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Krebs und AKW
Aus einer Studie, die das Bundesamts für Strahlenschutz (BfS) im
Dezember 2007 veröffentlichte, geht hervor, dass die Häufigkeit von
Krebserkrankungen bei Kindern unter fünf Jahren mit der Nähe zum
Reaktorstandort deutlich zunimmt. Die Studie mit Daten von über 6000
Kindern liefert die bislang deutlichsten Hinweise auf ein erhöhtes
Krebsrisiko bei Kindern in der Nähe von Kernkraftwerken. Das Risiko ist
demnach im 5-km-Radius für Kinder unter fünf Jahren um 60 Prozent
erhöht, das Leukämierisiko um etwa 120 Prozent. Im Umkreis von fünf
Kilometern um die Reaktoren wurde für den Zeitraum von 1980 bis 2003
ermittelt, dass 77 Kinder an Krebs erkrankten, davon 37 Kinder an
Leukämie. Im statistischen Durchschnitt wären 48 Krebserkrankungen
beziehungsweise 17 Leukämiefälle zu erwarten. Der Studie zufolge gibt es
also zusätzlich 1,2 Krebs- oder 0,8 Leukämieerkrankungen pro Jahr in der
näheren Umgebung von allen 16 untersuchten Akw-Standorten.
Es ist davon auszugehen, dass Krebs nicht nur bei Kleinkindern auftritt,
sondern dass auch Kinder und Erwachsene betroffen sind -- deren
Erkrankungsraten wurden bisher allerdings weltweit noch nicht in einer
vergleichbaren Weise systematisch untersucht.
<http://vorort.bund.net/suedlicher-oberrhein/gallery.php?id=866>
Jetzt ist die Atomlobby dabei das zu tun was sie in solchen Fällen
immer tut
Mit allen (nicht nur finanziellen) Mitteln wird die Studie, an der auch
AKW Befürworter mitgearbeitet haben, diskreditiert und die Forscher
angegriffen. Ähnlicher Strategien bediente sich bisher auch immer die
Gentechlobby. Dies ist kein Wunder, schließlich arbeiten zu beiden
Themenbereichen die gleichen PR Agenturen.
In einem AKW entsteht in einem Jahr
pro Megawatt Leistung ca. die kurz- und langlebige Radioaktivität einer
Hiroshimabombe. Das heißt, in einem AKW mit 1200 MW Leistung entsteht
die Radioaktivität von ca. 1200 Hiroshimabomben. Ein Teil dieser
Radioaktivität zerfällt nach relativ kurzer Zeit. Manche radioaktiven
Stoffe ("Isotope") zerfallen in wenigen Jahren (z.B. das klimaschädliche
Krypton-85: 10,76 Jahre Halbwertzeit). Andere radioaktive Gifte haben
extrem lange Halbwertszeiten (z.B. Jod-129: 17 000 000 Jahre). Kein
Wunder, dass ein AKW im "Normalbetrieb" trotz aller Filter auch
Radioaktivität an die Umwelt abgibt.
Radioaktivität im so genannten Normalbetrieb
In der Propaganda der Atomkonzerne werden Atomkraftwerke häufig als
"abgasfrei" bezeichnet. Doch Atomkraftwerke geben auch im so genannten
Normalbetrieb über den Kamin, das Maschinenhaus und das Abwasser
radioaktive Stoffe an die Umwelt ab. Jede noch so geringe radioaktive
Strahlung kann Krebs auslösen. In der Umgebung vieler Atomanlagen wurden
erhöhte Krebsraten festgestellt. Die Grenzwerte für erlaubte
Radioaktivitätsabgabe des Atomkraftwerks Fessenheim zum Beispiel liegen
bei 925 Milliarden Becquerel/Jahr für radioaktives Material und 74.000
Milliarden Becquerel/Jahr für Tritium (laut einer dpa-Meldung). Die
erlaubte "Entsorgung durch Verdünnung", die schleichende Verseuchung
über den Kamin und das Abwasser, ist ein Skandal. Dort wo die Wikipedia
Seiten von der Atomlobby beeinflußt werden, heißt der Schornstein der
AKW sehr häufig verharmlosend "Abluftkamin".
