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junge Welt vom 20.01.2003
Widerspenstige ATTAC-Basis
Göttingen: Ratschlagsteilnehmer lehnen bereits veröffentlichte
Stellungnahme zu Globalisierung ab
Daniel Behruzi
Kontrovers ging es auf dem bundesweiten Ratschlag des
globalisierungskritischen Netzwerks ATTAC am Wochenende in Göttingen
zu. Vor allem über eine gemeinsam mit dem Deutschen Gewerkschaftsbund
(DGB) und Nicht-Regierungsorganisationen im November letzten Jahres
veröffentlichte Erklärung zur Globalisierung gab es unter den mehr als
400 Teilnehmern zum Teil heftige Debatten. Die Kritiker bemängelten,
die neoliberale Globalisierung, das GATS-Abkommen und Privatisierung
würden darin nicht nur grundsätzlich akzeptiert, sondern zum Teil
sogar begrüßt. »Dieses Papier sagt in der Essenz: Eine andere Welt ist
doch nicht möglich. Sie ist auch gar nicht nötig. Es reicht, wenn wir
den Kapitalismus etwas netter schminken«, sagte Claus Ludwig von ATTAC
Köln. Die Gruppen aus Köln und Hamburg hatten beantragt, die
Unterschrift unter das DGB/Venro-Papier zurückzuziehen.
Kritisiert wurde auch das Zustandekommen der Erklärung, die trotz
ihrer großen Bedeutung in keinem Gremium des Netzwerks außerhalb des
20köpfigen Koordinierungskreises diskutiert worden war. Dies sei eine
»Mißachtung elementarer demokratischer Spielregeln«, so Ludwig bei der
Antragsbegründung. Die inhaltliche Kritik an dem Papier war beinahe
einhellig. So erklärte Angela Klein von den Euromärschen, darin finde
sich »nichts als linke Phraseologie, die auch die Bundesregierung
pflegt«.
Die Verteter des Koordinierungskreises begründeten ihr Vorgehen in
erster Linie mit bündnispolitischen Erwägungen. So sei eine
»strategische llianz« mit den Gewerkschaften für ATTAC von großer
Bedeutung. Die gemeinsame Erklärung sei ein »Türöffner« in die
Gewerkschaftshäuser, erklärten Befürworter des Papiers. Die
Notwendigkeit einer Zusammenarbeit mit den Gewerkschaften wurde indes
auch von den Kritikern nicht bestritten. Lucy Redler aus Hamburg
sagte, man müsse aber zunächst eigene Forderungen formulieren und dann
sehen, »mit welchen Organisationen sich Schnittmengen ergeben, nicht
umgekehrt erst die Bündnispartner aussuchen und dann die eigenen
Positionen denen anpassen«.
Peter Wahl vom Koordinierungskreis bezeichnete die Kontroverse als
»tiefgehend und ernsthaft«. Sie könne »zum Anfang vom Ende von ATTAC
werden«, sagte er. Kurt Haymann, ebenfalls Mitglied des
Koordinierungskreises, argumentierte, ATTAC mache sich unglaubwürdig,
wenn die Unterschrift unter das Papier zurückgezogen werde.
Die Erklärung wurde schließlich in einem »Meinungsbild« mit
überwältigender Mehrheit abgelehnt. Gleichzeitig fanden die Anträge,
die ein Zurückziehen der Unterschrift forderten, keine Mehrheit. Statt
dessen wurde eine Zusatzerklärung zum DGB/Venro-Papier beschlossen, in
der es heißt, das Papier widerspreche dem in der »Frankfurter
Erklärung« festgehaltenen ATTAC-Konsens.
Neben dieser Kontroverse gab es beim Ratschlag eine Reihe weiterer
inhaltlicher Debatten, unter anderem über den drohenden Angriff auf
den Irak und das GATS-Abkommen zur weiteren Liberalisierung des
Dienstleistungssektors. Mit einer Auftaktveranstaltung wurde die
ATTAC-Friedenstour gegen den Irak-Krieg eröffnet, bei der in den
nächsten Tagen in 17 Städten Veranstaltungen mit internationalen
Rednern stattfinden werden. Schwerpunkte bilden in den nächsten Wochen
die Mobilisierung zum internationalen Aktionstag gegen den drohenden
Irak-Krieg am 15. Februar in Berlin, zum G-8-Gipfel im Juni im
französischen Evian sowie zur WTO-Tagung, die im September im
mexikanischen Cancun stattfinden wird.
(Siehe auch Interviews mit Claus Ludwig und Kurt Haymann)
Adresse: http://www.jungewelt.de/2003/01-20/013.php
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