Ankuendigungs-Mailingliste von X1000 mal quer.
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Liebe Freundinnen und Freunde
Ereignisreiche Tage in Rostock und Heiligendamm liegen hinter uns. Durch
die Straßenschlachten von Rostock nach der großartigen und bunten
Demonstration am 2. Juni sah es zwischenzeitlich so aus, als würde die
Protestbewegung scheitern. X-tausendmal quer hat sich daraufhin noch
intensiver als ursprünglich geplant, in die Vorbereitung und
Durchführung der Blockadeaktionen eingebracht.
Ich denke, wer die Bilder vom 6. und 7. Juni gesehen hat, wie tausende
über Felder, Wälder und Wiesen die Polizeiabsperrungen umgehen und
durchfließen und dann über 43 Stunden die Zufahrtstraßen nach
Heiligendamm blockieren, der/die hat die "Handschrift" von X-tausendmal
quer eindeutig erkennen können. Unsere Erfahrung und unser Know-How von
den Castor-Blockaden waren an der Ostseeküste Gold wert.
Heiligendamm war immer wieder landseitig von der Außenwelt
abgeschnitten. Drei Zufahrtsstraßen und die Bahnlinie waren von bis zu
12.000 Menschen blockiert. Manche JournalistInnen witzelten schon, jetzt
gäbe es endlich mal wieder einen Gipfel in privater Atmosphäre, da die
riesigen Delegationen und die Presse nicht oder nur teilweise an den
Tagungsort durchkamen.
Insgesamt haben wir mit dem bunten gewaltfreien Widerstand während des
Gipfels die Ziele der globalisierungskritischen Bewegung deutlich
rüberbringen können. Wurde zwischen dem 2. und 5. Juni nur noch über
Gewalt diskutiert, so waren es danach wieder die Argumente der
KritikerInnen, die auf der Tagesordnung standen.
Viele Menschen haben erstmals Erfahrung mit gewaltfreiem Widerstand
gemacht. Selbst viele, die sich sonst eher der autonomen Szene zugehörig
fühlen (oder fühlten), waren beeindruckt von der Effektivität und
politischen Wirkung gewaltfreier Aktion. Unsere "5-Finger-Taktik", um
Polizeiketten zu durchfließen, ging durch die Medien und wird von vielen
internationalen AktivistInnen, die dabei waren, in ihre Länder mitgenommen.
Alle, die von X-tausendmal quer in Heiligendamm dabei waren, sind
glücklich aber absolut erschöpft wieder nach Hause gefahren. Ein Problem
bleibt: Wir haben dort viel mehr Geld ausgegeben, als ursprünglich
geplant. Das war nötig, um so viele Menschen zu organisieren, zu
versorgen und um im weitläufigen Gelände miteinander zu kommunizieren
(uns graut schon vor den Handy-Rechnungen).
Deshalb unsere Bitte: Wer sich über die kraftvollen gewaltfreien
Blockaden und ihre Außenwirkung gefreut hat, kann nachträglich etwas
dazu beitragen. Ob kleine Beiträge oder Großspenden, alles ist
willkommen. Dafür sage ich schon jetzt: Danke!
Aktionskonto: X-tausendmal quer, Volksbank Clenze, Konto 24 42 28 03,
BLZ 258 619 90
Herzliche Grüße aus dem schönen Wendland
Jochen Stay
Hier noch zwei besonders schöne Kommentare aus der taz:
taz 7.6.07
Illegal, aber richtig ...
Kommentar von Rainer Metzger
Die Blockaden der Zufahrtswege zur Gipfelzone in Heiligendamm zeigen,
wie Protest auch funktionieren kann. Es geht um den großen Unterschied
zwischen zivilem Ungehorsam und Steinewerfen auf Massendemos.
Warum Tausende die Polizeisperren rund um die verbotene Zone umgehen
konnten, weiß wohl nur die Einsatzleitung. Klar ist, was die
überraschend großen und erfolgreichen Blockaden von Straßen und
Eisenbahn den Tag über gebracht haben: viele positive Bilder in den
Medien über friedliche Demonstranten und Protestformen. Und die Frage:
Warum nehmen die Leute vor Ort das auf sich? So wurde wieder über
Inhalte diskutiert und nicht über Sicherheit. Wer Steine wirft,
überlässt den Scharfmachern das Feld und zwingt die Protestseite in eine
Diskussion, die sie nicht gewinnen kann. Bei einem solchen Großereignis
geht es auch darum, die politische Gegenseite im Ringen um die
Mehrheitsmeinung in der Gesellschaft in die Defensive zu bringen.