Krebs im ganzen Brennstoff"kreislauf"
_Ein Risiko an Krebs zu erkranken gibt es nicht nur in der Nähe von
Atomkraftwerken sondern in der ganzen Brennstoffkette._ (Uranabbau,
Urananreicherung, Fertigung der Brennelemente, AKW, Zwischenlager,
Wiederaufarbeitung, Endlager, Transporte...)
Deutlich wird das Krebsrisiko beim Uranabbau.
Für jede Tonne verwertbares Uranerz fallen bis zu 2000 Tonnen
strahlender, umweltbelastender Abraum an. Das beim Uranbergbau verstärkt
entweichende Radongas macht die Bergwerksarbeiter und AnwohnerInnen
krank. Ein Beispiel ist der Uranabbau der "Wismut" in Ost-Deutschland:
Auf Grund der hohen Strahlenbelastung in diesen Gebieten traten dort
verstärkt Krebserkrankungen auf. Allein rund 7.000 Lungenkrebsfälle sind
dokumentiert. Insgesamt gehen Schätzungen von mehr als 20.000 Opfern im
deutschen Uranabbau aus. Die Sanierung der deutschen Urangruben der
Wismut hat die SteuerzahlerInnen 6,5 Milliarden Euro gekostet. Die
gesundheitlichen Folgen des Uranabbaus in den Ländern der Dritten Welt
sind verheerend.
Dieser Text unterliegt dem Urheberrecht und dient exklusiv Ihrer
persönlichen Information.
Kernkraftwerke erhöhen das Krebsrisiko für Kinder. Das hat eine Studie
bewiesen.
Doch vielen Wissenschaftlern behagt dieses Ergebnis offenbar nicht
/Von Sebastian Pflugbeil/
Je näher Kinder an einem Kernkraftwerk wohnen,
desto höher ist ihr Risiko, an Krebs zu erkranken. Was jahrzehntelang
als freie Erfindung oder unqualifizierte Übertreibung bärtiger
Atomkraftgegner verhöhnt wurde, ist nun als Tatsache auf dem
höchstmöglichen wissenschaftlichen Niveau in Deutschland angekommen.
Dennoch tobt ein erbitterter Streit um dieses eigentlich eindeutige
Ergebnis der Studie, die das Mainzer Kinderkrebsregister im Auftrag des
Bundesamtes für Strahlenschutz angefertigt hat. Der Grund: Das Ergebnis
schmerzt neben den Betreibern der Kernkraftwerke seltsamerweise auch
einige Autoren der Studie so stark, dass sie mit wissenschaftlich
unseriösen Argumenten versuchen, das gravierende Ergebnis zu
relativieren. Das wiederum hängt mit der Vorgeschichte der Studie zusammen.
Es ist 15 Jahre her,
seit das Mainzer Institut für Medizinische Statistik und Dokumentation
(IMSD) eine umfangreiche Studie zur Erkrankungshäufigkeit von
Kinderkrebs um deutsche kerntechnische Anlagen vorlegte. Die Studie
untersuchte Daten von 1980 bis 1995. Ihr Ergebnis war: keine erhöhten
Krebsraten bei Kindern unter 15 Jahren im Radius von 15 Kilometern um
die Kernkraftwerke. »Nebenbei« stellte sich aber eine dreifach erhöhte
Leukämierate bei Kleinkindern unter fünf Jahren im
Fünf-Kilometer-Nahbereich kerntechnischer Anlagen heraus. Fünf Jahre
später folgte eine zweite Studie des IMSD. Das Ergebnis: Kein erhöhtes
Leukämierisiko für Kinder im Umfeld von Kernkraftwerken.
Der Münchner Physiker Alfred Körblein
sah sich die Studie näher an. Er wollte wissen, was es mit dem
Leukämierisiko auf sich hat. Erst im Methodenteil fand er die Erklärung
dafür, dass die beunruhigend erhöhte Leukämierate der ersten Studie in
der zweiten unauffällig wurde. Die Autoren hatten klammheimlich die
Methode so verändert, dass am Ende alles im grünen Bereich war. Körblein
konnte nachweisen, dass bei Anwendung der gleichen Methode wie in der
ersten Studie auch die Daten der zweiten Studie ein rund dreifach
erhöhtes Leukämierisiko bei Kindern unter fünf Jahren aufgewiesen
hätten. Außerdem fand Körblein schon damals eine signifikante
Abhängigkeit des Krebsrisikos von der Entfernung zum Kernkraftwerk.
