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Rede
21.02.2008 - Ulla Lötzer
Energiewende statt Krieg um Rohstoffe
Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Ja, Frau Kopp, wir
brauchen ein zusammenhängendes Konzept, das ökologische, soziale und
Entwicklungsperspektiven mit ökonomischen verbindet. Aber genau das vermisse
ich in Ihrem Antrag.
(Beifall bei der LINKEN)
Sie orientieren sich einseitig an den ökonomischen Interessen. Der
Klimawandel bedroht die Existenz von Millionen von Menschen. Er bedroht vor
allem die Menschen in den Entwicklungsländern, die vom Wohlstand wegen des
fehlenden Zugangs zu Energie bis jetzt ausgeschlossen sind. Daraus ergibt
sich die Verpflichtung, die nationalen Treibhausemissionen um mindestens 40
Prozent und nicht nur um 20 Prozent zu reduzieren. Andererseits müssen die
Zahlungen für die Bewältigung des Klimawandels in den Entwicklungsländern
erhöht werden. In der Entwicklungszusammenarbeit muss der
Technologietransfer für regenerative Energien und Energieeffizienz verstärkt
werden. Das findet man in Ihrem Antrag aber nicht.
(Gudrun Kopp [FDP]: Doch! Das steht doch drin!)
Sie setzen im Wesentlichen auf Ausweitung des Freihandels, auf Atomenergie
und auf eine Energie-NATO, womit diese Probleme nicht gelöst, sondern
verstärkt werden. Die meisten Menschen in den Entwicklungsländern haben bis
heute keinerlei Zugang zu Energie. Sie befürchten sogar, dass sie über die
Begrenzung der Emissionen ihrer Entwicklung zum Wohlstand beraubt werden
sollen. Der Hauptzuwachs am weltweiten Energiebedarf kommt natürlich von
Schwellenländern wie China. Vergleicht man aber den Pro-Kopf-Bedarf an
Energie, liegen Industrieländer wie Deutschland und die USA noch immer weit
vorne. Daraus ergibt sich für uns die Verantwortung, vor allem unseren
Bedarf abzusenken.
Wir müssen in der Energieaußenpolitik von dem Leitbild ausgehen: Jeder
Mensch auf der Erde hat das gleiche Recht an der Nutzung der Atmosphäre. Die
Industrieländer haben nicht das Recht, heute die Rohstoffe zu verschwenden,
die andere Länder morgen selbst brauchen.
(Beifall bei der LINKEN)
Deshalb noch einmal - obwohl darüber bereits heute Morgen diskutiert wurde
-: Mit der Biokraftstoffquote sorgt die Regierung weiterhin für das Abholzen
der Regenwälder, die Verknappung und Verteuerung von Lebensmitteln und den
Ruin von Kleinbauern. Deshalb muss die Quote zurückgenommen werden und
reicht eine Nachhaltigkeitsverordnung für die Lösung dieses Problems nicht
aus.
Wir brauchen erst recht keine weitere Handels- und
Investitionsliberalisierung, Frau Kopp. Wir brauchen im Gegenteil ein
internationales Investitionsregime bei der UN,
(Laurenz Meyer [Hamm] [CDU/CSU]: Was?)
das menschenrechtliche, soziale, gewerkschaftliche und ökologische Standards
auch für transnational agierende Konzerne festlegt. Diese müssen dann
allerdings auch sanktionsfähig sein, nicht aber die WTO.
Es ist richtig: Die Energieversorgung ist von der Abhängigkeit von fossilen
Energieträgern und vom Uran geprägt. Gerade vor diesem Hintergrund ist aber
Ihr Versuch, die Atomenergie zu rechtfertigen, lächerlich. Ich will gar
nicht auf die ungelöste Entsorgungsfrage, die Kinderkrebsstudie oder das
Risiko atomarer Unfälle eingehen. Bleiben wir bei der Rohstofffrage. In der
Uranversorgung sind wir zu 100 Prozent vom Ausland abhängig. Das derzeit
wirtschaftlich zu fördernde Uran reicht für etwa 70 Jahre. Wird der Bedarf
gesteigert, reduzieren sich die Vorräte ganz schnell. Durch den Uranabbau
werden Regionen radioaktiv verseucht. Derzeit werden Vorkommen abgebaut, die
circa 1 Prozent Uran enthalten. Fast das gesamte schwachstrahlende Material
bleibt als Abraumhalde erhalten ebenso wie die Schlammmassen, die durch die
Abtrennung entstehen. Je länger die Atomenergie genutzt wird, je größer der
Bedarf, umso mehr muss auf schlechte Erze zurückgegriffen werden. Die
ökologischen Schäden in den Abbaugebieten würden sich potenzieren. Das ist
nicht vertretbar, schon gar nicht, weil es bessere Alternativen gibt.
(Beifall bei der LINKEN)
Sie setzen neben der Atomenergie auch auf die Energie-NATO. Der Krieg um Öl
hat eine lange Tradition - leider. In der Vergangenheit ging es vor allem um
den Profit aus der Verwertung der Ressourcen. Heute kommt die Frage der
Versorgungssicherheit hinzu. Folgen des Klimawandels, Umweltkrisen, Dürren
und Wasserknappheit verschärfen Landnutzungskonflikte. Umweltprobleme
erhöhen kriegerische Gefahren. Die Bundesregierung hat leider 1992 in den
Verteidigungspolitischen Richtlinien der Bundeswehr den ungehinderten Zugang
zu Märkten und Rohstoffen zum vitalen Sicherheitsinteresse Deutschlands
erklärt. Das ist verheerend und verschärft die Kriegsgefahr weltweit, statt
für friedliche Lösungen zu sorgen.
Wir brauchen keine Bereitstellung einer Energie-NATO für einen Krieg um
Rohstoffe. Wir brauchen eine Energiewende. Wir brauchen Verfahren und
Institutionen, die die Verteilung der knappen Ressourcen friedlich und
gerecht lösen. Wir brauchen eine größere Unabhängigkeit von
Rohstoffimporten.
(Beifall bei der LINKEN)
Das heißt, wir brauchen in erster Linie Energieeffizienz und die Einsparung
von Energie. Riesige Effizienzpotenziale in Deutschland werden bisher nicht
genutzt. Wir könnten unseren Energieverbrauch nach Studien bis 2050
halbieren. Wir brauchen den massiven Ausbau erneuerbarer Energien; darüber
wurde heute Morgen bereits ausführlich diskutiert. Auf diesem Weg kann der
Energiebedarf, verbunden mit Energieeffizienzprogrammen, gedeckt werden. Für
die Realisierung brauchen wir strukturelle Eingriffe in die
Energiewirtschaft. Mit dem Energiekartell der vier großen Energiekonzerne
wird es nicht möglich sein, diese Energiewende herbeizuführen.
Wir brauchen keine NATO, die Ressourcen und Transitwege für Rohstoffe
sichert. Wir brauchen den Mut im Parlament und in der Regierung, die
Energiekonzerne zu entmachten und die Energieversorgung zu
rekommunalisieren. Dann würden wir bei der Lösung des Problems einen Schritt
weiterkommen. Danke.
(Beifall bei der LINKEN)
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