Mit friedlichen Blockaden gelingt das den Gipfelkritikern eher - auch
wenn sie wie die gestrigen illegal sind, weil eine bis zu zehn Kilometer
breite Zone um das Tagungshotel gezogen wurde, in der das
Demonstrationsrecht nicht mehr gilt. Die Öffentlichkeit begreift sehr
wohl, wann es Argumente für einen Verstoß gegen welche Paragrafen gibt
und wann nicht. Mit den bunten Bildern hat der Protest den anreisenden
Regierungschefs die Show gestohlen.
Außerdem haben bei Aktionen des zivilen Ungehorsams die Provokateure
beider Seiten schlechte Karten. Sie können das Bild nicht bestimmen
angesichts tausender friedlich untergehakt sitzender Menschen.
Augenzeugen vermuten, einige der frühen Steinewerfer in Rostock seien
Zivilbeamte der Sicherheitsdienste gewesen. Mag sein, solche Berichte
kennt man aus dem Wendland und von anderswo. Es ist blauäugig,
anzunehmen, dass der Staat 100 Millionen Euro für einen G-8-Gipfel
ausgibt und nicht all seine Register zieht. Wer dann aber ebenfalls
Steine gegen den vielgeschmähten "Bullenstaat" wirft, läuft genau diesem
ins Messer. Die gestrigen Blockaden boten für alle ein Beispiel, wie es
friedlicher und wirksamer geht.
taz vom 8.6.2007
Ein Chapeau den G-8-Blockierern
Kommentar von Robert Misik
Am Zaun von Heiligendamm wird nicht die Weltrevolution gewonnen. Auch
der Neoliberalismus wird nicht final besiegt. Noch nicht einmal die
Tobinsteuer kann herbeidemonstriert werden. Es geht darum, wer im Kampf
der Bilder gewinnt. Denn der mitsamt dem dazugehörigen Spindoctorship
ist das, worum sich heute zwar nicht alles, aber sehr viel dreht im
Hegemoniewettstreit der Ideen.
Wenn sich die Lage nicht mehr dramatisch wendet, ist der Bilderkampf
seit Mittwochnachmittag entschieden. So schnell kann es kippen: Tagelang
war vom autonomen Gewaltexzess die Rede, mit dem fulminanten Erfolg der
Block-G8-Aktionen ist alles anders geworden. Welch wunderbaren Bilder
produzierte die Bewegung! Junge, fröhliche, trickreiche Leute in
Kornfeld und Heidelandschaft, die sich nicht verscheuchen ließen, aber
ebenso entschlossen waren, die Grenzen zu wahren. Und dazu der
symbolische Triumph: der Landweg zum Gipfel abgeschnitten; der
Gipfeltross, der von der Marine auf dem Seeweg in die Heiligendammer
Hochsicherheitszone gebracht werden muss. Zuletzt hat das in Seattle so
gut geklappt. Ein Chapeau denen, die das orchestriert haben.
Da kann man sich auch wegzerren lassen, zumal wenn die Wegzerrer Bilder
produzieren wie die der groben, roh zupackenden Einsatzpolizisten in
ihren Kampfmaschinenoutfits. Man fragt sich, wie dumm die eigentlich
sind. Ein bisschen Medienbewusstsein kann man heute bei jedem
Kleingärtner voraussetzen. Polizeieinsatzleitern dagegen verschwenden
offenbar keinen Gedanken darauf, welche Figur ihre Leute in den
Abendnachrichten machen. Dazu als Krönung: 1.000 Verletzte, rund 500
verletzte Polizisten, davon 20 schwer, hieß es nach Rostock. Jetzt
wissen wir: Die zählen jede Bänderdehnung als schwere Verletzung. Zu den
leichten Verletzungen zählt Augenreizung. Dabei zählt das doch eher zu
Selbstverstümmelung beim Tränengasverschießen.
Nach diesem überzogenen Spindoctorship von "hunderten Verletzten" glaubt
denen künftig keiner mehr etwas. Nicht einmal gutgläubige Leute wie ich,
die bisher vorausgesetzt hatten, dass die Regeln moderner
Kommunikationsstrategien mittlerweile auch die Behördenseite kennt.
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