wir erst produzieren), kannst darum bitten, dass Du zu einem überregionalen Vorbereitungstreffen eingeladen wirst oder sonstige Fragen und Anregungen loswerden.

Übrigens: Kürzlich ist der neue 20-seitige Papier-Rundbrief von Xtausendmal quer erschienen. Wer diesen nicht bekommen hat, kann ihn unter Angabe der eigenen Postadresse bei info ät X-tausendmalquer bestellen.

Herzliche Grüße aus dem schönen Wendland

Jochen Stay


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29.04.08    Sabine Ellersick <S.ELLERSICK@NADESHDA.org>
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