Im Frühjahr 1998 bat Körblein den Leiter des IMSD, Professor Jörg
Michaelis, um Überlassung der standortspezifischen Daten für
Kleinkinder. Die Auswertung der Daten für Kleinkinder unter fünf Jahren
ergab ein deutlich signifikanteres Ergebnis als für Kinder unter 15
Jahren. Die Krebsrate war im Nahbereich von Kernkraftwerken signifikant
um 54 Prozent erhöht, die Leukämierate gar um 76 Prozent. Diese
Ergebnisse wurden zunächst im Strahlentelex und im August 1999 in der
amerikanischen Fachzeitschrift Medicine and Global Survival veröffentlicht.
Auf entsprechende Weise überprüfte Körblein die Kinderkrebsraten um
bayrische Kernkraftwerke und fand auch dort deutlich erhöhte Krebsraten
bei Kindern. Körblein wurde von den eigentlich zuständigen Behörden und
hochrangigen Epidemiologen verspottet - als texanischer Scharfschütze,
»der erst ein Loch in die Wand schießt und dann die Zielscheibe herummalt«.
Erst eine Unterschriftensammlung der atomkritischen Ärzteorganisation
IPPNW erreichte
schließlich, dass das Bundesamt für Strahlenschutz mit dem neuen
Präsidenten Wolfram König entschied, in einer neuen Studie den
auffälligen Befunden gezielt nachzugehen. Nach längeren Diskussionen
einigte sich eine Kommission auf eine Fall-Kontroll-Studie: Es sollte
geprüft werden, ob krebskranke Kinder im Mittel näher an Kernkraftwerken
wohnen als Kinder ohne Krebs. Den Zuschlag für die Studie erhielt das
Mainzer Kinderkrebsregister am IMSD, pikanterweise ebenjenes
Forschungsnetzwerk, das zweimal zuvor zu einer sehr ähnlichen
Fragestellung fast nichts gefunden hatte. Es wurde eine
Expertenkommission eingerichtet, welche die Studie kritisch begleiten
sollte - ihr gehörte auch Körblein an.
Nach sechsjähriger Arbeit
wurde die international größte derartige Studie jetzt vorgelegt. Sie
untersucht die Umgebung von 16 Kernkraft-Standorten in Deutschland über
einen Zeitraum von 23 Jahren mit dem schärfsten epidemiologischen
Instrument, einer Fall-Kontroll-Studie. Erstmals werden nicht nähere und
fernere Regionen miteinander verglichen. Es wird der jeweilige genaue
Abstand zwischen Wohnort und nächstgelegenem Kernkraftwerk der
krebskranken und der gesunden Kinder bis zum Alter von fünf Jahren
analysiert. Das Ergebnis steht wegen der ausgefeilten Methode sowie des
Umfangs und der Genauigkeit der Daten nun wie ein Fels in der Brandung.
Erstmals erkennen nun Atomkraftkritiker, Atomkraftbefürworter und die
Neutralen
gemeinsam dieses Ergebnis an. Überraschend ist jedoch, dass die Autoren
der Studie selbst die größten Probleme mit ihrer hervorragenden Studie
zu haben scheinen. So schreiben sie in der Zusammenfassung, also in dem
Teil der Studie, den Politiker und Journalisten bestenfalls lesen, einen
ebenso merkwürdigen wie langen Satz: »Obwohl frühere Ergebnisse mit der
aktuellen Studie reproduziert werden konnten, kann aufgrund des
aktuellen strahlenbiologischen und -epidemiologischen Wissens die von
deutschen Kernkraftwerken im Normalbetrieb emittierte ionisierende
Strahlung grundsätzlich nicht als Ursache interpretiert werden.«
Also: Mehr Kinderkrebs im Umfeld von Kernkraftwerken, ohne dass diese
Krankheit etwas mit der Strahlung der Kraftwerke zu tun hätte. Das
klingt schon deshalb seltsam, weil sich die Studie gar nicht mit
ionisierender Strahlung befasst hat. Das begleitende Expertengremium ist
»einhellig der Überzeugung«, dass »dieser Zusammenhang aufgrund des
besonders hohen Strahlenrisikos für Kleinkinder sowie der unzureichenden
Daten zu Emissionen von Leistungsreaktoren keineswegs ausgeschlossen
werden kann«.
Doch damit nicht genug:
Wie viele Kinder sind denn nun infolge ihrer Kernkraft-nahen Wohnung
zusätzlich an Krebs oder Leukämie erkrankt? In der Zusammenfassung geben
die Autoren an, dass im Fünf-Kilometer-Radius um ein Kernkraftwerk
innerhalb von 23 Jahren 29 zusätzliche Krebserkrankungen ermittelt
wurden. Das erscheint zumindest statistisch nicht weiter schlimm oder
anders gesagt: Das soll nicht schlimm erscheinen. Die Autoren
unterschlagen dabei, dass viel mehr Kinder außerhalb der fünf Kilometer
wegen der Nähe zum Kernkraftwerk erkranken. Die begleitenden Experten
haben diesen Trick scharf kritisiert. Sie gehen im Untersuchungszeitraum
von insgesamt 121 bis 275 zusätzlichen Krebsfällen bei Kleinkindern im
Radius von 50 Kilometern um Atomanlagen aus.
Der Lack ist ab - Atomsicherheit und Strahlenschutz schützen die Kinder
in der Umgebung deutscher KKWs nicht vor Gesundheitsschäden. Das ist
nicht Ideologie, nicht Theorie, sondern Tatsache.
/Sebastian Pflugbeil
ist Präsident der Gesellschaft für Strahlenschutz und Mitglied des
Expertengremiums der Studie.
Deren Votum und die Studie stehen: www.bfs.de
Die Arbeiten von Alfred Körblein findet man www.alfred-koerblein.de/
Nachdruck mit freundlicher Genehmigung von Publik-Forum
Quelle: Publik-Forum, Nr. 24 vom 21. Dez. 2007
Das Heft kann nachbestellt werden bei
Redaktion und Verlag Publik-Forum
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AKW und Krebs
"Eine grandiose Täuschung"
Quelle: 18.12.2007 TAZ
_Der Epidemiologe Eberhard Greiser erhebt schwere Vorwürfe gegen die
Leiterin der Studie zum Thema Leukämie im Umkreis von AKWs: Sie soll die
Ergeb-nisse bei der Veröffentlichung verharmlost haben._
_taz: Herr Greiser, haben Kinder, die in der Nähe von Atomkraftwerken
aufwachsen, ein erhöhtes Krebsrisiko? _
Eberhard Greiser: Das ist eindeutig so. Die neue Studie hat die Daten
von 22 deutschen Kernkraftwerken an 16 Standorten ausgewertet.
_Aber ein erhöhtes Krebsrisiko besteht nur im 5-Kilometer-Umkreis, sagt
die Leiterin der Studie, Prof. Maria Blettner. _
Die Aussage ist falsch. Die Auswertungen in ihrem eigenen
Abschlussbericht zeigen, dass das Risiko bis zu einer Entfernung von 50
Kilometern höher ist als weiter entfernt und dass das Erkrankungsrisiko
mit zunehmender Entfernung von Atomkraftwerken kontinuierlich abnimmt.
_Sie behaupten, dass Frau Prof. Blettner die Studie ihres Institutes
falsch darstellt? _
In der Studie sind die Daten korrekt ausgewertet. Aber das, was Frau
Prof. Blettner als Ergebnis in die Öffentlichkeit kommuniziert, ist
schlicht falsch. Das kann man auch nicht als Streit unter Experten
abtun. Das ist eine so grandiose Täuschung der Öffentlichkeit, dass man
sich fragen muss, ob hier nicht die Grenze zwischen Täuschung und
Fälschung überschritten wird.
_Außerhalb des 5-Kilometer-Kreises ist die Erhöhung des Risikos aber
sehr gering. _
Das stimmt so nicht: Im 5-Kilometer-Kreis ist das Risiko um 60 bis 75
Prozent höher, in 5 bis 10 Kilometern Entfernung um 20 bis 40 Prozent
erhöht, weiter entfernt sinkt das Risiko bis auf sehr kleine Werte. Wenn
Sie die Zahl der Bewohner nehmen, gibt es in der 50-Kilometer-Zone
allerdings deutlich mehr betroffene Kinder.
_In der ersten Pressemitteilung des Mainzer Institutes für Epidemologie
(Imbei) am vergangenen Montag stand aber: "Außerhalb der
5-Kilometer-Zone fanden sich keine erhöhten Erkrankungsrisiken."_
Der Satz stand zunächst auf der Internetseite des Mainzer Instituts, ist
nun aber ge-strichen. Frau Prof. Blettner hat erklärt, dass nur 29 Fälle
von Krebserkrankung bei Kin-dern innerhalb von 24 Jahren der Nähe zu den
Kernkraftwerken zuzuschreiben sind. Wenn man korrekt rechnet und das
Risiko außerhalb des 5-Kilometer-Radius einbezieht, findet man je nach
Rechnungsmethode zwischen 121 und 275 Fälle. Beide Berechnungen finden
sich in der Studie ihres Hauses. Prof. Blettner hat sich in ihrer
Darstellung gegenüber der Öffentlichkeit also um einen Faktor fünf bis
zehn verschätzt. Von allen Krebserkrankungen bei Kindern unter 5 Jahren,
die im 50-Kilometer-Umkreis von Kernkraftwerken leben, sind 8 bis 18
Prozent auf das Wohnen in der Nähe des Atomkraftwerkes zurückzuführen.
Die Studie gibt deutliche Hinweise, dass Kernkraftwerke im Normalbetrieb
gesundheitlich nicht unbedenklich sind.
_Wie deuten Sie das Vorgehen von Prof. Blettner? _
Ich halte das bei einer Wissenschaftlerin für enorm kritisch, wenn sie
die offenkundigen Ergebnisse ihrer eigenen Forschung in einer Weise
manipuliert, dass ein Effekt fast bis zur Unkenntlichkeit verharmlost
wird. Man fragt sich natürlich, warum eigentlich.
In der Öffentlichkeit spricht Frau Prof. Blettner von der Möglichkeit,
dass es bisher noch unbekannte Faktoren gibt oder dass es sich doch um
Zufall handelt.
Diese Erklärungsversuche sind abwegig. Ich vermute, dass Frau Prof.
Blettner selbst von den Ergebnissen überrascht worden ist und deshalb
nun davon abrückt. Diese Studie ist weltweit die größte Studie zu dem
Thema. Das Expertengremium, das sie im Auftrag des Bundesamtes für
Strahlenschutz begleitet hat und dem ich angehöre, hat keinen Zweifel
daran, dass hier korrekt gearbeitet worden ist.
_Die FAZ spricht von "rätselhaften Zusammenhängen"._
Die Zusammenhänge sind für die Mitglieder des Expertengremiums des
Bundesamtes für Strahlenschutz nicht rätselhaft, sondern sehr plausibel.
Welcher Zufall sollte für einen so eindeutigen Abfall der
Erkrankungshäufigkeit bei zunehmender Entfernung verantwortlich sein?
_
Was ist normalerweise das Verfahren bei der Veröffentlichung solcher
Studien? _
Das übliche Verfahren bei einer komplexen oder absehbar sensiblen Studie
ist, dass zur Sicherung der Qualität ein Beirat eingerichtet wird. Der
steht den Wissenschaftlern bei-seite, die die Studie durchführen, macht
am Ende seinen Bericht, der den Wissenschaft-lern bescheinigt, dass die
Studie ordentlich durchgeführt worden ist. Dann wird das Ganze den
Auftraggebern vorgelegt, und schließlich wird das Ergebnis gemeinsam
verkündet und öffentlich interpretiert. Frau Prof. Blettner hat sich im
Laufe des vergangenen Jahres jedoch gegen eine externe Qualitätsprüfung
durch Mitglieder des Expertengremiums ge-wehrt. Was hier passiert ist,
habe ich in meinem ganzen beruflichen Leben noch nicht erlebt.
_
Hat der wissenschaftliche Beirat Frau Prof. Blettner erklärt, wieso er
die Ergebnisse anders interpretiert? _
Es geht hier überhaupt nicht um eine Interpretation von Ergebnissen,
sondern vor allem darum, dass Ergebnisse, die sich eindeutig im
Abschlussbericht der Studie finden, der Öffentlichkeit unterschlagen
werden. Frau Prof. Blettner hat sich auch einer Diskussion nicht
gestellt. Sie ist am 10. Dezember, als der Termin mit dem
Expertengremium war, nicht erschienen.
_
Soll man Eltern kleiner Kinder, die im Umkreis von 50 Kilometern von
Atomkraft-werken leben, raten, wegzuziehen?_
Man kann ja nicht die Gegenden um alle deutschen Kernkraftwerke
menschenleer machen. Gott sei Dank erkranken ja auch nur sehr wenige
Kinder unter 5 Jahren an Leu-kämie oder an anderen Krebsarten. In ganz
Deutschland bekamen im Untersuchungs-zeitraum von 24 Jahren mehr als
13.000 Kinder dieser Altersgruppe Krebs. Im Bereich unter 50 Kilometer
um die 16 Standorte deutscher Kernkraftwerke erkrankten insgesamt 1.523
Kinder. Bei 121 bis 275 von ihnen ist der Krebs auf das Wohnen in der
Nähe des Kernkraftwerkes zurückzuführen - das sind vermutlich zwischen 5
und 12 pro Jahr.
_Umziehen oder nicht umziehen?_
Ich würde mir einen Umzug genau überlegen. Die Emissionen der
Kernkraftwerke sind ja nur ein Faktor von vielen, die zu Krebs im
Kindesalter führen können. Und viele Faktoren können die Eltern auch
ohne Umzug beeinflussen. Rauchen während der Schwanger-schaft oder in
der Umgebung von Kleinkindern ist deswegen gefährlicher, weil noch viel
zu viele Mütter rauchen. Insektizide im Haushalt sind in Deutschland
praktisch überall überflüssig, stellen aber für Leukämien und
Lymphdrüsenkrebs einen starken Risikofaktor dar. Vergleichbares gilt für
Holzschutzmittel. Einige Gruppen von sehr feinen Stäuben sind auch
krebserregend, und elektromagnetische Felder, die von vielen
Haushaltsge-räten ausgehen, sind ebenfalls Risikofaktoren.
_
Können die geringen Mengen an Isotopen aus einem AKW im Routinebetrieb
Krebs erzeugen?_
Der Grenzwert, von dem Frau Prof. Blettner ausgeht, leitet sich ab von
Untersuchungen von Erwachsenen aus Hiroschima und Nagasaki. Da diese
Langzeituntersuchungen erst in den Fünfzigerjahren des letzten
Jahrhunderts angefangen wurden, können wir daraus überhaupt nichts
ableiten für das Krebsrisiko von Kleinkindern. Die waren nämlich damals
bereits gestorben, wenn sie durch die Strahlung einen Krebs
davongetragen hatten.
Wir wissen aber, dass der wachsende Organismus und noch viel mehr der
nicht geborene sehr viel sensibler ist gegenüber Strahlungen als der
erwachsene Körper. Die vom Bun-desamt für Strahlenschutz eingesetzte
Expertengruppe, die die Studie begleitet hat, ist daher zu dem Ergebnis
gekommen, dass man keineswegs ausschließen kann, dass die statistisch
signifikanten Effekte durch AKWs verursacht worden sind.
_Wie sollen Eltern damit umgehen? _
Eltern, deren Kinder Krebs bekommen haben, sollten überlegen, ob sie
nicht die Betreiber haftbar machen. Die haben jahrzehntelang behauptet,
es könne nichts passieren.
INTERVIEW: KLAUS WOLSCHNER
IGNORANTEN-FRONT
"Wir finden in Deutschland einen Zusammenhang zwischen der Nähe der
Wohnung zu einem Kernkraftwerk und der Häufigkeit, mit der Kinder vor
ihrem fünften Geburtstag an Krebs erkranken", sagt Peter Kaatsch, Chef
des deutschen Kinderkrebsregisters. Zu-sammen mit seiner Mainzer
Kollegin Prof. Maria Blettner hat er seit 2003 die bisher größte Studie
zu dem Thema geleitet: Alle an Krebs erkrankten Kinder unter 5 Jahren,
die im Umkreis von 50 Kilometern eines AKWs lebten, wurden einbezogen.
Am 10. Dezem-ber wurden die Ergebnisse veröffentlicht.
Aber was nicht sein darf, ist angeblich auch nicht so. Kaatsch sei
selbst von dem Ergebnis "verblüfft" gewesen, berichtet die Zeit und
stellt klar: "Mit Strahlung lässt sich das Krebs-risiko nicht erklären."
Auch viele andere Medien vertreten diese Position. Die FAZ schreibt von
"rätselhafte Zusammenhängen". Die Welt ist der Auffassung, nur
"notorische Atomkraftgegner" könnten einen Zusammenhang von Strahlung
durch laufende AKWs und Krebserkrankungen entdecken. Auch das Bundesamt
für Strahlenschutz stünde wegen dieser Interpretation "im Zwielicht".
_EBERHARD GREISER_ ist Professor für Epidemiologie und medizinische
Statistik an der Universität Bremen und Geschäftsführer einer
Beratungsfirma für epidemiologische und sozialmedizinische Studien. Er
war bereits für mehrere epidemiologische Studien zu Ur-sachen für
Leukämie und Lymphdrüsenkrebs verantwortlich. Auch das Konzept für die
Untersuchung, die das Mainzer Institut für Epidemologie (Imbei) im
Auftrag des Bundes-amtes für Strahlenschutz (BfS) durchgeführt hat,
stammt von ihm. Zugleich gehörte er dem externen Expertengremium für die
Studie an.
Kritische Hintergrundinformationen zu: AKW, KKW, Atomenergie,
Kernenergie, Euroreaktor, Europäischer Druckwasserreaktor EPR,
Atomwaffen, Atomkraftwaffen, Atomparteien, EnBW, E.ON, Vattenfall, RWE.
Atomenergie Ausstellung - Eine umfassende Information
<http://vorort.bund.net/suedlicher-oberrhein/akw-kkw-atomkraftwerk-kernkraftwerk
.html>
/BUND - Info zum Thema AKW, Atomkraftwerke, Atomwaffen und Atomgefahren/
Druckwasserreaktor - Atomreaktor - Kernreaktor
<http://vorort.bund.net/suedlicher-oberrhein/druckwasserreaktor-atomreaktor.html>
/Information und Funktionsweise/
Siedewasserreaktor - Atomreaktor - Kernreaktor
<http://vorort.bund.net/suedlicher-oberrhein/siedewasserreaktor-atomreaktor.html>
/Information und Funktionsweise/
Kurzinfos zu allen deutschen AKW / Krebs & Kinderkrebs
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AKW Biblis <http://vorort.bund.net/suedlicher-oberrhein/akw-biblis.html>
AKW Brokdorf <http://vorort.bund.net/suedlicher-oberrhein/akw-brokdorf.html>
AKW Brunsbüttel
<http://vorort.bund.net/suedlicher-oberrhein/akw-brunsbuettel.html>
AKW Emsland
<http://vorort.bund.net/suedlicher-oberrhein/akw-kkw-emsland-rwe.html>
AKW Grafenrheinfeld
<http://vorort.bund.net/suedlicher-oberrhein/akw-grafenrheinfeld.html>
AKW Grohnde <http://vorort.bund.net/suedlicher-oberrhein/akw-grohnde.html>
AKW Gundremmingen
<http://vorort.bund.net/suedlicher-oberrhein/akw-gundremmingen.html>
AKW Isar <http://vorort.bund.net/suedlicher-oberrhein/akw-isar.html>
AKW Krümmel <http://vorort.bund.net/suedlicher-oberrhein/akw-kruemmel.html>
AKW Neckarwestheim
<http://vorort.bund.net/suedlicher-oberrhein/akw-neckarwestheim.html>
AKW Philippsburg
<http://vorort.bund.net/suedlicher-oberrhein/akw-philippsburg.html>
AKW Unterweser
<http://vorort.bund.net/suedlicher-oberrhein/akw-unterweser.html>
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